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Nachruf:Gespür für Ohrwürmer

Walter Becker Passes Away; Walter Becker

Der Gitarrist Walter Becker wurde 1950 in New York geboren. 1972 gründete er mit Donald Fagen die Band „Steely Dan“, die Hits wie „Do It Again“ und „Peg“ hatte.

(Foto: Media Punch/face to face)

Der Gitarrist und Songschreiber Walter Becker ist tot. Einst gründete er mit seinem Studienfreund Donald Fagen die Band "Steely Dan" - benannt nach einem dampfbetriebenen Dildo aus dem Roman "Naked Lunch".

Der Gitarrist und Songschreiber Walter Becker ist am Sonntag gestorben, der 1971 gemeinsam mit seinem Studienfreund Donald Fagen die BandSteely Dan gegründet hatte. Die beiden verband eine musikalische Zwillingsbruderschaft, die so weit ging, dass sie auch auf ihren Soloplatten so klangen, als spielten sie gemeinsam.

Eigentlich waren die beiden vor allem Songschreiber. So hatten sie ihre Karriere auch begonnen. Erst im legendären Brill Building, jener Songfabrik in der Hausnummer 1619 am Broadway in New York, in dem während der Sechzigerjahre ein beträchtlicher Teil der amerikanischen Pophits geschrieben wurde. Sie passten da gut hin. Becker stammte aus dem New Yorker Arbeiterbezirk Queens, Fagen aus den Vororten von New Jersey. Einer ihrer ersten Erfolge war der Song "I Mean To Shine" für Barbra Streisand.

Was sie eigentlich zusammenschweißte war allerdings nicht ihr Gespür für Ohrwürmer und Jazz-Arrangements, sondern ihr Humor. Ende der Sechzigerjahre zogen sie zwar nach Los Angeles, weil sich der Schwerpunkt der Popindustrie da gerade hin verlagerte. Sie hatten einen Vertrag vom ABC/Dunhill-Label bekommen, wo man bald begriff, dass ihre Songs und Texte als Mainstream-Produktionen viel zu komplex waren und ihnen einen eigenen Plattenvertrag gab. Und da zeigte sich dann auch schon gleich, dass sie sich ihren trockenen New Yorker Humor auch in Kalifornien behielten. Sie benannten ihre Band nach dem dampfbetriebenen Dildo "Steely Dan III aus Yokohoma" aus William Burroughs Roman "Naked Lunch", der in einer jener Szenen eine Schlüsselrolle spielte, für die das Buch auf dem Index landete.

Begegnete man Becker und Fagen später bei einem Interview, konnte einen der New Yorker Humor der beiden schnell aus der Bahn werfen. Man spürte, wie einig sich die beiden waren, was sie lustig oder gut oder cool fanden. Wenn das Gespräch dann aus dem Ruder lief und man irgendwo bei der Philosophie von Baudrillard landete und die beiden meinten "Das ist jetzt echt das erste Interview mit Baudrillard", wusste man, dass man gewaltig das Thema verfehlt, aber die beiden wenigstens nicht gelangweilt hatte.

Ähnlich trieben sie auch ihre Musiker in den Wahnsinn. Die Steely-Dan-Urbesetzung hatte sich schon nach dem ersten Album "Can't Buy A Thrill" 1972 verabschiedet. Legendär waren die Arbeiten an ihrem besten und erfolgreichsten Album "Aja", für das sie dieselben Songs unzählige Male in immer neuen Band-Besetzungen einspielen ließen.

Walter Becker war dabei als Musiker auch nicht eitel. Live spielte er am liebsten Bass, weil er sich so im Hintergrund halten konnte. Und bei Aufnahmen holte er gerne die besten Gitarristen ins Studio. Die Beatles hätten für die schwierigen Stellen ja auch Eric Clapton engagiert, erklärte er gern.

Der Perfektionismus zahlte sich aus. Obwohl die Songs mit ihren Jazz- und Funk-Grooves und ihren verschachtelten Doppeldeutigkeiten klar für einen Ostküstenintellektualismus standen, der damals gar nicht so in Mode stand, landeten Songs wie "Do It Again", "Rikki Don't Lose That Number", "Peg", oder "Deacon Blues" in den Charts.

Bei den Aufnahmen für "Gaucho", das 1980 herauskam, trieben sie dann allerdings nicht nur ihre Musiker, sondern auch sich selbst in den Wahnsinn. Der großzügige Umgang mit Drogen und Alkohol gab ihnen den Rest. Steely Dan löste sich auf. Walter Becker zog nach Hawaii. Donald Fagen machte eine Solokarriere. Erst in den Neunzigerjahren fanden sie wieder zusammen, brachten noch einmal zwei Alben heraus, für die sie sogar noch Grammys bekamen. Am Sonntag ist Walter Becker nun aus noch unbekannten Gründen gestorben. Donald Fagen veröffentlichte einen berührenden Abschiedsgruß an seinen "Freund, Schreibpartner und Bandkollegen", der gerade einmal 67 Jahre alt wurde.