Nachruf Geoffrey Hartman

In Deutschland, in Frankfurt am Main, wurde Geoffrey Hartmann 1929 als Kind einer jüdischen Familie geboren. In den Vereinigten Staaten, in Yale, wurde er zu einem der großen Philologen seiner Generation.

Von Thomas Meyer

Die verschiedenen Möglichkeiten des Verstehens als Geschenk anzunehmen und aus dem Geschenk Verantwortung für den Erhalt und die Fortführung dieses Verstehens abzuleiten, dieser zugleich existenzielle und hermeneutische Zirkel prägte das Leben und das Werk des Literaturwissenschaftlers Geoffrey H. Hartman.

Geboren am 11. August 1929 in die jüdische Frankfurter Familie Hartmann, im letzten Moment 1939 mit einem unbegleiteten Kindertransport nach England entkommen, wurde Hartman, wie er sich in den USA nannte, zu einem einzigartigen Akteur aller wichtigen Debatten darüber, was Literatur sein kann. Bereits die an der Yale University abgeschlossene und 1954 veröffentlichte Dissertation über Wordsworth, Hopkins, Rilke und Valéry schritt souverän die damaligen Deutungsangebote eines avancierten Literaturbegriffs aus.

Die frühe Selbständigkeit Hartmans zeigte sich nicht nur im Umgang mit den Theorien solcher Großfiguren wie der Romanisten Erich Auerbach und Leo Spitzer, sondern mehr noch in seinen oftmals sehr knappen Aufsätzen, in denen er Begriffe von Nietzsche, Heidegger oder den frühen Strukturalisten regelrecht testete, um zu verstehen, wie mit ihnen die großen Traditionen seit Shakespeare neu vermessen werden können.

Hartmans Vortrag "Strukturalismus und Literaturwissenschaft" am 25. November 1966 im Berliner Hüttenweg 9 war ein Ereignis. Wurde doch durch ihn das Gerücht namens Strukturalismus erstmals greifbar und zugleich die weite Theoriewelt nach Deutschland importiert. Hartman gehörte zu jenen, die wie Jacques Derrida oder Jean Starobinski von Peter Szondis "Lehrstuhl für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft" der FU Berlin eingeladen worden waren und die dank Szondi in Deutschland einen Ort der Begegnung hatten, obwohl nur wenige Kilometer Luftlinie entfernt die planmäßige Vernichtung ihresgleichen geplant worden war. Später pflegte Hartman enge Freundschaften mit deutschen Wissenschaftlern in Konstanz, Heidelberg und natürlich Berlin, weil er überzeugt war, dass hier ein Gespräch im Sinne des existenziellen wie hermeneutischen Zirkels möglich geworden war.

Auftritte wie jener bei Szondi gehörten zum groß angelegten Vorhaben des nunmehrigen Yale-Professors, Literatur und das Nachdenken über sie über die Grenzen der Selbstzufriedenheitszonen hinauszutreiben. Seine Aktivitäten blieben nicht unkommentiert. Seine schwankende Haltung zu Jacques Derrida oder seine Stellung zur amerikanischen Literatur erfuhren scharfe Kritik. Tatsächlich aber verstand sich Hartman hier als Testperson: er zog sich mal die Maske der Dekonstruktion, dann des "New Criticism" an, um möglichst keine Facette des ewigen Faszinosums Literatur zu übersehen. Will man diese geistigen Abenteuer verstehen, dann lese man noch einmal "Deconstruction and Criticism" (1979) oder "Criticism in the Wilderness" (1980), und schlagartig wird der Kleinmut gegenwärtiger Diskussionen über die Literaturwissenschaft deutlich.

Im Ausschreiten dessen, was Leben und Werk füreinander bedeuten können, widmete sich Hartman mit aufgeklärter Freude und klarem Erschrecken den Zusammenhängen von Literatur und Midrasch, der jüdischen Tradition der Auslegung religiöser Texte, sowie dem Verhältnis von Holocaust, Trauma und Literatur. Seit 1979 waren er und seine Frau Renée Motor und Herz des "Holocaust Survivors Film Project". Seine Autobiografie (2007) wurde zum eindrücklichen Zeugnis einer Ethik, die für Hartman notwendig mit jeder Erinnerung verbunden war.

Wie erst jetzt bekannt wurde, starb Geoffrey H. Hartman am 14. März im Alter von 86 Jahren in New Haven, Connecticut.