Nachruf Gato Barbieri ist gestorben

(Foto: Frans Schellekens)

Sein Ton konnte wie ein Flammenwerfer durch Konzerthallen fackeln. Die Musik zu Bertoluccis "Letztem Tango" machte ihn populär. Dabei war er in der Jazz-Szene längst ein Star.

Von Andrian Kreye

Wenn Jazzmusiker einen kurzen Durchbruch in die Mitte der Popkultur schaffen, müssen sie sich meist den Rest ihres Lebens damit herumschlagen. Bei dem am Samstag verstorbenen Jazzmusiker Gato Barbieri war das durch die Musik für Bernardo Bertoluccis Film "Der letzte Tango in Paris" verursacht. Mit dieser hatte sich der argentinische Saxofonist auf eine ganze Reihe von Klischees eingelassen: von der Erotik des Lateinamerikaners über die Verführungskraft des Tangos bis hin zum Tenorsaxofon als Phallussymbol. Damit tut man Barbieri Unrecht. Aber das war sowieso der Soundtrack für einen Film, der 1972 eigentlich viel tiefschürfender war, als diese eine zu Tode zitierte Szene, in der Marlon Brando und Maria Schneider ein Päckchen Butter für sexuelle Praktiken missbrauchen.

Wenn man sich die Filmmusik genau anhört, die Titelmelodie vor allem, dann merkt man, wie radikal Barbieri selbst bei seinem ersten großen Dienstleisterauftrag auf dem Geist der Avantgarde beharrte. Was er da aus Oliver Nelsons rührseligem Orchester-Intro herausarbeitet, ist modaler Jazz von der spirituellsten Sorte, wie ihn damals Pharoah Sanders und Albert Ayler praktizierten. Ähnlich wie diese verfügte Barbieri, hier auf dem Bild im Jahr 1997, über einen Ton, der wie ein Flammenwerfer durch Orchester-Arrangements, Konzerthallen und Popkitsch fackeln konnte. Nur dass bei ihm nicht Blues und Gospel die Wurzeln waren, sondern Tango und Salsa.

Gelernt hatte er das früh. In Argentinien war er schon in den Fünfzigerjahren in den Clubs von Buenos Aires und im Orchester von Lalo Schifrin ein Star. Anfang der Sechzigerjahre zog er nach Rom. Dort spielte er viel mit dem Trompeter und Ornette-Coleman-Weggefährten Don Cherry. Später gehörte er in Nordamerika zu Charlie Hadens Liberation Music Orchestra. Hier befreite er sich aus den Traditionen des Spät-Bop und entwickelte seine vulkanöse Stimme am Horn, mit der er emotionale Register ziehen konnte wie nur wenige. Das funktionierte in den Siebzigerjahren sogar noch, als er sich darauf verlegte, mit jener Sorte Jazzrock viel Geld zu verdienen, die heute als Telefonwarteschleifengedudel verrufen ist. Barbieri konnte selbst aus der Santana-Schnulze "Europa" noch Gefühlsspitzen herausholen.

Nun ist er in New York an einer Lungenentzündung gestorben. Er wurde 83 Jahre alt.