Nachruf auf Frederic Rzewski:Niemals besiegt

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Seine Variationen auf das Revolutionslied "El pueblo unido, jamás será vencido" machten Frederic Rzewski zuletzt einem größeren Publikum bekannt.

(Foto: Peter Hartenfelser/imago/Hartenfelser)

Der Avantgardist, Komponist und Pianist und Frederic Rzewski ist gestorben. An seinem reichen, politischen Werk bleibt vieles zu entdecken.

Von Wolfgang Schreiber

Der Pianist und Komponist Frederic Rzewski, 1938 in Westfield, Massachusetts, geboren und früh nach Italien ausgewandert, war eine ikonische Figur der musikalischen Moderne, ein in jeder Hinsicht freier, unbürgerlich agierender, von Politik und zeitgenössischer Protestkultur inspirierter Künstler - neben John Cage und Morton Feldman der radikalste, zugleich leichteste, launigste Avantgardist aus den Vereinigten Staaten. Es gibt Gründe, seiner Musik, sogar seinen schillernden Existenzfragen zu folgen: "Ist das, was ich Wirklichkeit nenne, geordnet oder ungeordnet? Oder beides? Ist es ein harmonisches Geflecht von Engelsstimmen? Oder eine zusammenhanglose Ansammlung von Schutt? Oder beides zusammen?"

Rzewskis intellektuelle Kreativität, auf der Denkhöhe von Karlheinz Stockhausen oder Pierre Boulez, blieb lange Zeit nur den Kennern der neuen Kunstmusik geläufig. Seit ein paar Jahren aber wuchs sein öffentlicher Nimbus dank der Entdeckung des chilenischen Revolutionsliedes "El pueblo unido, jamás será vencido" und den 36 monumentalen Variationen, die Rzewski 1975 aus der Liedmelodie des Komponisten Sergio Ortega herausgemeißelt hatte. Ein pianistischer und geistiger Drahtseilakt, zu Recht mit Bachs mythischen Goldberg- und Beethovens Diabelli-Variationen verglichen. Der Pianist Igor Levit hat "The People United Will Never Be Defeated" (Das vereinigte Volk wird niemals besiegt werden) für sich erschlossen und zusammen mit den Bach- und Beethoven-Variationen auf Tonträger eingespielt. Frederic Rzewski selbst, der Achtzigjährige, hatte die Variationen vor zwei Jahren beim Berliner Festival Maerzmusik noch einmal realisiert und war mit überragender Tastentechnik und höchster Klarheit aufs Ganze gegangen.

Er hatte in Harvard und Princeton studiert und dort so prominente Komponisten wie Roger Sessions oder Milton Babbitt als Lehrer gehabt. Mit zweiundzwanzig verließ er die Staaten und ging nach Italien, wurde Schüler des bedeutenden Luigi Dallapiccola, der sich Schönbergs Zwölftontechnik verschrieben hatte. Die Fortschrittsideen der zeitgenössisch "Neuen Musik" blieben für Rzewski fundamental, aber er suchte nach einer freieren Musik, gründete mit Komponistenfreunden die mit Improvisation und Live-Elektronik experimentierende Avantgarde-Gruppe "Musica Elettronica Viva". Freilich blieb der politische und gesellschaftliche Horizont des musikalisch Neuen sein Augenmerk.

Schon als Siebenjähriger, bekannte er später, "wollte ich immer so wie Beethoven sein"

Italien bedeutete, trotz eines Zwischenspiels in New York, Rzewskis Wunschland, Rom das emotionale Zentrum. In dem winzigen Bergdorf Montiano in der Toskana wurde er sesshaft, brach von dort auf zu Konzerten und Festivals. Brachte es in Montiano beispielsweise fertig, erinnerte sich der Komponistenfreund Dieter Schnebel, bei der populären Festa dell' Unità auf einem miserablen Klavier eigensinnig-genial Beethovens berüchtigte Hammerklaviersonate ungekürzt zu spielen: "Beethoven auf einem kommunistischen Volksfest - Musik und Politik gehörten für Frederic immer zusammen." Schon als Siebenjähriger, bekannte er dem Berliner Dokumentarfilmautor Gerd Conradt, "wollte ich immer so wie Beethoven sein".

Aber es kam anders, 1977 machte das Konservatorium der Stadt Lüttich Rzewski zum Kompositionsprofessor, er blieb es bis zur Emeritierung 2003. Gastprofessuren und Workshops gehörten zum Arbeitspensum, so an der Yale University, der University of California oder der Berliner Hochschule der Künste.

Frederic Rzewski übte unbeirrt und mit Leidenschaft den Pianistenberuf aus, zu den Favoriten auf dem Notenpult zählten Beethoven, Eisler, Stockhausen. Und komponierte fieberhaft eine Flut von Klavier-, Vokal- und Kammermusik, darunter die "Nanosonatas" für Klavier, eine Scratch Symphony und Stücke für Big Band oder Jazz-Ensemble, dazu viel literarisch, philosophisch, politisch begründete Musik, das aufwühlende Agitationsstück "Coming together" für einen Sprecher und variable Instrumente auf einen Brief des Schauspielers Sam Melville. Rzewskis Schriften brachte das Magazin Musiktexte 2007 in einem dicken Band heraus - mit einer Werkliste, deren Substanz und Reichhaltigkeit erst noch zu entdecken wäre.

Immerhin holte das Kunstfest Weimar 2015 als deutsche Erstaufführung Rzewskis Auschwitz-Oratorium "Triumph des Todes" von 1988 auf die Bühne, ein Musiktheater nach dem dokumentarischen Theater "Die Ermittlung" von Peter Weiss. Dem Komponisten genügten zur Imagination des Schreckens ein Streichquartett und fünf nackte Sängerstimmen. Was er unbedingt vermeiden wollte: emotionale Überrumpelung. Der listig widerborstige Künstler kam selbst nach Weimar und diskutierte mit den Zuschauern. Am Samstag ist Frederic Rzewski im Alter von 83 Jahren im toskanischen Montiano gestorben.

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