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Nachruf:Es soll stehen bleiben

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Als das Lektorieren noch geholfen hat: Diana Athill (1917-2019).

(Foto: Shaun Curry/AFP)

Auf Augenhöhe mit V.S. Naipaul, Philip Roth, John Updike und Elias Canetti: Die englische Lektorin und Autorin Diana Athill ist im Alter von 101 Jahren gestorben. Im Alter wurde sie zur Autorin von Erinnerungsbüchern.

Von Willi Winkler

Du wirst dir dein Geld selber verdienen müssen, sagte ihr Vater, der sich in Geschäften verspekuliert hatte, eine Mitgift war nicht mehr möglich, die vorgesehene standesgemäße Heirat fiel damit aus. Die klassische Liebesgeschichte entspann sich dennoch, und merkwürdigerweise hat sie bisher noch niemand mit weißem Musselin, tränenbenetztem Halbschleier und langen Abschiedsblicken verfilmt. Mit fünfzehn verliebte sie sich in ein höheres Semester, er ging zur Royal Air Force, sie verlobten sich, er wurde nach Ägypten versetzt, sie schrieb ihm, sie schrieb ihm und schrieb ihm, er aber schwieg. Nach zwei Jahren tauchte er wieder auf, bat um Freigabe, weil er eine andere heiraten wollte, und starb bald danach. The End.

Diana Athill, im Dezember 1917 in Norfolk geboren, musste nicht nur ihr eigenes Geld verdienen, sondern allein zurechtkommen. Sie fand nichts dabei, Männern zu Diensten zu sein, doch tat sie es mit einer lebensgeschichtlich erworbenen Kälte. Ihre Liebe blieb nicht mehr unerwidert, denn sie galt jetzt den Büchern.

André Deutsch konnte mit dem Verkauf der Vorabdruckrechte für die grundverlogenen Memoiren des Hitler-Helfers Franz von Papen seinen eigenen Verlag begründen, in dem sie als hingebungsvolle Lektorin John Updike, Philip Roth, Brian Moore, Margaret Atwood und Jean Rhys zum Druck beförderte und auch den offenbar unerträglichen Elias Canetti, der selbstverständlich kein Jota in seinen Büchern geändert haben wollte.

Nicht nur deshalb ist der Titel eines ihrer autobiografischen Bücher so passend: In "stet" ("Es soll stehen bleiben", die lateinische Satzanweisung des Korrekturlesers, im Jahr 2000 erschienen) schilderte sie nach der Pensionierung ihre Erlebnisse im Buchgewerbe, in dem es manchmal nicht besser zuging als im Leben draußen.

Emanzipiert war sie spätestens, als sie es mit V. S. Naipaul zu tun bekam, der nach jedem Buch in eine neue Depression stürzte und erhöhten Betreuungsbedarf verursachte. Zu ihren Liebhabern gehörte ein ziemlich radikaler Black Panther, Autor auch er natürlich, der irgendwann nach Autorenart nicht mehr daran zweifelte, dass er Gott persönlich war und deshalb zuließ, dass seine nächste Geliebte wegen Blasphemie in Stücke gehackt wurde. Naipaul schrieb ein Buch darüber, "Guerillas".

Naipaul war es auch, der nur ihre Dienstbarkeit als Lektorin duldete und die höchst erfolgreichen Memoirenbände, die sie bis in die letzten Jahre herausbrachte, als "Weiberschmarren" abtat. Doch hat sie nicht bloß ihn, sondern alle Männer, die sie betreute, überlebt und war zuletzt stolz darauf, dass sie als fast Hundertjährige ihr Geld endlich mit Schreiben verdienen konnte. Sie erhielt mehrere Literaturpreise sowie den Order of the British Empire (OBE) und rechnete es sich als besonderes Glück an, dass sie mit Naipaul nicht verheiratet war. Am Dienstag ist die unerschütterliche literarische Hebamme und große Liebende Diana Athill im Alter von 101 Jahren in London gestorben.

© SZ vom 25.01.2019

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