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Nachruf:Es begann im Schlafsaal

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Eine seiner kürzesten Geschichten wurde von Stephen Spielberg als "A. I." verfilmt: Science-Fiction-Autor Brian Aldiss (1925 - 2017).

(Foto: imago/Leemage)

Der Sci-Fi-Autor Brian Aldiss begann früh, Geschichten zu erzählen. Eine aus dem Jahr 1969 wurde später von Stephen Spielberg als "A.I." verfilmt.

Brian Aldiss berichtete gern, er habe sein erzählerisches Talent in den Dreißigerjahren im Schlafsaal des West- Buckland-Internats erprobt. Der Sechsjährige verteidigte sich gegen die Prügel, die ihm größere Jungs androhten, indem er ihnen im Dunkeln Geistergeschichten erzählte. Wenn sie ihn in Ruhe ließen und bisweilen sogar vor Schreck aufschrien, verbuchte er das als Erfolg. Derart abgehärtet, kümmerte Aldiss sich nie sonderlich um Kritik.

Als einer der prägenden Science-Fiction-Autoren einer Generation, der auch sein Landsmann J. G. Ballard und der Amerikaner Kurt Vonnegut angehörten, wurde er von arrivierten Kollegen wie Kingsley Amis ohnehin als ebenbürtig anerkannt. Amis, der ihn aus der Armeezeit im Zweiten Weltkrieg kannte, bewunderte zudem seine Fähigkeit, einen halben Liter Pfefferminzlikör auf Ex zu trinken.

Bewundernswert war vor allem Brian Aldiss' ungeheure Produktivität. Er veröffentlichte mehr als 40 Science-Fiction-Romane und Kurzgeschichtensammlungen, Reisebücher, Gedicht- und Essaybände, autobiografische Erzählungen und eine 700-Seiten-Autobiografie. Am 18. August 1925 als Sohn eines Stoffhändlers im englischen Dereham geboren, verbrachte er eine unglückliche Kindheit in der Provinz. Nach seiner Armeezeit, in der er unter anderem im damaligen Birma gegen die Japaner kämpfte, arbeitete er als Buchhändler in Oxford. Mitte der Fünfzigerjahre begann er zu schreiben.

Obwohl Aldiss immer die jüngsten wissenschaftlichen Erkenntnisse im Blick behielt, war seine Science-Fiction nicht technozentrisch. Im Mittelpunkt standen für ihn stets die Bedingungen des Menschseins, und ähnlich wie Antony Burgess versetzte er seine psychologisch komplexen Dystopien oft mit Humor, wie in dem Roman "Graubart" (1964) oder der "Helliconia"-Trilogie (1982 - 85), in der er die Geschichte des titelgebenden Planeten erzählte.

Aldiss gilt zudem als Erfinder der "Minisaga", eines epischen Formats, das nicht mehr als 50 Wörter umfasst. Keine seiner Geschichten wird aber wohl stärker in Erinnerung bleiben als "Super-Toys last all Summer long", die er für Stanley Kubrick zu einem Drehbuch verarbeitete. Sie wurde 2001 von Steven Spielberg als "A. I." verfilmt, Aldiss war mit dem Ergebnis weitgehend zufrieden. Die nur fünf Seiten lange Kurzgeschichte, 1969 publiziert, wirkt wie eine poetische Vorwegnahme aktueller Debatten über künstliche Intelligenz und Überbevölkerung. In einer Welt, in der man zur Fortpflanzung eine Genehmigung braucht, tröstet sich eine einsame Frau mit einem kleinen Jungen, der sich als Android entpuppt. Die Frau kann keine rechte emotionale Bindung zu ihm aufbauen, was das Kind nicht versteht, weil es sich seiner Künstlichkeit nicht bewusst ist. Das war auch das späte Selbstporträt eines einsamen Internatsschülers. Jetzt ist Brian Wilson Aldiss, einen Tag nach seinem 92. Geburtstag, in Oxford gestorben.

© SZ vom 23.08.2017

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