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Nachruf auf den Fotografen Erasmus Schröter:Er nannte es "DDR"

Leipziger Fotograf Erasmus Schröter gestorben

Der Fotograf Erasmus Schröter starb mit 65 Jahren in Leipzig.

(Foto: Christoph Busse/dpa)

Sein Sarkasmus hatte nichts Gemeines, sondern etwas Humanistisches: Im Alter von 65 Jahren ist Erasmus Schröter gestorben.

Von Peter Richter

Wenn der Umfang einer Sache begrenzt ist, ist ihr Inhalt dann am größten, wenn sie die Form eines Quadrats annimmt. Was Kinder früh lernen, oder ihre Eltern im Homeschooling gerade wieder, kann in der Kunst etwas geradezu Sinnbildhaftes haben: Der Fotograf Erasmus Schröter hat schließlich nicht grundlos zu dem als langweilig und daher schwierig geltenden Format des Quadrats gegriffen, als er Anfang der Achtzigerjahre eine grandiose Serie mit dem lapidaren Titel "DDR" aufnahm.

Das finale Jahrzehnt dieses Staates war angebrochen, das lange Schlittern in Utopieverlust und Agonie, was Schröter natürlich nicht wissen konnte, und die Bilder waren auch gar nicht vordergründig politisch. Sie waren vielmehr enorm hintergründig und vertrackt gebaut. Mit drei älteren Frauen, nur mal so zum Beispiel, die in der Landschaft stehen wie die Göttinnen auf einem klassischen "Urteil des Paris", dabei aber selber Landschaft sozusagen anhaben: "Drei Blumenkleider" hat er das Bild genannt; die Nähe dieser festlich gemeinten Mode zu dem, was damals oft auch in volkseigenen Betrieben getragen wurde und dort prosaisch Kittelschürze hieß, ist dabei mit Händen zu greifen. Aber der Sarkasmus, der oft in Schröters Bildern steckt, hatte nie etwas Gemeines oder Bloßstellendes. Wer Erasmus mit Vornamen heißt, trägt vermutlich von Haus aus eher einen warmen Humanismus in sich.

Leute beim Warten - ein Sinnbild

Schröter war 1956 in Leipzig zur Welt gekommen und hatte dort studiert. Seine Abschlussarbeit zeigte Leute beim Warten an Haltestellen. Auch dies sehr sinnbildhafte Fotos in der DDR, wo später Punks die Losung "Stirb nicht im Warteraum der Zukunft" an die Wände krakeln sollten. 1985 wurde er ausgebürgert und ging nach Hamburg. Schröters Arbeit wurde inszenierter und technisch aufwendiger danach. Er beschäftigte sich in langen, meist sorgfältig irreal ausgeleuchteten Fotoserien mit Dingen, die umso schwerer begreiflich werden, je länger man sie anschaut, mit den deutschen Festungs- und Bunkeranlagen an der französischen Atlantikküste, mit Lauben, mit Komparsen, die beim Casting auf den Warhol'schen 15-Minuten-Ruhm der Kleindarsteller hoffen.

Ein Foto aus Erasmus Schröters Serie "Komparsen".

(Foto: Erasmus Schröter)

Seine letzte große Serie widmete sich den aufwendig bleichgeschminkten Todesbotendarstellern, die sich regelmäßig beim "Wave-Gotik-Treffen" in Leipzig versammeln, wo Schröter seit Mitte der Neunziger wieder lebte und oft auch Arbeiten zusammen mit seiner Frau, der Künstlerin und Professorin Annette Schröter, schuf. Es ist ein Jammer, dass dieses Werk nun abreißt. Am letzten Wochenende ist Erasmus Schröter, wie sein Umfeld jetzt bestätigt hat, in seiner Heimatstadt gestorben.

© SZ/zig
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