Nachruf Ein Volksheld

Manfred Krug ist tot, der für Filme wie "Spur der Steine" erst im Osten und dann für Serien wie "Liebling Kreuzberg" im Westen geliebt wurde.

Von Willi Winkler

In einem seiner letzten Interviews sagte Manfred Krug: "Vielleicht bin ich der erste Mensch, der überhaupt nicht stirbt." Da verstand er sich bereits als Rentner, weil er sich nach Art älterer Herrschaften auf Flohmärkten herumtrieb und sich nur mehr im Wald verlief. Vorschriftsmäßig grantelte der aufgehörte Schauspieler vor sich hin und regte sich auch noch über das schlechte Programm im Fernsehen auf, dem er einst so viel von sich, von diesem unverwüstlichen Manfred Krug geliefert hatte.

In Duisburg kam er 1937 zur Welt und verlor sein erfolgreiches Leben lang nicht den bulligen Charme des Stahlgießers, als der sein Vater begonnen hatte. Der nahm ihn mit, als er 1949 wie Bert Brecht und Hans Mayer auf der Suche nach einer vernünftigen Arbeit in den Osten zog, wo er in Brandenburg ein Stahlwerk übernehmen konnte.

Die DDR wollte das neue und bessre Deutschland sein. Der Junge lernte also brav Stahlschmelzer und holte sich dabei die kleidsame Narbe auf der Stirn, Spur eines Flüssigstahlspritzers, um den ihn sogar seine intellektuellen Freunde beneideten. Krug musste den Proletarier nicht markieren oder gar lernen. Er war es und er konnte es bleiben, obwohl er sich der Ausbildung zum Schauspieler unterzog und unterwegs sogar die zwei Jahre am sozialistischen Kabuki-Theater des Berliner Ensembles unbeschädigt überstand.

Als Liebhaber war er mit seiner Größe und seinem immer zu kräftigen Leib ungeeignet, dafür bullerte und prollte er, dass es die reine Freude war. In den ersten strengen DDR-Jahren spielte Krug jeden internationalen Brigadisten, jeden Zwangskollektivierer und jeden lustigen Vogel, der ihm hingereicht wurde.

In der ansonsten belanglosen "Revue um Mitternacht" durfte Manfred Krug immerhin das Saxofon herausholen und alles wegblasen, was sonst an Bitterfelder Weg und Plaste und Elaste angeboten wurde. Krug liebelte, tanzte, brummbärte, sang und musizierte sich durch so viel staatliche Unterhaltung, dass er in dem Film "Spur der Steine" einer Ingenieurin die ultimative Liebeserklärung machen kann: "Mit Ihnen würde ich mir sogar einen Defa-Film anschauen."

Ein Sozialist wie du und ich

So wuchs er in der DDR zum Volkshelden heran, ein Sozialist wie du und ich, ein bisschen aufbau- und bürokratieverzweifelt, aber im Großen und auch Ganzen recht glücklich in den Nischen, die sich für die Schlaueren in der Erziehungsdiktatur trotz allem auskerben ließen. Krug gehörte bald zur Aristokratie der Kunstschaffenden, ausgezeichnet mit gleich mehreren Nationalpreisen und jederzeit in der Lage, im Intershop Westwaren einzukaufen.

Manfred Krug wurde so sehr Krug, dass sogar der oberste Kulturkommissar Erich Honecker "mehr Krüge" forderte. Doch als er ganz Manfred und Manne war, als Hannes Balla in "Spur der Steine", war es auch schon wieder vorbei. Nikita Chruschtschow hatte in der Sowjetunion ein "Tauwetter" versprochen, Solschenizyn durfte veröffentlicht werden und Jewtuschenko in den Westen reisen, um beim junglinken Hubert Burda aufzutreten. Nur die DDR mit ihrem betonharten Walter Ulbricht kriegte es mit der Angst. In der DDR, im Schatten der Mauer, war ein Neorealismo erblüht, den sich der mit Heide- und Sissi-Märchen eingelullte Westen niemals leisten mochte, entstand Frank Beyers "Spur der Steine" mit einem Eastern-Helden, der so gern mitgeholfen hätte, aber schon an seinem Eigensinn scheitert, erst recht an der neuen hierarchischen Willkür. Um die Jahreswende 1965/66 kühlte das Tauwetter blitzschnell ab, der Film wurde nach drei Tagen aus dem Kino genommen und konnte erst nach der Wende wieder gezeigt werden.

Beton siegte über Stahl, aber nicht für ewig. Manfred Krug gehörte Ende 1976 zu den Kulturträgern, die die Protestresolution gegen die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann unterschrieben hatten. Krug wurde unter Druck gesetzt, zog aber nicht zurück, sondern ging lieber außer Landes. Sein Auszug in den Westen - Jahrzehnte später geschildert in dem Buch "Abgehauen" und seinerseits verfilmt -, wurde fast schon zum Symbolbild der auslaufenden DDR. Der populärste Schauspieler des Landes ging fort und nahm im Anhänger sogar seine gesammelten Antiquitäten mit. Vierzig war er schon, als er im Westen neu anfangen musste, dort, wo es endgültig keine Filmindustrie mehr gab. Also blieb ihm nur das Fernsehen.

Willkommen im freien Telekom-Westen!

Fernsehen, das hieß "Sesamstraße" und über Jahre die unerträgliche Serie "Auf Achse", für den "Abhauer" vor allem die Möglichkeit, die Welt zu sehen, die ihm drüben versperrt gewesen war. Der Mann, dem jedes System, jede Einsprache, jedes Regie- und Regierkonzept wurschtegal war und der selbst seine ungeheuer populäre "Tatort"-Rolle auch nur zu spielen schien, um am Ende mit seinem Kumpel Charles Brauer melancholische Chansons zu singen, für die dem Westen die DDR-Kultur leider doch fehlte - dieser Mann wurde jetzt in diesem Westen mit allen erreichbaren Bambis und Romys, mit Goldenen Ochsen und ebensolchen Kameras bombardiert. Alles noch viel zu wenig für einen dermaßen unverschämten Darsteller, dem nichts Körperliches fremd war und Filmkunst ein Gräuel.

In Jurek Beckers Fernsehserie "Liebling Kreuzberg" wurde er dann von 1986 an schließlich so populär als Anwalt Robert Liebling, dass ihn die Telekom 1996 für ihre fatale Aktienemission engagierte und die Kundschaft für dumm verkaufen ließ. Willkommen noch mal im freien Westen! Hier verkauften sich seine Platten nicht, wenn er sang, war die Halle manchmal nur halb gefüllt, aber das kümmerte ihn nicht, er zahlte gern mit seinem Fernsehruhm drauf.

Am Ende hat es ihn dann doch erwischt. Wie nun erst am Donnerstag bekannt wurde, ist der Volksliebling Manfred Krug bereits am vergangenen Freitag im Alter von 79 Jahren gestorben. "Der Tod muss abgeschafft werden", hat der ebenfalls beinah schon unsterbliche Bazon Brock gesagt, "diese verdammte Schweinerei muss aufhören."