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Nachruf:Ein Licht erlischt

Der Songwriter und Dichter Leonard Cohen ist mit 82 Jahren in Los Angeles gestorben, der wie kaum ein anderer die dunklen Seiten der Seele in Worte fassen konnte, ohne die Liebe aus dem Blick zu verlieren.

Er hat es gesagt, und wer seine neue, letzte Platte hört, dem singt er es auch vor. "Ich bin bereit zu sterben. Ich hoffe, es ist nicht zu unangenehm. Das ist alles, was ich dazu zu sagen habe." So las man es im Oktober im New Yorker. Und im Titelsong der LP "You want it darker", veröffentlicht am 21. Oktober 2016, heißt es: Du willst es dunkler? Wir töten die Flamme. Und dann singt er den Refrain: Hineni, hineni, I'm ready my Lord. Hineni ist biblisches Hebräisch und bedeutet: Hier bin ich.

Die Flamme ist tot. Leonard Cohen ist im Alter von 82 Jahren in Los Angeles gestorben.

Geboren wurde er in Montreal, Kanada, am 21. September 1934. Sein Vater stammte aus Polen, seine Mutter war die Tochter eines Rabbis aus Litauen. Er wuchs in einem entschieden jüdischen Elternhaus auf, was ihn im Laufe seines Lebens auch dazu animierte, andere Götter zumindest zu erforschen. Am meisten näherte er sich dem Buddhismus an, Mitte der Neunziger zog er sich für Jahre in ein Zen-Kloster bei Los Angeles zurück. Auch für Jesus interessierte sich der lyrische Multikulturalist, allerdings eher menschlich als spirituell. Über Jesus hat Cohen 1967 in dem Song "Suzanne" die schöne theologisch-nautische Zeile geschrieben: And Jesus was a sailor when he walked upon the water.

Leonard Cohen war in Kanada ein Großer, in den USA einer von vielen und in Europa ein Held

Dem Esoterischen gegenüber zeigte sich Cohen jedenfalls stets aufgeschlossen, auch wenn seine Perspektive eher die zu sein schien, dass Religion mehr eine kulturelle Prägung ist, als dass sie die Seele retten könnte. Dazu passt, dass er sich auch, ganz kurz, für die Außerirdischen-Sekte Scientology interessierte.

Ach ja, die Seele. Wie kein anderer Poet und Songwriter verstand es Cohen, die Dunkelheit im Inneren der Seele strahlen zu lassen. Cohen war unter den Songwritern der Urvater der poetischen Melancholie, dem sehr vertraut war, dass die Liebe die höchste Form der Esoterik ist. Er hat in unsterblichen Versen beschrieben, dass die Liebe immer aus Abschieden besteht, was die Zeit vor den Abschieden so wunderschön machen kann. Tonight will be fine, will be fine, will be fine - for a while.

In einem Interview mit dem deutschen Cohenologen Christof Graf sagte Cohen vor 15 Jahren auf die Frage, ob es eine Frau gebe, die er "derzeit" liebe: "Ja. Keine spezielle, keine, die ich heiraten möchte, keine, mit der ich eine romantische Affäre habe. Aber es gibt immer eine Frau, die ich liebe." Cohen gehörte zu denen, die geliebt haben, immer. Und gleichzeitig fürchtete er, nein: nahm er ebenso nüchtern wie betrübt zur Kenntnis, dass Liebe und Traurigkeit Zwillingsschwestern sind, möglicherweise siamesische. "Wenn du einen lover willst, tue ich alles, was du möchtest, und wenn du eine andere Art von Liebe wünschst, setze ich eine Maske für dich auf", singt er in "I'm your man".

So war er, so ist es immer gewesen. Wer sie alle gehört hat, die Lieder von der Liebe, die Songs und Texte von "Suzanne" über "So long, Marianne" bis zu "A thousand kisses deep" und "Treaty" auf seinem letzten, wirklich letzten Album, der weiß, warum Leonard Cohen neben manchem anderen ein Ladies' Man war, auch wenn "Death of a Ladies' Man", 1977 von dem schrecklichen Phil Spector produziert, seine schlechteste, total verdudelte LP wurde.

Über Liebe jedenfalls lernt man bei denen, die man liebt, beim Psychotherapeuten und, allemal, bei Leonard Cohen. Eigentlich reicht es, über Liebe nur bei Leonard Cohen zu lernen. "Lass uns nicht über Liebe und Ketten sprechen und über Dinge, die man nicht mehr auseinanderkriegt", sang er 1967, "deine Augen sind sanft vor Sorge, hey, so sagt man nicht Lebwohl". In demselben Song beschreibt er, dass nach dem Aufwachen das blonde Haar der Geliebten auf dem Kissen wie ein schläfriger goldener Sturm aussieht, like a sleepy golden storm.

Anders als Bob Dylan war Leonard Cohen kein Songwriter, der Poet wurde, sondern ein Poet, den die für ihn dann doch eher brotlose Kunst der Poesie zum zögerlichen Songwriter werden ließ. Bevor 1967 seine erste Platte erschien, "Songs of Leonard Cohen", hatte er diverse Gedichtbände und Romane veröffentlicht. Von deren Erträgen ließ sich nicht so gut leben, auch nicht auf der damals billigen griechischen Insel Hydra, wo er zeitweise mit der Norwegerin Marianne Ihlen wohnte. Die Cohen-Gemeinde kennt sie nicht nur aus Songs (So long, Marianne), sondern auch vom Cover der zweiten Cohen-LP "Songs from a Room". Marianne ist in diesem Juli an Leukämie gestorben.

Er war von Selbstzweifeln geprägt, weil die Melancholie so tief in ihm wohnte

Bevor Cohen selbst als Sänger begann, nahm die damals prominente Judy Collins zwei seiner Gedichte als Songs auf, "Suzanne" und "Dress Rehearsal Rag". Das verschaffte ihm eine gewisse Bekanntheit, und die führte dazu, dass er 1967 von Columbia einen Plattenvertrag bekam. Ein Star wurde der brummelige Songwriter damals nicht. Aber vor allem mit seinen ersten drei Alben setzte er Maßstäbe bei Musikerkollegen und bei Teilen des Publikums. Man tut ihm nicht unrecht, wenn man konstatiert, dass seine eigenartig raspelige Stimme ohne die Schönheit seiner Lyrik kein so großes Erlebnis wäre.

Cohen war lange von Selbstzweifeln geprägt, nicht nur wegen seiner von ihm nicht so hoch eingeschätzten musikalischen Fähigkeiten, sondern weil jene Melancholie, ja Dunkelheit, über die er immer wieder dichtete, so tief in ihm wohnte. Er war ein lakonischer Mensch, alles andere als ein Showman. Die Bühne war nicht sein Freund; er war manchmal nachgerade schüchtern. Erst als er älter wurde, kam seine selbstironische Gelassenheit immer mehr zum Vorschein. Selbst mit seiner Depression ging er freundlich lächelnd um.

Während der Achtziger- und Neunzigerjahre sah man ihn wenig in der Öffentlichkeit. Es gab zwei, drei Alben, bevor er sich ins Kloster zurückzog. Allerdings entstanden auch in dieser Zeit Songs, die bis heute von sehr vielen anderen gecovert werden. Das unvermeidliche "Hallelujah" gehört ebenso dazu wie "First we take Manhattan" oder der wunderbare "Tower of Song", in dem Cohen beschreibt, wie er als niedrigrangiger Einwohner des Turms den Sänger Hank Williams husten hört, der hundert Stockwerke über ihm residiert.

Man hat nie einen singenden Poeten erlebt, der in so großer Würde alt geworden ist

Und im Tower-Song fasst Cohen auch seine ganze Distanz zum eigenen Musikertum in einer grandiosen Zeile zusammen: I was born with the gift of a golden voice, ich bin mit der Gabe der goldenen Stimme geboren worden. Als der alte Cohen nach 15 Jahren Bühnenabstinenz 2008 wieder zu touren begann, gab es allein bei dieser Zeile immer wieder Beifallsstürme. Die Touren der letzten Jahre hatten auch damit zu tun, dass ihn eine Mitarbeiterin um einige Millionen Dollar betrogen hatte. Er musste wieder arbeiten, er nannte es allerdings selbst "die Arbeit für das Lächeln des Publikums". Und so war es auch. Man hat nie einen singenden Poeten auf einer Bühne erlebt, der in so großer Würde, getragen von einer so tief empfundenen Freude seines Publikums, alt geworden ist.

Im Juli 2008 kam Cohen zum ersten Mal seit langer Zeit wieder nach Deutschland. Er trat bei einem innerstädtischen Open Air in Lörrach auf, der Marktplatz war gesteckt voll. Die meisten waren gekommen, weil sie fühlen wollten, wie es ist, wenn man seiner eigenen Jugend in Gestalt eines älteren Herren im Anzug begegnet. Es wurden dann drei Stunden, in denen man die Vergangenheit erblickte und hörte, und sie sah aus wie die Zukunft, nur älter. Was für ein Mann.

Leonard Cohen war in Kanada ein Großer, in den USA einer von vielen und in Teilen Europas ein Held. Nein, Held passt nicht, auch wenn Cohen manchmal über Helden sang, über wirkliche in "The Partisan" und über gescheiterte in "The Bunch of Lonesome Heroes". Cohen war kein Held, er war einer, der Träume in Worte fasste und er war gleichzeitig ein Katalysator für Träume. Als junger Mann hätte man gerne auch mit Marianne auf Hydra gelebt; als mittelalter Kerl erinnert man sich an die selbst erlebten Suzannes, Lady Midnights und vielleicht an einen Vorfall wie im Chelsea Hotel; als Älterer bleibt die Erkenntnis aus dem Tower of Song: I ache in the places I used to play, da wo man früher gespielt hat, tut es heute weh.

Es geht nun, mit Verlaub und der Bitte um Entschuldigung für diesen Ausdruck, eine Scheißwoche zu Ende. Ein Klotzkopf, der in nichts für das steht, was Leonard Cohen war, wird US-Präsident, und Leonard Cohen ist gestorben. Heute Abend möge jeder, der noch einen Plattenspieler hat, die alte "Songs of Leonard Cohen" auflegen, ja, genau die, die so knistert (streamen ist als schlechter Ersatz erlaubt). Der erste Song auf der A-Seite ist "Suzanne", tausend Mal gehört. Die letzten Zeilen lauten: And you want to travel with her, and you want to travel blind, and you know that you can trust her, for she's touched your perfect body with her mind.

So war es. Leonard Cohen hat viele von uns mit seinem Geist berührt. Es ist Zeit zu trauern.