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Nachruf:Die Welt mit Klang umarmen

Mariss Jansons ist gestorben, weltgewandter Dirigent und bis zuletzt Chef der BR-Symphoniker.

Mariss Jansons, 14. Januar 1943 - 30. November 2019.

(Foto: Peter Meisel)

Der aufrichtigste, integerste, empathischste Dirigent der Welt ist tot. Am 30. November starb Mariss Jansons in St. Petersburg. Vermutlich war es das Herz, das nicht mehr konnte, das er viele Jahre lang strapaziert hatte bis zur Selbstaufgabe. Weil er die Welt, weil er alle Menschen umarmen wollte mit Klang.

Als dreizehnjähriger Junge kam er aus dem lettischen Riga ins sowjetische Leningrad, wurde dort zum Musiker ausgebildet. Stationen des Weiterstudierens: Wien, Salzburg, Berlin. Rückkehr nach Russland. Älter geworden, ging er nach Oslo, London und Pittsburgh, landete schließlich, fast zur selben Zeit, in Amsterdam und München. Ein Reisemärchen, dessen Held seine fragilen Kräfte oft überforderte. Der Tod des 76-Jährigen erzeugt neben Trauer Ratlosigkeit. Dirigenten werden doch viel älter, Kreativität und Energie halten länger. Hat Jansons seine willensstarke Tatkraft despotisch gegen sich selbst gerichtet?

Seine Frau Irina erzählte einmal, wie sie an ihrem Gatten schier verzweifle. Als sie zusammen auf Mauritius Urlaub machten, wozu sie ihn ohnehin mühsam hatte überreden müssen, ging er zwar mit an den Strand. Aber er setzte sich in den Schatten und las dort Partituren.

Er hatte versprochen: "100 Prozent München und noch einmal 100 Prozent Amsterdam"

"Eine starke Persönlichkeit ist etwas anderes als ein Diktator." Was Mariss Jansons zu seinem 70. Geburtstag 2013 in dieser Zeitung sagte, kann die enorme Wirkung seines Tuns auf Orchester und Zuhörer erklären. Man musste ihn am Pult erleben, die Intensität seiner Überzeugungsfähigkeit wahrnehmen, den kämpferischen Einsatz seiner Kräfte. Jansons besaß Inständigkeit der Musik gegenüber, eine verführerische Liebe zur Musik. Autoritäres Verfügen über sie, jede Herrscherattitüde schienen ihm fremd zu sein.

Es war aufschlussreich, Jansons nicht nur in München zu erleben, am Pult seines Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks, sondern ihn etwa beim Neujahrskonzert 2006 oder 2012 in Wien zu beobachten. Sogar am Fernsehmonitor wurde deutlich: Jansons verrichtete bei den Wiener Philharmonikern Schwerarbeit, aber man spürte, dass er dabei das reine Glück empfand und es freudig zurückgab. Walzer- und Polka-Seligkeiten der Strauß-Dynastie in Wien bereiteten ihm offenbar ebensolche Freude wie Symphonien Beethovens oder Schostakowitschs. Jansons' Musizieren besaß kaum melancholische, grüblerische Züge, es wollte stürmisch bejahen. Früh, in Leningrad, hatte er das gelernt - sich freudig dem Kampf stellen.

Am 14. Januar 1943 wurde Mariss Jansons in Riga geboren, als Sohn eines Dirigenten. Als sein Vater Arvid Jansons Assistent des legendären Jewgenij Mrawinskij bei der Leningrader Philharmonie wurde, übersiedelte die Familie ins heutige St. Petersburg. Dort studierte der junge Mariss Geige, Klavier und Dirigieren. Als er 26 Jahre alt war, schickte man ihn zu dem bedeutenden Dirigentenprofessor Hans Swarowsky nach Wien, zum Lehrer Claudio Abbados und Zubin Mehtas. Jansons gewann den Karajan-Wettbewerb, durfte aber Karajans Einladung nach Berlin nicht annehmen. Doch sein Talent setzte sich durch. 1979 übernahm er für zwei Jahrzehnte das Symphonieorchester von Oslo als Musikdirektor. Es folgte die Maazel-Nachfolge in Pittsburgh. 2003 ging er zum BR-Symphonieorchester nach München, parallel nach Amsterdam zum Concertgebouw-Orchester.

"Ich werde meine Energien vollkommen gleich verteilen", beschwichtigte Jansons die um künstlerische Einbußen oder Zeitkonflikte besorgten Münchner und versprach: "100 Prozent München und noch einmal 100 Prozent Amsterdam". Das Münchner Eröffnungskonzert kam einem Manifest gleich. Jansons dirigierte die "Symphonie fantastique" von Berlioz, grub sich mit feurigem Geist und präziser Formidee tief hinein in den tönenden Künstlerfiebertraum des französischen Extremromantikers, ließ die Orchesterfarben nur so glühen und entzündete die Flamme der symphonischen Idée fixe mit einer Stoßkraft, die Musiker und Zuhörer mit Gewalt packte.

Er sagte den Berliner Philharmonikern ab, blieb lieber in München

Ob Jansons Beethoven-Symphonien oder die Spätromantiker Brahms, Bruckner und Strauss dirigierte, die Modernen Debussy, Sibelius und Mahler oder die Requiems von Mozart, Verdi, Dvořák und Bernsteins "Chichester Psalms" - immer ging er mit seiner glühenden Überredungskunst zu Werke. Und obwohl seine Symphoniker sich schon unter den Vorgängern Rafael Kubelik, Colin Davis und Lorin Maazel in der Musikwelt höchstes Ansehen erspielt hatten, gelang mit Jansons der zusätzliche Qualitätssprung eines unwiderstehlich emphatischen Musizierens.

Am stärksten emotionalisiert und einfühlsam zeigte sich Jansons bei der russischen Musik: Tschaikowsky, Rimski-Korsakow, besonders Schostakowitsch. Jansons' bärenstarker künstlerischer Wille, wie er sich durch alle Behinderungen von Kunst und Leben in der Sowjetunion behauptet hatte, schien im Innersten seines Musizierens zu wirken. Genauso die Lektion, die ihm Jewgenij Mrawinskij bei der Leningrader Philharmonie erteilt hatte. Der wichtigste Dirigent der Sowjetunion war die strenge Vaterfigur gewesen, ein unerbittlicher Symphoniker, der viele Schostakowitsch-Symphonien aus der Taufe gehoben hatte. Dieses Erbe hat Jansons weitergetragen, wenn er Schostakowitschs tragisch getönte Symphonien dirigierte - aus eigenem Erleben heraus. So bleibt die Einspielung aller 15 Schostakowitsch-Symphonien Jansons' authentischste, von existenzieller Hingabefähigkeit zeugende Leistung auf Tonträgern.

Nicht alle Ziele, die sich Jansons, der Perfektionist als Gefühlskünstler, in München gesteckt hatte, hat er erreicht. Den eigenen Konzertsaal für sein Orchester konnte er nicht mehr erleben. Aber er wird entstehen, im Werksviertel. Mit seinem Antritt in München, 2003, begann er, sich für diesen Saal einzusetzen, nahm Niederlagen und Rückschläge hin, verlor nie sein Ziel aus den Augen. Ohne Jansons' Überzeugungskraft, seine nie versiegende Leidenschaft würde dieser Saal nie verwirklicht werden. Und seine Sehnsucht nach mehr Operndirigaten blieb mit wenigen, dann aber fantastisch überwältigenden Ausnahmen unerfüllt. Nicht aber sein unermüdliches Streben nach musikalischer Qualität, das 2013 mit dem Siemens-Musikpreis belohnt wurde.

Entscheidung für neues Münchner Konzerthaus

Seit seinem Antritt in München 2003 begann er, sich für den Konzertsaal einzusetzen (Computerdarstellung des künftigen Gebäudes).

(Foto: Cukrowicz Nachbaur Architekten/dpa)

Damit wurde nicht nur der Künstler, sondern auch der Mensch Jansons geehrt. Er setzte sich für den Adventskalender der Süddeutschen Zeitung ein, dirigierte Benefizkonzerte - für Januar 2020 war eines mit dem Pianisten Igor Levit geplant.

Mariss Jansons liebte sein Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks. Dafür gab er die Leitung des Amsterdamer Concertgebouw-Orchesters ab, das er zu einem der besten der Welt gemacht hatte. Und er sagte 2015 den Berliner Philharmonikern ab, drei Tage bevor die ihn vermutlich als Nachfolger von Simon Rattle zum Chef gewählt hätten. Stattdessen verlängerte er seinen Vertrag beim BR.

Jansons gehört zu der Handvoll Dirigenten, deren Strahlkraft auch die größten Säle füllt. Also reiste er viel mit seinem BR-Symphonieorchester, auch gegen jede Vernunft. Anfang November schleppte er sich in New York mit letzter Kraft durch ein Konzert in der Carnegie Hall, musste das geplante zweite abgeben. Aber wie konnte er strahlen auf diesen Reisen. Er führte seinen Musikerinnen und Musikern durch seine Geburtsstadt Riga, zeigte ihnen St. Petersburg und lud sie dort drei Mal zu einem Fest. Dafür mietete er, voll kindlicher Freude, riesige Adelspalais, engagierte Volksmusiker zur Unterhaltung, wählte selbst die Getränke aus. An diesen Abenden wurde die Liebe manifest zwischen dem Dirigenten und allen, die mit ihm zusammenarbeiten durften.

In Erinnerung bleibt die Urwüchsigkeit eines Musikers, die sich mit der absoluten, Orchester wie Publikum überwältigenden Ehrlichkeit seines Musizierens, aus tiefem Erleben der Musik heraus, verband. Diese Fähigkeit war für ihn so zwingend, dass er ihr ohne Rücksicht auf seine Gesundheit folgen musste. Den ersten Herzanfall erlitt er 1996 in Oslo, während er "La Bohème" dirigierte. Er überstand ihn mit Glück, doch Arbeitslust und Arbeitsbelastung hat er danach kaum eingeschränkt. Nun hat ein großes Herz aufgehört zu schlagen.