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Nachruf:Die Schauspielerin Anne Wiazemsky ist tot

Chinesin, Die / Chinoise, La; Anne Wiazemsky

Anne Wiazemsky als Maoistin in Godards „La Chinoise“.

(Foto: ddp images)

Jean-Luc Godard engagierte sie für sein Werk "La Chinoise" - und heiratete sie gleich. Der Maoismus des französischen Films bekam plötzlich Sex-Appeal. Doch Anne Wiazemsky wollte mehr. Am Donnerstag ist sie mit 70 Jahren gestorben.

Es gibt Momente im Kino, die mit Schauspielerei nichts zu tun haben, sondern einfach die pure Existenz eines Menschen feiern. Darum ging es dem französischen Regisseur Robert Bresson, der gern mit Laien drehte - und mit der seinerzeit achtzehnjährigen Anne Wiazemsky seine wohl schönste Entdeckung machte. In dem Film "Au hasard Balthazar" von 1966 spielt sie das Landmädchen Marie, das mit einem Esel namens Balthazar aufwächst, auf den - wie auf sie auch - ein ziemlich hartes Schicksal wartet.

Die madonnenhafte Sinnlichkeit dieser Marie, ihre fohlenhaften, etwas eckigen Bewegungen, ihre Angewohnheit, durch den Mund zu atmen und also mit stets geöffneten Lippen durch die Welt zu gehen - das alles steht in wunderbarem Kontrast zur Strenge des filmischen Konzepts. Der viel zu alte Bresson war natürlich nur der erste Mann, der sich hoffnungslos in dieses Zauberwesen verliebte. Ihm folgte Jean-Luc Godard, der Anne Wiazemsky in "La Chinoise" besetzte, den doktrinären französischen Maoismus dadurch mit ungeahntem Sex-Appeal auflud - und seine Hauptdarstellerin dann auch gleich heiratete.

So war Wiazemsky anschließend auch in den Godard-Filmen "Week End", "One plus One" sowie zwei Kollektivproduktionen von Godards "Groupe Dziga Vertov" zu sehen. Der rastlose Kinorevolutionär und die 1947 geborene Tochter aus russischem Hochadel, mütterlicherseits auch noch Enkelin des gaullistischen Großschriftstellers und Nobelpreisträgers François Mauriac - das konnte allerdings nicht lange gut gehen. Bald wollten andere Regisseur sie besetzen, etwa Pier Paolo Pasolini in "Teorema" und "Porcile".

Godard empfand das als Zumutung, oder schlimmer noch, als Kapitulation vor dem bürgerlichen Kino. Sie wiederum verstand seinen Drang nicht, alles Erreichte zu zerstören. Die Ehe scheiterte, Wiazemsky wurde Schriftstellerin und ließ sich nur noch selten im Kino sehen. Zwei Bücher aber schrieb sie über die Zeit mit Godard, und daraus ist erst kürzlich der Film "Le Redoutable" entstanden - ein nicht wirklich gelungener Versuch von Michel Hazanavicius, sich über diese wilde politische Zeit zu erheben und sie als harmlose Paarkomödie zu erzählen. Gerade in der Rekonstruktion aber wurde noch einmal offensichtlich, wie ikonisch und unvergänglich die Bilder sind, die Godard und Wiazemsky zum Beispiel in "La Chinoise" zusammen geschaffen haben. Am Donnerstag ist Anne Wiazemsky an Krebs gestorben. Sie wurde 70 Jahre alt.

© SZ vom 06.10.2017

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