Nachruf Der Weltgestalter

Er komponierte Räume und schrieb damit Theatergeschichte: Zum Tod des legendären Bühnenbildners Karl-Ernst Herrmann, dem kongenialen Kollaborateur von Regisseuren wie Peter Stein, Luc Bondy und George Tabori.

Von Christine Dössel

Karl-Ernst Herrmann war in seiner Zunft schon zu Lebzeiten eine Legende: der Herr der Bühnenbilder - einer der bedeutendsten Ausstatter des deutschsprachigen Theaters, und das mit andauernder Gestaltungskraft und Präsenz seit fast 50 Jahren. Karl-Ernst Herrmann - man muss bei diesem Namen an viele berühmte Regisseure und Ereignisse der jüngeren Theatergeschichte denken, an Peter Stein etwa und die Gründungsjahre der Berliner Schaubühne, als Erstes jedoch an Claus Peymann. Das ist so, weil das Theater des einen ohne die Bühnenräume des anderen nicht vorstellbar ist.

48 Bühnenbilder hat Herrmann für Inszenierungen von Peymann entworfen, angefangen bei der Uraufführung von Peter Handkes "Der Ritt über den Bodensee" 1971 an der Schaubühne, über all die Thomas-Bernhard-Stücke, die sie gemeinsam gemacht, und all die Theaterschlachten, die sie gemeinsam geschlagen haben, in Stuttgart, am Schauspielhaus Bochum, am Wiener Burgtheater (der Skandal um "Heldenplatz"!) - bis hin zu Peymanns Arbeiten in seiner Zeit als Chef des Berliner Ensembles.

Auch für Peymanns jüngste Inszenierung, Shakespeares "König Lear", die im Februar in Stuttgart herauskam, hat sein getreuer Begleiter Herrmann wieder den Raum gestaltet, wiewohl er da gesundheitlich schon schwer angeschlagen war, wie man hörte. Herrmann schuf für die Geschichte vom abdankenden, irre werdenden und schließlich sterbenden König (gespielt von Martin Schwab) einen abstrakten, schwarzen Raum, in dem ein Kreidekreis die Welt andeutete. Türen, Wand- und Deckenverlauf waren mit LED-Streifen gezeichnet. Die Königskrone, Insigne der Macht, baumelte fast den ganzen Abend über an einem Haken und diente als magische Lichtquelle.

Lichtrahmungen um die Szenerie und ähnliche Abstraktionen und Überhöhungen waren typisch für den Raum- und Lichtmagier Herrmann, auch wenn er sich nicht auf einen Stil, eine eindeutige Handschrift festlegen ließ. Er war kein naturalistischer Bühnenbildner, sondern einer, der ein Stück bildlich erweiterte in eine künstliche, kunstvolle Dimension. Einer, der Räume inszenierte.

Als er für die Uraufführung von Peter Turrinis "Alpenglühen" 1993 am Burgtheater nicht etwa eine Holzhütte baute, in der das Stück spielt, sondern einen Atelierraum mit Glasdach vor einem gigantischen Bergmassiv, schrieb Theater heute, das entlarve die Alpen endgültig als eine "Erfindung der österreichischen Bundestheaterwerkstätten". Er selbst sprach von einer "Komposition", und so verstand er wohl generell seine Arbeit: als ein kunstvolles Komponieren - und zwar auf Basis gründlicher Lektüre des Textes gemeinsam mit dem Regisseur.

Das war ihm wichtig, das versuchte er auch als Professor an der Münchner Akademie der Bildenden Künste seinen Schülern beizubringen: "dass sie lernen, mit der Dramaturgie eines Stückes umzugehen und wirklich Lust haben, immer wieder Neues zu entdecken", wie er 1995 in einem Interview mit der SZ sagte. Damals erklärte er mit Vehemenz: "Ein guter Bühnenbildner muss sich gefälligst auf das Stück einlassen und nicht irgendeine Idee draufhauen."

Sich nicht nur auf die eigene Fantasie zu beschränken, sondern ein Stück dramaturgisch zu lesen und zu denken, lernte Herrmann in der Bühnenbildklasse von Willi Schmidt an der Berliner Hochschule der Künste, wo er von 1957 bis 1962 studierte. Zuvor hatte der 1936 in Neukirch in der Oberlausitz Geborene bereits als 14-Jähriger bei einem Grafiker in Berlin Kalligrafie gelernt und von 1953 bis 1957 die Meisterschule für Kunsthandwerk besucht.

Kurt Hübner engagierte ihn dann als Ausstattungsassistenten ans Theater Ulm. Dort wurde der - im Februar gestorbene - Bühnenbildner Wilfried Minks sein Mentor und Lehrer. Von Ulm wechselte Herrmann mit Hübner und dessen Truppe - Leuten wie Peter Palitzsch und Peter Zadek - an das Theater Bremen, wo der berühmte "Bremer Stil" kreiert wurde. In Bremen traf Herrmann auch Peter Stein, jenen Shootingstar des Regietheaters der Siebzigerjahre, mit dem er alsbald die Berliner Schaubühne am Halleschen Ufer neu begründen sollte.

Hermann war in Steins Schaubühnen-Zeit der prägende Bühnenbildner, machte raumtechnische Experimente. So schuf er die legendäre Hügellandschaft für Steins "Peer Gynt" (1971). Er pflanzte für Gorkis "Sommergäste" (1974) einen realen Birkenwald, baute die atmosphärischen Räume für Steins Inszenierungen von Botho-Strauß-Stücken, für die "Orestie", für Genets "Die Neger", Tschechows "Drei Schwestern" und vieles mehr. Auch Herrmanns langjährige und so kongeniale Zusammenarbeit mit Luc Bondy begann an der Schaubühne. In Wien stattete Herrmann seinerzeit auch Inszenierungen von George Tabori aus, in Bochum und Zürich Arbeiten von Matthias Hartmann. Eine Herrmann-Bühne zu kriegen war immer etwas Besonderes, auch etwas besonders Aufwendiges, Edles. Aber Protz-Bühnen waren es nie.

Gemeinsam mit seiner Frau Ursel inszenierte Karl-Ernst Herrmann auch Opern. Ihr Debüt gaben sie 1982 in Brüssel mit Mozarts "La Clemenza di Tito". Seitdem arbeiteten die Herrmanns an den wichtigsten Opernhäusern Europas, in Paris, Amsterdam, Wien, Berlin, bei den Salzburger Festspielen - geschätzt für ihre sensiblen, bildmächtigen Deutungen vor allem der Werke Mozarts.

Am Sonntag ist der ingeniöse Bühnenweltgestalter Karl-Ernst Herrmann in Berlin gestorben. Er wurde 81 Jahre alt.