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Nachruf:Der große Cellist Anner Bylsma ist tot

Der Lehrer und Musiker Anner Bylsma wurde am 17. Februar 1934 in Den Haag geboren. Er starb am 25. Juli 2019 in Amsterdam.

(Foto: Uta Süße-Krause)

Er war ein wegweisender Vertreter der historisch orientierten Aufführungspraxis und Vaterfigur für viele Musiker.

Von Harald Eggebrecht

"Unsere Hände sind Wunder, die können Billard, Flöte oder Cello spielen, auch eine Frau berühren oder einen Mann! Aber der Kopf kommt dazwischen. Doch wenn der weiß, was er will, können die Hände auf allen Instrumenten richtig spielen!" So einfallsreich und vital sprach Anner Bylsma übers Musizieren. Er war eine Portalgestalt für die historisch orientierte Aufführungspraxis neben Gustav Leonhardt, dem Cembalisten, Frans Brüggen, dem Blockflötisten und den Brüdern Kuijken. Und eine Vaterfigur für Cellisten und alle Musiker, die der Barockmusik nicht konventionell romantisierend beikommen wollen. Im Zentrum standen die sechs Solosuiten für Violoncello von Johann Sebastian Bach: "Denken Sie mal, in jeder Minute wird irgendwo auf der Welt ein Satz aus den sechs Bach-Suiten gespielt. Das ist doch sehr schön!" Sein Buch über die ersten drei Suiten, "Bach. The Fencingmaster", ist ein Kompendium an Anregungen über die Weisen, sich dieser Musik adäquat zu nähern.

Anner Bylsma sah aus wie ein echter Pionier, groß, starkknochig, widerspenstiges Haar um ein Gesicht, das vom Wetter gegerbt schien, voller Humor, Listigkeit und Witz, was ihn zu einem außergewöhnlichen Lehrer machte, der seine Studenten ständig kreativ verunsicherte, ihre Wachsamkeit und Neugier mit spontanen Einfällen überraschte und herausforderte und sie zu ihrem je ureigenen Weg animierte, anstatt sie mit vermeintlich sicheren Allzeitrezepturen zur Bewältigung von Musikstücken zu beruhigen. Bylsma führte die jungen Musiker weg von gleichsam autistischer Fixierung auf das rein Instrumentaltechnische hin zur lebendigen Auseinandersetzung mit der Musik: "Eine Brahms-Sonate müssen Sie sich als Symphonie für zwei Instrumente vorstellen." Bei den Suiten von "Fechtmeister" Bach fragte er: "Was ist der Fehler, wenn du ein Solostück spielst? Zu denken, du bist allein." Es müsse klingen, als musizierten zwei miteinander.

Bei aller Konzentration auf Barockmusik und Bach blieb Bylsma auch sonst ein stets großartiger Cellovirtuose. Sein Vater hatte ihm früh die Freude an der Musik als Kunst des unmittelbaren Erlebens eingepflanzt, er studierte in Den Haag, wurde 1958 Solocellist der Nederlandse Opera in Amsterdam, gewann 1959 den Casals-Wettbewerb inMexiko und war von 1962 bis 1968 Solocellist des Concertgebouw. Man höre und staune, wie locker und charmant der Bach-Prophet in den Siebzigerjahren Virtuosenstücke des 19. Jahrhunderts von François Servais, Carl Davidoff oder David Popper darbot mit elegantem, hell timbriertem Cellospiel. Man denke an seine Erkundungen der italienischen Cellomusik vor Bach. Bei Bylsma klingen diese Canzonen, Ricercari und Sonaten brillant, von Entdeckerfreude und Erwartungsspannung erfüllt. Auch das hochvirtuose Konzert von Anton Kraft, der war Solocellist in Joseph Haydns Orchester in Eisenstadt beim Fürsten Esterhazy, präsentiert Bylsma mit Keckheit und Verve ganz im Sinne eines seiner Lieblingsbegriffe: "Musikant."

In den letzten Jahren quälte ihn eine tückische Lähmungserkrankung. Am 25. Juli ist Anner Bylsma mit 85 Jahren gestorben.

© SZ vom 29.07.2019

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