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Nachruf:Der Germanist Hans Reiss ist tot

Er hat als Erster Goethes Romane im Zusammenhang dargestellt. Erst spät fand Hans Reiss in Deutschland, von wo er 1939 geflohen war, die ihm gebührende Anerkennung.

Von Gustav Seibt

Hans Reiss, der am 2. April im Alter von fast 98 Jahren in Heidelberg verstarb, war einer der Großen der Germanistik. Von ihm stammt die erste Darstellung von Goethes Romanen im Zusammenhang, als Teil von dessen lebenslanger Auseinandersetzung mit den Umbrüchen seiner Epoche. Das Buch, das erstmals im Jahr 1963 erschien, wurde vor allem im englischen Sprachraum zu einem Publikumserfolg. Seine Aufsatzsammlung "Formgestaltung und Politik" (1993) enthält Abhandlungen, die zusammengenommen die bis heute weitaus beste Darstellung von Goethes Verhältnis zur politischen Welt ergeben. Sie sind in dem federnden, dialektisch abwägenden Stil verfasst, der Reiss' schmale, durch Gründlichkeit des Nachdenkens gewichtige Produktion insgesamt kennzeichnet.

Hans Reiss schrieb in seiner deutschen Muttersprache und auf Englisch mit gleicher Gelenkigkeit. 1922 in Mannheim geboren, war er im Alter von 17 Jahren allein nach Irland geflüchtet, wenige Tage vor Beginn des Zweiten Weltkriegs. Sein Vater war ein jüdischer Druckereibesitzer in Mannheim, den seine Mutter im Untergrund versteckte. Reiss studierte am Trinity College in Dublin, wo er 1945 promovierte. Eine glanzvolle Karriere führte ihn nach London und Kanada an die McGill University in Montreal, am Ende auf einen Lehrstuhl in Bristol. Neben der deutschen Klassik und Romantik und ihren Beziehungen zur Politik zählte das Werk Franz Kafkas zu seinen Forschungsgebieten. Reiss gehörte in seiner Generation zu den Literaturwissenschaftlern, die Kafka als modernen Klassiker durchsetzten.

Erst spät hat ihn sein Geburtsland mit Orden und Ehren dekoriert, so die Goethe-Gesellschaft 1997 den 75-Jährigen mit ihrer Ehrenmedaille. Bei Kennern strahlt der Ruhm dieses Germanisten hell, denn jede Seite von ihm beschenkt ihre Leser mit überraschenden Wahrnehmungen und geistreichen Formulierungen. Wo Hans Reiss tätig war, ist mit endgültigen Einsichten zu rechnen. Sein Name wäre bekannter, hätte er sich nicht konsequent allen Schulzusammenhängen entzogen. Sein letztes Werk waren Lebenserinnungen, die auch seine Fluchtgeschichte enthalten. 2009, im Jahr ihres Erscheinens, kehrte Reiss nach Deutschland zurück. Seither lebte er in Heidelberg, nahe am Ort seiner Geburt.

© SZ vom 06.04.2020

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