Nachruf Der Autor Max Gallo ist gestorben

Der Historiker und Literat war einer der verlässlichsten und umsichtigsten unter den Künstlern.

Von Thomas Steinfeld

Nationale Akademien sind nicht dazu da, die Avantgarde zu beflügeln, die Wagemutigen unter den Schriftstellern auszuzeichnen oder Experimente mit der Sprache zu veranstalten. Vielmehr sollen sie das kulturelle Erbe bewahren, den Standard setzen (und womöglich heben), vor allem im Bezug auf die Sprache, sowie die Interessen der Künstler und der Kunst in der Öffentlichkeit vertreten. Insofern hat es seinen guten Grund, wenn in einer Akademie die verlässlichsten und umsichtigsten unter den Künstlern sitzen. Max Gallo, der am Dienstag dieser Woche im Alter von 85 Jahren gestorbene französische Historiker, war insofern das Muster eines guten Mitglieds einer Akademie, die ihre Aufgaben kennt. Man kann diesen Satz auch umkehren: Max Gallo war so sehr Franzose, französischer Historiker und französischer Literat, das ihm die öffentlichen Aufgaben beinahe notwendig zufielen, als Publizist, als Politiker (stets ein wenig jenseits aller Parteien) wie als Mitglied der Akademie.

Max Gallo, das Kind italienischer Einwanderer (der Vater gehörte der Résistance an), stammte aus Nizza und wurde zunächst zum Mechaniker ausgebildet, bevor er Geschichte studierte und Gymnasiallehrer wurde. Kommunist war er zunächst auch, man könnte beinahe sagen: selbstverständlich. Aus der Kombination von beidem, dem Interesse für die Geschichte und dem politischen Engagement, entstand eine journalistische Laufbahn als Kolumnist für das Magazin L'Express, in den Achtzigern als Chefredakteur des Matin de Paris und immer wieder für den Radiosender France Culture. Und es ging eine politische Karriere daraus hervor, die in den frühen Achtzigern begann, als er für die Sozialisten Abgeordneter des Departements Alpes-Maritimes wurde. Im Jahr 1983 wurde er sogar Regierungssprecher, bevor er dann die Politik wieder aufgab, des Schreibens wegen (um dann noch einmal zurückzukehren, als Europaabgeordneter, von 1984 bis 1994). Aber da hatte er sein wichtigstes Werk längst geschrieben, die Suite "La baie des anges" (1976), einen Roman zu Geschichte und Bedeutung des Stadt Nizza und ihrer Umgebung, der zu einem nationalen Erfolg wurde.

Dieser Art von Literatur blieb Max Gallo treu, in vielleicht hundert Büchern, in denen der hauptsächlich französische Geschichte und Zeitgeschichte darstellte. Manche von ihnen sind in einem strengeren Sinn Sachbücher, wie etwa seine Biografien zu Robespierre, zu Charles de Gaulle oder zu Ludwig XIV. Andere neigen zur historisch inspirierten Fiktion, wie etwa die vierzehn Bände mit dem gemeinsamen Titel "La Machinerie humaine" (1992 bis 2002), ein Versuch, Balzacs "Menschliche Komödie" in die Gegenwart zu übertragen. Und manchmal handelt es sich bei diesen Büchern auch im engeren Sinn nur um Romane, wie etwa im Fall von "Une affaire intime" (1979).

Es mag allerdings sein, dass es ein Werk gibt, dessen Erfolg alle entsprechenden Errungenschaften Max Gallos weit überragt: Seit Jahrzehnten hält sich das Gerücht, Max Gallo habe wesentlichen Anteil am Zustandekommen des Buchs "Papillon" (1970), der zumindest halb erfundenen Autobiografie des Zwangsarbeiters Henri Charrière, die sich weltweit in dreizehn Millionen Exemplaren verkaufte.