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Nachruf:Der Anglist Robert Weimann ist tot

Er war eine der Schaltstellen der Rezeption des französischen Strukturalismus und Poststrukturalismus in der DDR. Und ein wichtiger Gesprächspartner für Berliner Theatermacher.

Als 1989 die Berliner Mauer fiel, war er ein Mann von Anfang sechzig. Und ein Spezialist für Autoritätskrisen, für den Widerhall von Zusammenbrüchen und den Zerfall politischer Ordnungen in der Sprache, schon ehe sie gestürzt sind. Denn eines seiner großen Lebensthemen war das Theater Shakespeares.

1928 in Magdeburg als Sohn eines Elektrikers geboren, hatte Robert Weimann schon vor der Gründung der DDR in Halle Anglistik und Slawistik zu studieren begonnen. Seine Dissertation über "Drama und Wirklichkeit in der Shakespearezeit" (1958) und das Buch über den "New Criticism" (1962), mit dem er sich habilitierte, sparten nicht mit Kritik an der bürgerlichen Wissenschaft. Aber früh muss ihn ein Unbehagen an den schlichten Basis-Überbau-Modellen marxistischer Literaturwissenschaft erfasst haben.

Dafür, dass er es ausleben konnte, dürfte 1968 sein Wechsel von einem Lehrstuhl an der Humboldt Universität an die Akademie der Wissenschaften beigetragen haben. Dort, im Sicherheitsabstand zum studentischen Publikum, gab es intellektuelle Reisefreiheit. Weimann, seit seiner Studie "Shakespeare und die Tradition des Volkstheaters" (1967) auch im Westen bekannt, nutzte sie weidlich. Er wurde zu einer der Schaltstellen der Rezeption des französischen Strukturalismus und Poststrukturalismus in der DDR.

Seit den Siebzigerjahren war er Dialogpartner des Berliner Ensembles, der Volksbühne, des Deutschen Theaters. Er wusste, dass die Bühne allein von den Büchern her nicht zu verstehen ist, und war zugleich skeptisch gegen ihr Aufgehen im Bildertheater. Als er 1990 mit Heiner Müller, der gerade den "Hamlet" probte, ein großes Gespräch führte, konnte er auf seine subtile Lektüre des Dramas in "Shakespeare und die Macht der Mimesis" (1988) zurückgreifen. Wie erst am Wochenende bekannt wurde, ist Robert Weimann am 9. April im Alter von neunzig Jahren in Bernau gestorben.