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Nachruf:Denkbare Musik

Er begeistere Generationen junger Leute für neue Musik: der Komponist und ehemalige Pfarrer Dieter Schnebel (1930–2018).

(Foto: imago stock&people)

Er begeisterte Generationen junger Leute für neue Musik - und schrieb Stücke für Harley-Davidsons, Synthesizer und Trompete. Zum Tod des Avantgarde-Komponisten, Lehrers, Essayisten und Theologen Dieter Schnebel.

Komponist und Musikwissenschaftler, Essayist, Theologe, Avantgardist in allen Denkrichtungen - das könnte nach Bedeutungsstolz oder Machtbewusstsein klingen. Ja, Dieter Schnebel war einer der intellektuellsten, am umfassendsten gebildeten und auch mutigsten Musikschöpfer unserer Zeit, seine Werke und Schriften bezeugen die Courage seiner Ideen und Arbeiten. Aber Schnebel musste nichts davon vor sich hertragen, er zählte zu den stillen Denkern und Entdeckern des musikalisch Neuen. Wer mit ihm redete, begegnete einem liebenswerten Unwichtigtuer.

Im südbadischen Lahr 1930 geboren, war und blieb Schnebel bis ins hohe Al-ter einer der produktivsten, neugierigsten Komponisten der Gegenwart, Kronzeuge der Nachkriegsavantgarde. Studiert hatte er in Freiburg und Tübingen: Musikwissenschaft, mit Promotion über Arnold Schönberg, dazu evangelische Theologie. Auf der Suche nach brandneuen Musiksprachen und -stilen nach dem Zweiten Weltkrieg gingen Musiker im Sommer nach Darmstadt, zu den Ferienkursen für Neue Musik. Dort begegenete der junge Schnebel dem Musikexperimentator Maximus Karlheinz Stockhausen, auch Pierre Boulez, Luigi Nono und deren seriellen Theorien. Dort hörte er Vorträge von Theodor W. Adorno und lernte, fundamental für ihn, den Amerikaner John Cage kennen, den Propheten radikaler Klangoffenheit, einer dadaistischen "Unbestimmtheit" der Künste.

Der Theologe Schnebel entschied sich aber für anderes, wurde evangelischer Pfarrer in Kaiserslautern, dann Frankfurt. Er ging als Lehrer nach München, unterrichtete am Oskar-von-Miller-Gymnasium Religion und begeisterte dort Schüler durch Workshops für die experimentelle Musik. Unüberbietbarer Höhepunkt: John Cage reiste an und übte tagelang mit Schnebels Schülern für Konzerte.

Die Berliner Hochschule der Künste schuf ihm eine Professur für Experimentelle Musik. Für die Schüler dort wurde Schnebel eine Art Guru, ein Rattenfänger intellektueller Avantgarde. Der Komponist Schnebel blieb an seinem Schreibtisch, beim Notenpapier, Schnebel-Uraufführungen gab es in Donaueschingen wie in Köln, Rom oder New York. Die Werkliste wurde immer imposanter in der Weite und Dichte vokaler und instrumentaler Erfindungen für Stimmen, Texte, Töne, szenische Visionen. Bis hin zum Coup des exakt strukturierten "Lärms" für neun Harley-Davidsons, Synthesizer und Trompete.

Schnebels Neigung galt den Prozessen vokaler Lauterzeugung und Artikulation, die er in Stücken wie "Maulwerke" oder später "Laut-Gesten-Laute" und "Körper-Sprache" zu visuellen Aktionen verdichtete, die Achim Freyer genial in Bilder verwandelte. Gleichzeitig verfasste Schnebel von intuitivem Blick getragene Essays über Schubert, Verdi oder Wagner, später auch veröffentlicht im Band "Denkbare Musik".

Schnebel dachte Tradition neu. Im Zyklus "Re-Visionen" versammelte er kürzere Stücke, die aus Sätzen und Motiven etwa Schuberts, Janáceks oder Mahlers, Mozarts, Bachs oder Beethovens eigene "Momente" oder "Phantasien" entstehen ließen - lauter Verneigungen, Konfrontationen, Vertiefungen. Es folgte Großes: "Dahlemer Messe", "Sinfonie X", die Oper über Majakowskis Tod.

Dieter Schnebel war in Berlin präsent geblieben, er ging gern in Konzerte, hatte noch Pläne. Jetzt starb er nach kurzer Krankheit 88-jährig in Berlin - an Pfingsten, dem christlichen Fest des Geistes.

© SZ vom 22.05.2018
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