Nachruf Das Licht weit hinter dem Meer

Er war ein Kriegskind, die Erinnerung an die Todesangst in den Luftschutzbunkern verließ ihn nie. Jetzt ist der Dramatiker, Hörspielautor und Erzähler Dieter Forte im Alter von 83 Jahren gestorben.

Von Willi Winkler

Vor langer Zeit, vor Krieg und einer halben Ewigkeit, feierte Elias Canetti seinen Freund Hermann Broch als "großen schönen Vogel, dem die Flügel gestutzt wurden, aber seine Freiheit sonst belassen". Unter Lufthunger litt dieser Vogel, "er atmet leidenschaftlich gern, und er atmet nie genug". Die Luft sei die letzte Allmende, behauptete Canetti 1936, sie komme allen gemeinsam zu, doch verstünden wir uns, anders als Broch, nicht auf die Kunst des Atmens. Dessen Werk stehe zwischen Krieg und Krieg. "Es könnte sein, dass er die giftigen Partikel des letzten Krieges noch jetzt irgendwo spürt."

Der bisher letzte Weltkrieg imprägnierte den 1935 in Düsseldorf geborenen Dieter Forte nicht nur, er nahm ihm den Atem. In seinem Roman "Auf der anderen Seite der Welt" (2004), der keine Autobiografie sein wollte, erzählt er von der Atemnot, unter der er als Kind zu leiden hatte, und wie er als "jugendlicher Greis" an die heilkräftige Nordsee kinderlandverschickt wurde und aufwachte unter lauter Kriegskrüppeln und Lungengeschädigten. Es war das Leben als So-gut-wie-Toter. "Das Meer lag in der tiefen Nacht in einem schweren ruhigen Atem, in einer Stille wie vor der Geburt, während das herausgestoßene, abbrechende Todesatmen eines Menschen den Tag erwartete, das Licht weit hinter dem Meer, das wie ein jahrtausendalter schwarzer Stein unter den Sternen schlief."

Er inszenierte die Reformation als Konkurrenzspiel der Kurfürsten

Wider Erwarten geht das Leben weiter, wird daraus ein Bildungsroman der berühmten Goldenen Fünfziger. Der Erzähler ist Hotelpage, erlebt aus der Ferne Papa Heuss, Beuys und das Wirtschaftswunder in Düsseldorf und erstickt doch beinah daran. Das Buch war wie eine Fortsetzung der 1992 mit dem "Muster" begonnenen Familiengeschichte, die von den gegensätzlichen Clans der polnischen Lukacz und der italienischen Fontana handelt, in die im Folgeband "Der Junge mit den blutigen Schuhen" (1995) hineingeboren wird. Das Hitlertum und der Bombenkrieg ziehen über die Familien hinweg, aber den Jungen quält mehr als alles andere die Atemnot, die ihn auch im letzten Band "In der Erinnerung" (1998), nicht freigibt.

Die drei Bücher, die so geschichtsmächtig sind, weil sie aus radikal individuellen Perspektive erzählt sind, stammten von einem Autor, der ursprünglich gar kein Romancier war, sondern Dramatiker. Für den Rundfunk schrieb Dieter Forte Hörspiele, assistierte Karl-Heinz Stroux am Schauspielhaus in Düsseldorf und Egon Monk beim NDR, bis er mit einem eigenen Stück hervortrat, das in seiner Wirkung nur mit Rolf Hochhuths "Stellvertreter" zu vergleichen war: "Martin Luther & Thomas Münzer oder Die Einführung der Buchhaltung" (1970).

Forte inszenierte die Reformation als Konkurrenzspiel zwischen den beiden Kurfürsten Albrecht von Brandenburg und Friedrich dem Weisen, der den armen Mönch Luther für den Wittenberger Thesenanschlag mit einer neunen Kutte bezahlte. Auch wenn er den Heiligen Narren Münzer etwas arg zeitgerecht und Blochergeben als den wahren Revolutionär darstellte, hatte Forte anders als Hochhuth gründliches Quellenstudium betrieben.

So zeigte er den Bankier Jakob Fugger als den wahren Reformationsagenten und -profiteur, was nicht nur den Augsburgern, die das Märchen von der Fuggerei als der "ersten Sozialsiedlung der Welt" so hingebungsvoll pflegen, ein rechtes Ärgernis war, sondern auch den übrigen Protestanten die irdische Freude an ihrem Luther verdarb.

Forte setzte seine zwischen Brecht und Dürrenmatt aufgebaute Historiendramaturgie mit "Jean Henry Dunant oder Die Einführung der Zivilisation" (1978), "Kaspar Hausers Tod" (1979) und dem "Labyrinth der Träume oder Wie man den Kopf vom Körper trennt" (1983) fort und scheiterte glanzlos. Gutbürgerliche Empörung und die Euphorie der Theaterkritik hatten "Martin Luther & Thomas Münzer" zu einem Welterfolg werden lassen, und danach kam, nicht viel anders als bei Hochhuth, der Absturz. Forte war nach Basel gezogen und wirkte am dortigen Theater, das ihn regelmäßig aufführte, als Dramaturg, aber seine Stücke fielen durch. Seine Welt- und Geschichtserklärung wirkte zu schematisch, zu materialistisch und ihrer theatralischen Mittel dabei zu gewiss.

" ... die nächste Bombenwelle donnerte schon wieder heran, der Boden bebte, das Licht erlosch ..."

Es waren die giftigen Partikel des Krieges, die den Autor Dieter Forte am Leben und am Schreiben hielten. In der künstlichen Kontroverse um den von W. G. Sebald 1997 in seinen Zürcher Poetikvorlesungen erhobenen Vorwurf, die deutsche Nachkriegsliteratur sei der Beschäftigung mit dem Bombenkrieg ausgewichen, meldete sich auch Forte, der das Kriegsgrauen am eigenen Leib erlebt hatte. "Allein aus den Fakten wird man niemals herauskristallisieren, wie die Todesangst die Menschen in den Luftschutzbunkern durcheinandergeschüttelt hat, wie sie sich in irrealen Ausbrüchen in den Sekunden vor ihrem vermeintlichen Tod an irgendeinen nutzlosen Gegenstand klammerten, wie sie in den Sekunden nach dem Verrauschen der Bombenwelle in einem erstickenden Atem verharrten, denn die nächste Bombenwelle donnerte schon wieder heran, der Boden bebte, das Licht erlosch ...".

Fortes Beitrag erschien, als der Krieg wieder in Europa zurückgekommen war, als um den Kosovo gekämpft wurde und zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg wieder deutsche Flugzeuge Belgrad bombardierten. Das Kriegskind Dieter Forte ist am Ostermontag im Alter von 83 Jahren in Basel gestorben.