Nachruf Brigitte Hamann gestorben

Die deutsch-österreichische Historikerin Brigitte Hamann (1940-2016) schrieb erfolgreiche Biografien und nicht zuletzt das Grundlagenwerk "Hitlers Wien".

(Foto: Klaus Franke/dpa)

Die deutsch-österreichische Historikerin schrieb gut lesbare Biografien. Aber nicht nur das: Auch ihr Beitrag zur Forschung sollte nicht unterschätzt werden: Ihr Buch "Hitlers Wien" ist ein Werk von grundlegender Bedeutung.

Von Thomas Weber

Als die junge Essener Journalistin Brigitte Deitert Mitte der Sechzigerjahre nach Österreich zog und den Wiener Historiker Günther Hamann heiratete, deutete wenig darauf hin, dass der britische Historiker Norman Stone ihr Werk eines Tages im Wall Street Journal als einen Triumph der Grundlagenforschung in einem sehr steinigen Feld rühmen würde.

Wissenschaftlich wurden ihr Zeit ihres Lebens Steine in den Weg gelegt. Zuerst hatte ihr Mann wenig Verständnis dafür, dass sie nicht nur Wäsche waschen, sondern wie er Geschichtsbücher schreiben wollte. Und dann konnte eine Historikerzunft des späten 20. Jahrhunderts wenig mit einer Historikerin anfangen, die nicht nur Biografien schrieb, sondern auch noch solche, die die Kaiserin "Sissi" zum Inhalt hatten. Und doch es wurde immer schwerer zu leugnen, dass Brigitte Hamann nicht bloß eine gute Geschichtenerzählerin, sondern auch eine bedeutende Historikerin war.

Ihr Buch "Hitlers Wien - Lehrjahre eines Diktators", 1996 erschienen, veränderte grundlegend die Sicht auf Adolf Hitler. Es ist keine Übertreibung zu sagen, dass dieses Buch für den Versuch zu verstehen, wie Hitler zu Hitler wurde, einen Paradigmenwechsel darstellt. Zuvor glaubten Historiker, dass die Behauptung Hitlers, schon als Jugendlicher in antisemitischem Umfeld radikalisiert worden zu sein, im Kern richtig war. Brigitte Hamann zeigte, dass auch am Kern nichts stimmte. Sie legte eine Blaupause zur Erforschung der Radikalisierung und Politisierung Hitlers vor. Ferner ermöglichten erst ihre Forschungen zu verstehen, wieso Hitler sich eine halbfiktive Vergangenheit schuf, und somit auch die Mechanismen, derer Hitler sich bediente, um an die Macht zu kommen.

Ihre folgenden Bücher waren von ähnlichem wissenschaftlichen Kaliber, auch wenn ihre Bedeutung noch nicht überall im gleicher Weise erkannt worden ist. Am Dienstag ist Brigitte Hamann im Alter von 76 Jahren in Wien verstorben.