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Nachruf:Brasilianische Kröten

RUBEM FONSECA ERHÄLT JUAN-RULFO-LITERATURPREIS

Rubem Fonseca (links) bei der Guadalajara Book Fair 2003 neben Gabriel Garcia Marquez.

(Foto: DAVID DE LA PAZ/DPA/DPAWEB)

Er war studierter Jurist, eine Stimme der Großstadt und ein Chronist der Gewalt. Jetzt ist der brasilianische Autor Rubem Fonseca gestorben.

Von Fritz Göttler

Er war ein Dynamo der modernen brasilianischen Literatur. Als Chico Buarque, der Musiker und Autor, bei seinem ersten Buch gefragt wurde, ob er von Fonseca beeinflusst sei, gab er zur Antwort: Gibt es einen Autor in Brasilien, für den das nicht gilt? Er hat, schrieb Patricia Melo - auch sie erklärt sich in ihren Krimis geprägt von Fonseca - in die eher regional ausgerichtete brasilianische Literatur die Großstadt eingebracht. Und deren Figuren, die in der europäischen Literatur seit dem 19. Jahrhundert vertraut sind - den Einzelgänger, den Dandy, die Prostituierte, den jugendlichen Kriminellen. Und die sozialen, gewaltsamen, politischen Konflikte einer Klassengesellschaft, die verstörende Psychopathologie eines Lebens unter der Diktatur.

"Wir lehnen das Chaos ab, missbilligen aber noch mehr die Ordnung"

All dies hat Fonseca, geboren am 11. Mai 1925, nach seinem Jurastudiumerlebt, als Kommissar, Polizist, Journalist oder in Verwaltungsjobs. 1953 veröffentlichte er sein erstes Werk, "Die Gefangenen". Auch Drehbücher hat er später geschrieben, oft nach eigenen Werken, etwa für Walter Sales' Verfilmung des Romans "High Art". Zu seinen bekanntesten Romanen zählen "Grenzenlose Gefühle, unvollendete Gedanken", "Mord im August", 1993, über den Suizid des langjährigen Diktators Getulio Vargas, die Analyse eines fiebrigen Verschwörungsklimas, und "Bufo und Spallanzani", das Porträt eines Schriftstellers, der mit einer Schreibblockade fertig werden muss und mit dem Freitod der Geliebten, der - das Buch ist auch ein richtiger Krimi - ein Mord war. (Der bufo ist eine Kröte, Spallanzani ein Universalgelehrter zwischen Biologie und Vulkanologie, der grausame Experimente zur Regenerationsfähigkeit von Kröten macht.) "Wir lehnen das Chaos ab, missbilligen aber noch mehr die Ordnung", notiert der Erzähler, der Gustav Flavio heißt, ein Name, der an Gustave Flaubert erinnert.

Die Erzählung "Feliz Ano Novo", in der eine Bande an Silvester in eine Villa eindringt, wurde wegen Obszönität verboten. "Brutalista" nannte man Fonsecas Erzählen, ein literarischer Brutalismus, der das Unangepasste nie passend macht, das Disparate nicht in eine Ordnung zwingt.

Fonseca hat sich nie zum Souverän der Sprache stilisiert, er hat die Sprache in ihrer Eigenmächtigkeit dokumentiert. "Ich habe dreißig Bücher geschrieben", sagte er einmal, "alle voll mit obszönen Worten. Wir Schriftsteller können die Worte nicht diskriminieren. Kein Schreiber darf sagen: Dieses benutze ich nicht. Außer Sie schreiben ein Kinderbuch. Jedes Wort wird benutzt."

Am Mittwoch ist Rubem Fonseca wenige Tage vor seinem 95. Geburtstag gestorben.

© SZ vom 17.04.2020

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