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Nachruf:Bildung des Herzens

Willibald Sauerländer, 2009

Der große Kunsthistoriker Willibald Sauerländer im Jahr 2009.

(Foto: lok)

Aus dem "akademischen Papageienkäfig entkommen", zur zweiten Karriere im Feuilleton: Willibald Sauerländer als Kunstjournalist.

Willibald Sauerländer schrieb seine Artikel auf einer mechanischen Schreibmaschine, die keine Taste für den Buchstaben ß hatte. Er musste ihn durch "sz" ersetzen, was stimmig war: Er, der spät berufene Journalist, der erst nach seiner Pensionierung in den Neunzigerjahren zur SZ, zur Süddeutschen Zeitung kam, hat das Kunstfeuilleton nicht nur dieses Blattes geprägt.

Erzählt man Journalistenschülern, wie Sauerländer arbeitete, so schütteln sie ungläubig den Kopf. Er pflegte für jede Kunstkritik drei, vier Tage in die Bibliothek zu gehen. Als das im Alter zu beschwerlich wurde, ließ er sich stapelweise Bücher nach Hause schicken aus dem Zentralinstitut für Kunstgeschichte, dessen Direktor er bis zu seiner Emeritierung 1989 gewesen war. Natürlich hatte er sich immer einen halben Tag oder länger aufgehalten in der Ausstellung, die es zu rezensieren galt, und gerne außer den Bildern auch die Besucher beobachtet. Seine Manuskripte waren Unikate, Korrekturen malte er in seiner eng gedrängten Schrift an den Rand. Solange er noch gut zu Fuß war, brachte er jeden Text persönlich in die Redaktion. Er blieb dann auf einen Plausch, und hatte immer etwas Neues aus dem Kunst- und Wissenschaftsbetrieb zu erzählen, was außer ihm noch kein Kollege gehört hatte. Fiel ihm nach dem Besuch noch ein Änderungswunsch ein, so konnte er am Telefon den entsprechenden Absatz aus dem Gedächtnis aufsagen. Das war gut, denn er besaß nicht nur keinen Computer, er besaß auch kein Faxgerät.

Er googelte nicht, besaß keinen Computer und nicht einmal ein Faxgerät

Ein Autor, der nicht googelte, dessen Texte in der Redaktion abgetippt werden mussten, einer, der in seinem Fach weltberühmt war, aber aus Respekt vor den Zeitungslesern keinen noch so kurzen Artikel mal eben ohne nachzulesen aus dem Ärmel schütteln mochte: So einer soll das große Vorbild der Kunstjournalisten im 21. Jahrhundert sein?

Er ist es längst geworden. Zu Recht. Willibald Sauerländer gehörte zu den Kollegen, die eine zweite Ära der Kunstkritik eingeleitet und geprägt haben. Die erste Ära begann nach 1945 und währte gut ein halbes Jahrhundert. Etwa in den frühen Documenta-Besprechungen der Nachkriegszeit ist nachzulesen, was diese Rezensenten zu leisten hatten: Sie schrieben gegen die Barbarei an und wussten in jeder Zeile um die pädagogische Pflicht, die ihnen oblag: das Volk affektiv und intellektuell an die moderne Kunst heranzuführen, die bis vor Kurzem noch als "entartet" galt. Brüder und Schwestern im Geiste jener Kritiker waren die Künstler - und nicht die Leser, denen man ein eigenständiges ästhetisches Urteil noch nicht zutraute. Es ist auch den Journalisten zu verdanken, dass Kunst damals zum Massengenuss avancierte, und Angst und Abwehr der frühen Jahre heute undenkbar geworden sind. Doch die Aufklärung jener Jahre war ohne den Gestus der Belehrung nicht zu haben.

Willibald Sauerländer, dem langjährigen Hochschullehrer, war aber jede Form der Besserwisserei fremd. Professorales Gehabe hatte er schlicht nicht nötig, es wäre ihm peinlich gewesen. Und von Interessen beeinflussen ließ er sich grundsätzlich nicht. Einen Text statt aus ästhetischen aus taktischen oder berufspolitischen Gründen zu verfassen, kam ihm nicht in den Sinn, das verachtete er. Sauerländer wollte beschreiben und berichten, analysieren und verstehen, keine Künstlerkarrieren schmieden.

Im Vorwort seines letzten Kritikenbandes (Von Bildern und Menschen, Verlag C.H. Beck, München 2010) schreibt er, vom Feuilletonisten seien "zwei Anstrengungen gefordert: die Anstrengung der Höflichkeit und die Anstrengung der Phantasie". Höflichkeit, so Sauerländer, bedeute, dass ein Text verständlich sein müsse, ohne trivial zu werden. Die Fantasie aber werde gebraucht, um sich einzufühlen sowohl in die Bilder oft vergangener Zeiten als auch in die Sehnsüchte und Befindlichkeiten des Publikums, das die Werke im Hier und Jetzt betrachte. Kunst ist so gesehen darum die beste Freundin unseres Feingefühls. Sie reizt die Sinne, fordert Sympathie, lässt uns den Dingen nachspüren, dem Flattern eines Gewandes, dem Schmerz am Kreuz, dem Geruch der Lilie und vielem mehr. Um das Leben gerade alter Bilder und Skulpturen zu ertasten, um die in ihnen wohnenden Erinnerungen zu wecken, braucht es jedoch helfende Worte und Kunstautoren, die ebenso gerne staunen wie sie denken.

Auch Sofareisende kamen durch ihn zu ihrem Kunsterlebnis

Willibald Sauerländer führte eine scharfe Zunge, wenn er Missstände bemerkte wie überzogene Marketingmaßnahmen, die sich vor die Werke drängelten, oder wenn die Stiftung Preußischer Kulturbesitz überlegte, ihre Weltklasse-Gemäldegalerie auseinanderzureißen und umzusiedeln. Sein Unmut aber richtete sich nie gegen die Museumsgänger, deren Anwalt er war. Der Kritiker kam in seinen Artikeln zu eindeutigen Urteilen - Fehlzuschreibungen von Gemälden und Zeichnungen entdeckte er, Drittklassiges neben Gutem benannte er. Aber Sauerländer tat dies nie aus einer Richterpose heraus (wem, wenn nicht ihm, hätte sie zugestanden), sondern er umwarb seine Leserschaft leise und eindringlich mit historischen Fakten und visuellen Argumenten. Jeder dieser Texte war so reich, erzählte so viel von den Werken und ihrer Zeit, von humanen Erfahrungen und Erkenntnisprozessen, dass Zeitungsleser oft mehr wussten als die Ausstellungsbesucher. Auch Sofareisende kamen so zu ihrem Kunsterlebnis.

Willibald Sauerländer gefiel an der Zeitung, dass er hier beides sein konnte: Verstandes- und Sinnesmensch. Dem "akademischen Papageienkäfig entkommen" sei er in seinem zweiten Leben als Feuilletonist, sagte er einmal. Und so waren auch seine Texte: keine ornithologischen Gutachten über seltene Vogelarten, sondern geschrieben mit Blick für das Leben und die gesellschaftlichen Bedingungen der Heutigen. Als er kurz nach dem 11. September 2001 eine hochrangige Renaissanceausstellung in Washington besuchte, sinnierte er über die leeren Säle und fragte, wie die Terrorangst den Raum des Öffentlichen und damit auch die Museen verändern wird.

Willibald Sauerländer gehörte nicht zu jenen Leuten, die irgendwann kurz nach ihrer Jugend aufgehört haben zu denken, was heißt: fühlen. Er konnte Irrtümer revidieren, konnte sich selbst als historisches Wesen begreifen, das von den Zeitläuften geprägt ist und diese manchmal erst mit Abstand klar zu erkennen vermag. So freundete er sich Jahre nach der Studentenrevolte mit einigen früheren Fachrebellen an, die er zuvor in ihrer Radikalität verurteilt hatte. Und er hielt zeitlebens Augen und Verstand offen für neue Eindrücke, ließ sich als Kritiker früher als andere auf Zeitgenossen wie Cindy Sherman, Matthew Barney, Michel Majerus und Kara Walker ein, ohne sie von der erhabenen Warte der alten Meister aus abzukanzeln. Die leichte Ratlosigkeit, die einen bei neuer, noch nicht kanonisierter Kunst überfallen mag - er liebte sie. Und so schaute auch der alte Mann mit jugendlichen Augen auf die Welt. Der in den Universitäten von Amerika und Frankreich wohl bekannteste deutsche Kunsthistoriker, ein vielfach ausgewiesener Experte, enger Gesprächspartner von Erwin Panofsky wie von Jürgen Habermas: Er sah sich selbst als einen ewigen Lehrling.

Und was ist ein Journalist anderes als das? Gemeinsam mit anderen konnte Willibald Sauerländer die massenmediale Kunstkritik in die gesamtdeutsche Republik hinüberretten, weil er sich bei aller nötigen Fachkenntnis so uneitel einzulassen verstand auf Werke wie auf Menschen. Er war ein Mann des Dialogs. Nahm er den Telefonhörer ab, fragte er als Erstes ausführlich, wie es seinem Gesprächspartner gehe und woran er oder sie gerade arbeite. Nie hätte der Autor die Zeitung als Forum der Selbstdarstellung missverstanden. Man musste ihn schon drängen, auch einmal in Ich-Form zu schreiben, wenn es etwa um seine persönlichen Erinnerungen an den Eröffnungstag des Münchner Hauses der Kunst 1937 durch Adolf Hitler ging.

Die Leser spürten in jeder Zeile, wie ernst Sauerländer sie und die Zeitung nahm. Sie trafen auf einen Autor, der sich ihnen intellektuell und in seiner Sinneserfahrung öffnete und sie eine Weile durch seine Augen schauen ließ. Was sie von ihm lernten, war nicht nur ein profundes kunsthistorisches, literarisches und historisches Wissen, es war vor allem eine Methode des Sehens. Und weil dieser Lehrer Freund, nicht Vormund seiner Leser war, weil er sie nicht ausschloss, sondern teilhaben ließ an seinen Ein- und Innensichten, deshalb wohl folgten sie ihm so lustvoll und vorurteilsfrei auf seinen Höhenflügen.

Die verbreiteten Klagen über das Ende der Allgemeinbildung konnte Sauerländer nie verstehen, wahrscheinlich deshalb, weil Bildung für ihn Herzensbildung war, eine Sache für jedermann und jede Zeit. Es war ja auch nicht vorbei mit den alten Mythen, mit den Bildgeschichten und Legenden: In seinen Texten verwandelten sie sich in pure Zeitgenossenschaft. Kunstkritik in seinem Sinne war eine Schule der Sensibilität.

Durchlässig, literarisch und leidenschaftlich wie im französischen Salon des 18. Jahrhunderts, kenntnisreich wie in den Ausstellungsrezensionen des 19. Jahrhunderts. Modern gedacht wie im 20. Jahrhundert. Und jetzt ein Hort der Freiheit, eine Chance, Mensch und Welt ein kleines bisschen besser zu begreifen: So kann Kunstkritik sein, wenn wir es ihr erlauben. Und Willibald Sauerländers Vermächtnis auf unsere Art weiterleben.