Süddeutsche Zeitung

Nachruf:Tod des Träumers Bud Spencer

Lesezeit: 5 min

Als charmanter Haudrauf wurde Carlo Pedersoli berühmt. Er war Bud Spencer. Aber der Italiener hatte viele Talente - und blieb seinem Lebensmotto bis zuletzt treu.

Nachruf von Carolin Gasteiger

"Lassen Sie mich vorbei, ich will mein Leben leben." Mit diesem Satz beschrieb Carlo Pedersoli einmal in der Berliner Zeitung sein Lebensmotto. In seinem neapolitanischen Dialekt verkürzte er es zu "Futtetènne", "Scheiß drauf". Man solle sich dieses Motto zu Herzen nehmen, in Momenten, in denen man sich aufrege, riet Pedersoli einem Interviewpartner einmal. In seinem Leben scheint es nur wenige dieser Momente gegeben zu haben.

Carlo Pedersoli starb am Montag im Alter von 86 Jahren in Rom. Am 31. Oktober 1929 wurde er als Sohn eines Industriellen in Neapel geboren. Neapel, nicht Italien - darauf legte er Wert. "Ich bin nicht nur von Herzen, sondern auch mit jeder Faser meines Körpers Neapolitaner", so Pedersoli.

Als junger Mann war er einer der erfolgreichsten Schwimmer seines Landes. Zwei Mal reiste er für Italien zu den Olympischen Spielen. 1950, mit 20 Jahren, schwamm er als erster Italiener 100 Meter in unter einer Minute. Wofür andere hart arbeiten mussten, gelang Pedersoli scheinbar mühelos. Immer wieder fehlte er im Training, rauchte wie ein Schlot und vor seinem Rekord war er drei Jahre überhaupt nicht geschwommen. Zu ernst nahm Pedersoli die Welt und das Leben nie. Im Gegenteil. "Damals war ich ein Exhibitionist, ein Idiot. Ich fühlte mich sehr stark", gestand er in seiner Autobiografie.

Dank dieser Stärke traute sich Pedersoli zu, immer weiter zu gehen und Neues auszuprobieren. Von Plänen hielt er Zeit seines Lebens nichts, riet vielmehr anderen davon ab. Ebenso wie er später im Film den Bösen kurzerhand eine drüberzog, fackelte er auch im wahren Leben nicht lange, sondern ergriff die Gelegenheiten beim Schopf.

So ging es bei Pedersoli nach einem abgeschlossenen Jurastudium erst richtig los. Im Amazonas-Dschungel baute er an der Panamericana mit ("ich wollte den Sinn des Lebens verstehen") und kehrte mit 31 Jahren nach Rom zurück. Er heiratete das Mädchen, dem er aus Venezuela Briefe geschrieben hatte, und jobbte schließlich in einer Autowerkstatt. Aber Carlo Pedersoli, der sich selbst als "Junge, der das Leben liebt" sah, sollte seine Berufung noch finden: Bud Spencer.

Zum Schauspielen war er durch Zufall und aus der Not heraus gekommen, noch bevor er nach Venezuela ging. Pedersoli hatte Schulden, der Job in der Werkstatt warf nicht genug ab. Mit mehreren kleinen Filmrollen versuchte er, sich über Wasser zu halten. In "Quo vadis" trat er als Leibwächter Neros an der Seite von Peter Ustinov auf, die damals noch unbekannte Sophia Loren war ebenfalls Statistin. An eine ernsthafte Schauspielkarriere dachte Pedersoli damals nicht.

Ausgerechnet seine Liebe zum Essen (seine Frau sagte damals, er tue nichts anderes) rettete ihn aus der Notlage: Giuseppe Colizzi suchte 1967 jemanden von Pedersolis Statur für seinen nächsten Film, "Dio perdona... io no!" (auf deutsch "Gott vergibt - Django nie"). Trotz Pedersolis utopisch hoher Gagenforderung - anders konnte er seine Schulden nicht begleichen - konnte der italienische Regisseur einfach niemanden finden, der besser auf die Rolle gepasst hätte. Pedersoli bekam den Zuschlag und sein erstes großes Engagement. Um seinen Ruf als Schwimmer nicht zu gefährden, gab er sich den Künstlernamen Bud Spencer. Bud wegen Budweiser, das er gern trank, und Spencer als Verehrung vor Spencer Tracy.

"Gott vergibt - Django nie" sollte nicht nur den Beginn von Pedersolis Schauspielkarriere markieren, sondern auch den einer innigen Freundschaft. Mit ihm spielt Mario Girotti eine Hauptrolle, den er schon vom Schwimmen kannte und der schon in Viscontis "Der Leopard" mitgespielt hatte. Bald nannte sich Girotti Terence Hill - eines der erfolgreichsten Duos der Filmgeschichte war geboren.

Mit klar verteilten Rollen - Spencer stark und behäbig, Hill gewieft und schnell - etablierten sich die beiden in 16 gemeinsamen Filmen als Komiker-Duo. Das Grundprinzip war stets dasselbe: Zwei Typen prügeln die Bösen windelweich. Blut fließt nie, die Kontrahenten sind nie ernsthaft verletzt und Spencer und Hill am Ende immer die Guten. Die Dialoge sind, besonders in der Synchronisation, voller platter Kalauer, die Filmtitel lang und mit eindeutiger Botschaft: "Die rechte und die linke Hand des Teufels", "Vier Fäuste für ein Halleluja", "Zwei Himmelhunde auf dem Weg zur Hölle". Die Prügel-Western sind heute allesamt Klassiker.

Was im Film improvisiert wirkt, folgte einer fein austarierten Choreografie. Oft wurde tagelang nur eine Schlägerei gedreht. Spencers "Dampfhammer", bei dem er seinem Gegenüber mit der Faust auf den Kopf schlägt und dieser oft vor dem Umfallen noch eine Piroutte dreht, wurde zu seinem Markenzeichen.

Von der Kritik geschmäht (der Spiegel forderte einmal: "Der Produzent hätte von den Krokodilen gefressen werden sollen"), avancierten Spencer und Hill zu Publikumslieblingen: In den Siebzigern liefen die Filme der beiden im Kino erfolgreicher als James Bond. Allein "Vier Fäuste für ein Hallelujah" spielte mehr als 30 Millionen Mark ein. Spencers simple und bis zuletzt viel zitierte Begründung: "Weil jeder Mensch (...) immer noch einen Typen über sich hat, dem er gerne mal eine reinhauen würde."

Die Süddeutsche Zeitung nannte Bud Spencer und Terence Hill die "Nachkriegsversion des Laurel-und-Hardy-Prinzips". Tatsächlich hatte das Duo prominente Vorbilder wie Charlie Chaplin. Von ihm schauten sich die beiden ab, das Publikum allein mit den richtigen Gesten im passenden Moment zum Lachen zu bringen. "Von ihm habe ich am meisten gelernt", sagte Pedersoli einmal. Mit ihren komischen und genau aufeinander abgestimmten Figuren erinnerten Spencer und Hill an die Commedia dell'arte. Slapstick war ihre Sprache, die jeder verstand.

Neben den Schlägereien gehören in jeden Spencer-Hill-Film die lautmalerischen Fressorgien. Mit Wonne wird da geschmatzt, gerülpst, geschlemmt. Und der klassische Western völlig karikiert. Der Zeit zufolge traten Spencer und Hill damit den "asketischen Heroen der klassischen amerikanischen Western (...) mit ureigenem Hedonismus entgegen". Wo Gregory Peck oder Henry Fonda noch Whiskey tranken, verschlangen Spencer und Hill auf einmal eine Pfanne Bohnen. Dem Genussmenschen Carlo Pedersoli fielen diese Szenen tatsächlich nicht schwer. Schließlich bezeichnete er sein Verhältnis zum Essen einmal als "sehr glückliche, dauerhafte Liebesgeschichte".

Auch privat verstanden sich die Schauspieler hervorragend, bis ins hohe Alter trafen sich beide immer mal wieder zum Mittagessen. "Wahrscheinlich sind wir das einzige Paar der Welt, das sich nie gestritten hat", sagte Pedersoli. Als Antwort auf das Warum pflegte er stets zu sagen: Weil Terence Hill ein Schauspieler sei, er aber nicht.

Pedersoli wusste stets, wem er seinen Erfolg zu verdanken hatte: "Ich betrachte diesen Erfolg nicht als meinen eigenen. Ich verdanke ihn der Kunstfigur Bud Spencer", zitiert ihn die Frankfurter Rundschau. An anderer Stelle heißt es: "Ein Schauspieler hat viele Persönlichkeiten - ich habe nur eine. Und die kann niemand besser spielen als ich."

Als die großen Zeiten des Prügelduos Anfang der Achtziger langsam zu Ende gingen, ließ Pedersoli Bud Bud sein und tastete sich auf neues Terrain vor. Schließlich gebe es immer noch etwas zu tun, wie er sagte. Zu "Banana Joe" schrieb er 1982 das Drehbuch, für "Sie nannten ihn Mücke" komponierte Pedersoli einige Songs und sang auch selbst. Denn: "Auch Musik mache ich mit der gewohnten Naivität." Tatsächlich war die Musik eine andauernde Leidenschaft des Italieners. Schon in den Sechzigern komponierte er Schlager und neapolitanische Lieder, hier eine Kostprobe von "Futtetènne", seinem vertonten Lebensmotto:

Auch weniger aussichtsreiche Projekte ging Carlo Pedersoli voller Tatendrang an. Und das waren immerhin einige. Als Erfinder sicherte er sich unter anderem die Gebrauchsmuster (eben kein Patent, wie er betonte) für eine Zahnbürste mit integrierter Zahncreme oder einen Spazierstock mit integriertem Sitz. Er machte einen Pilotenschein, gründete seine eigene Fluggesellschaft und brachte eine eigene Kleidungslinie heraus. Sogar in die Politik wagte Pedersoli sich und kandidierte 2005 bei den Kommunalwahlen für einen Sitz im Regionalparlament Latium. Seine Partei: Berlusconis Forza Italia. Dieses Projekt war erfolglos. Sei's drum.

Pedersoli war stets angetrieben von unbändigem Optimismus. Anders hätte er wohl auch kaum verkraftet, dass er noch zu Lebzeiten häufig von seinem eigenen Tod lesen musste. Er sehe dem Tod "mit größter Gelassenheit" entgegen, gestand er erst 2015 der Welt am Sonntag. "Er ist ein Junge. Einer, der immer noch träumt", sagte seine Frau Maria einmal über ihn. Mit ihr war er 54 Jahre lang verheiratet, zusammen hatte das Paar drei Kinder. Nun ist das Träumen für Carlo Pedersoli alias Bud Spencer vorbei. Der Schauspieler starb im Alter von 86 Jahren in Rom.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.1935892
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ.de
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.