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Nachruf auf Sylvain Sylvain:Pocken im Sommer der Liebe

8/ Konzert: New York Dolls, Sylvain Sylvain (Gitarrist vorn), Saenger David Johansen, im Berliner Sage Club, Glamrock, P

Sylvain Sylvain mit den "New York Dolls" 2009 im Berliner Sage Club.

(Foto: imago stock/imago images/BRIGANI-ART)

Sylvain Sylvain zeigte mit dem wegweisenden Lärm seiner "New York Dolls", wie weit man im Rock mit Haltung statt Handwerk kommen kann.

Von Andrian Kreye

Sylvain Sylvain ist tot, Gitarrist und musikalischer Treiber der New York Dolls. Was in den ersten Jahren nicht viel hieß, weil die Dolls zu jenen Bands gehörten, die Anfang der Siebzigerjahre sehr laut demonstrierten, dass es in der Rockmusik vor allem um Haltung und nicht so sehr um musikalisches Handwerk geht. Und wenn man aus New York kam, dann hatte diese Haltung nur wenig zu tun mit dem damals so verstrahlten Zeitgeist der spirituellen Erneuerung und Sehnsucht nach einer besseren Welt.

Bei Sylvain Sylvain hatte sich das schon früh angedeutet. Im Sommer der Liebe 1967 nannte er seine erste Band The Pox. Die Pocken.

Der junge Gitarrist hieß eigentlich Sylvain Mizrahi, Sohn einer jüdischen Familie aus Kairo, die erst nach Frankreich und dann nach Amerika floh. 1971 fanden sich dort dann die Dolls zusammen, zu der auch der Gitarrist Johnny Thunders und der Sänger David Johansen gehörten, allesamt Kids aus den Außenbezirken Queens, Bronx und Staten Island. Sylvain erzählte später, dass es vor allem Langeweile war, die sie zusammenbrachte. Weil alle Welt diese Stadionbands anhörte, die sehr beeindruckend waren, aber so gar keinen Spaß machten. Die Dolls klauten einfach ein paar bewährte Rock-and-Roll-Riffs, die sie sehr verzerrt und schlampig spielten. Man hörte ihnen an, dass sie The Stooges, die Stones und David Bowie mochten. Man konnte zu ihrer Musik tanzen. Außerdem trugen sie gerne Frauenkleider und schminkten sich. Das reichte schon mal für eine gute Show.

Andy Warhol, Fran Lebowitz und Anthony Bourdain waren Fans

Im Mercer Arts Center, einem ehemaligen Ballsaal im University Hotel am unteren Broadway, in dem vor allem Obdachlose und Trinker hausten, spielten sie von 1971 an einen wöchentlichen Gig. Die Konzerte waren bald Pflichttermin für die Kulturelite der Stadt. Andy Warhol, Fran Lebowitz und Anthony Bourdain waren Fans. Dann brach das Gebäude eines schönen Sommertages einfach zusammen. Da hatten sie allerdings schon einen Plattenvertrag mit dem Produzenten Todd Rundgren, der verstand, was für wegweisender Lärm das war.

Für zwei Studioalben reichte ihre Karriere. Die Platten verkauften sich allerdings nicht. Die Konzerte waren ob des Alkohol- und Drogenkonsums der Musiker Debakel, bei denen manchmal die Roadies an den Instrumenten einspringen mussten. Johansen erfand sich dann als Lounge-Sänger Buster Poindexter neu. Sylvain Sylvain hatte mit seiner Band The Criminals leidlichen Erfolg. Von dem Ruf, Vorläufer des Punk gewesen zu sein, konnten sie sich ja nichts kaufen.

2004 holte Morrissey die Dolls dann noch mal zusammen. Oder besser: die beiden Überlebenden Sylvain und Johansen mit wechselnden Gastmusikern. Sie klangen zwar nie wieder so ungehobelt und frisch. Aber sie nahmen drei sehr ordentliche Alben auf. Am Mittwoch ist Sylvain Sylvain in Nashville an einem Krebsleiden gestorben. Er wurde 69 Jahre alt.

© SZ/biaz
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