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Nachruf auf Syd Mead:Wie Tränen im Regen

Syd Mead, der Design-Futurist, der "Blade Runner" schuf, ist gestorben. Eine Ausstellung in Berlin würdigt seine Visionen, die viele Filme prägten.

Vor mehr als 40 Jahren hat sich der Designer Syd Mead die Welt des Jahres 2019 vorgestellt. Für Ridley Scotts Science-Fiction-Thriller "Blade Runner" entwarf er eine finstere, dystopische Version von Los Angeles. Nun schließt sich auf traurige Weise ein Kreis, denn am Ende dieses ominösen Jahres 2019 ist der begnadete Designer im Alter von 86 Jahren in Pasadena gestorben.

Der berühmte Gestalter von Science-Fiction-Welten in Filmen wie "Blade Runner", "Aliens - Die Rückkehr", "Star Trek" oder "Mission Impossible" begann seine einflussreiche Karriere als Industriedesigner. Zunächst setzte er seine überbordende Fantasie für Autobauer, Elektronikfirmen und Kamerahersteller wie Ford, Chrysler, Sony, Electronics, US Steel und Minolta ein. Da er seine Produkte nie als sterile Konstruktionszeichnung im weißen Kubus präsentierte, sondern immer als sinnliche Objekte in einem komplex gestalteten Lebensraum, war es im Grunde nur eine Frage der Zeit, bis das Kino auf ihn aufmerksam wurde. Ursprünglich wollte Ridley Scott Anfang der Achtzigerjahre von ihm nur die Entwürfe für die Autos haben, die im Los Angeles der Zukunft fahren, fliegen und gleiten sollten. Da Mead ihm seine Entwürfe aber als Teil einer ganzen Welt präsentierte, also quasi schon ihre Geschichte miterzählte, wurde daraus eine umfassende Gestaltung des L. A. von 2019.

"Visual futurist", lautete dann der Credit, den sich Syd Mead dafür wünschte, und so steht es jetzt tatsächlich im Abspann vieler Filme. Denn seine Entwürfe betrachtete er nicht als Utopie, sondern als "fotografische Darstellung einer Realität, die noch nicht eingetroffen ist".

In Berlin sind derzeit 33 seiner Entwürfe in einer Ausstellung zu sehen, die als Hommage an die lebende Legende begann und sich nun zu einer posthumen Würdigung wandelt. Angeregt wurde sie von dem Architekten Markus Penell, der das Berliner Büro der Düsseldorfer Architekten Ortner und Ortner leitet. 2015 gewann das Büro einen internationalen Wettbewerb zur Gestaltung der "Urbanen Mitte am Gleisdreieck", eines kleinen Berliner Stadtquartiers mit sieben Hochhäusern, das sich in eine bestehende Infrastruktur aus Bahnhöfen, S-Bahn-Linien, Denkmälern und Parks einfügen muss.

Syd Mead

In Syd Meads „Cityscape – Lightening“, einem Bild in Gouache-Technik aus dem Jahr 1981, erkennt man Designideen, die den Film „Blade Runner“ so unvergesslich gemacht haben.

(Foto: Galerie O + O Depot)

Bauen für die nähere Zukunft des urbanen Lebens, da könnte man doch mal schauen, wie Filmarchitekten mit solchen Aufgaben umgehen und umgegangen sind, dachte sich Penell. In der unter dem Architekturbüro gelegenen O+O Depot Galerie initiierte er darum die Ausstellung mit Originalzeichnungen von Syd Mead, die Wechselwirkungen zwischen den Fantasien des Kinos und den stadtplanerischen Ideen der Architektur anregen will. Als Kurator hat er den Filmregisseur und Szenenbildner Boris Hars-Tschachotin geholt, der mit der großen Ken-Adam-Ausstellung im Filmhaus bereits einen anderen Großen der Zunft gewürdigt hat.

Fast jedes der 33 Blätter, die dank finanzieller Unterstützung eines Immobilienunternehmers in Berlin zu sehen sind, eröffnet eine komplexe, futuristische Welt, mit aerodynamischen Architekturen aus Metall und Glas, die in weitläufige Landschaften eingebettet sind. Nur in der Ferne ist am Horizont auch mal ganz klein die Erde zu sehen. Neben Filmentwürfen gibt es auch Konzepte für Themenparks in Asien, für moderne Mobilitätssysteme in Japan oder ein großes Wandpanel, das den Mitarbeitern der Firma Electronics den Weg in die Zukunft des Konzerns weisen soll.

Syd Mead; Syd Mead

"Wenn man die Zukunft immer wieder positiv ausmalt, dann unterstützt man die Idee, dass es tatsächlich so kommt." Syd Mead, 1933 - 2019.

(Foto: AP)

Ein ganzer Raum ist dann aber den Entwürfen für "Blade Runner" gewidmet, die eigentlich untypisch düster, dampfig und eng wirken. So jedenfalls muten sie an im Gesamtwerk von Syd Mead, der seine Visionen von der Zukunft sonst ganz bewusst licht und optimistisch gestaltet hat. In einem Film, den der Kurator im Haus des Meisters in Pasadena gedreht hat, wirkt Syd Mead ganz in Cremeweiß, mit Anzug, Hut und Hemd, mit diagonal schwarz-weiß gestreifter Krawatte und schwarzer Sonnenbrille wie eine Figur aus einem David-Lynch-Film. Dazu erläutert er sein Konzept: "Ich habe immer versucht, die Zukunft schön aussehen zu lassen. Meine Philosophie ist, wenn man die Zukunft immer wieder positiv ausmalt, dann unterstützt man die Idee, dass es tatsächlich so kommt." Der Glaube daran, dass die Kombination aus menschlicher Schöpferkraft und technologischem Fortschritt eine positive Zukunft bringt, lebt in den lichten, luftigen Weiten der Szenerien und in den strahlenden, spiegelnden Konstruktionen von Syd Mead. Und in den oft pink und blau leuchtenden Farben der Gouachen, seinem bevorzugten Malmaterial. Mit ihrer ungeheuren, bis ins kleinste Detail ausgearbeiteten Tiefenschärfe ziehen sie den Betrachter förmlich hinein in ihre magischen Orte und Geschichten.

Was nun die Zukunft von "Blade Runner" betrifft, die ist im Jahr 2019 Gegenwart, und vieles von dem, was es 1982 noch nicht gab, ist heute schon fast Alltag, von Überwachungsdrohnen bis zu selbstfahrenden Autos. Und das kantige Auto, das der Replikanten-Jäger Rick Deckard (Harrison Ford) fährt, hat offensichtlich auch die Designer des neuen Cybertrucks von Tesla beeindruckt. In einer anderen Entwurfszeichnung aus den Achtzigerjahren sieht man junge Gamer in gläsernen Kabinen, nicht ahnend, dass das, was sie für ein Spiel halten, in Wirklichkeit der wirkliche Krieg ist. Inzwischen ist es längst gängige Praxis, Gamer für die Drohnenkriege der Welt zu rekrutieren. Auch das macht die Entwürfe von Syd Mead so zeitlos, die Art, wie sie ihre kühnen Visionen an wiedererkennbaren Komponenten der Wirklichkeit andocken.

Syd Mead - Future Cities. Bis 30. Januar 2020 in der Galerie O&O Depot, Leibnitzstraße 60, Berlin.

© SZ vom 02.01.2020

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