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Nachruf auf Rossana Rossanda:Die Gegenpäpstin

Rome 1987 Italian journalist Rossana Rossanda in her house Roma 1987 La giornalista Rossana Ro

Ginge es mit rechten Dingen zu, würde sie umgehend heilig gesprochen: Rossana Rossanda in ihrem Haus, um 1987.

(Foto: imago/Leemage)

Der Kommunismus war ihr Leben, die Kritik daran ihre Lebensaufgabe: Die italienische Journalistin und Politikerin Rossana Rossanda ist tot.

Von Willi Winkler

Wenn der Kommunismus sich noch an seine illegitime Herkunft aus der katholischen Kirche erinnern könnte, würde jetzt von Mailand bis Rom der gleiche Ruf erschallen: "Subito Santa!" In männlicher Form wurde so 2005 die sofortige Heiligsprechung von Papst Johannes Paul II. gefordert. Ginge es mit rechten wie linken Dingen zu, müsste auch Rossana Rossanda, die Kommunistin mit dem Namen einer Korsarenbraut, auf der Stelle unter die Heiligen versetzt werden. Sie war vielleicht kein Papst, füllte aber das außerplanmäßige Amt einer Gegenpäpstin aus, eine gloriose Dissidentin, dabei aber glaubensstark bis zum letzten Atemzug. Sie verließ zwar, als es Zeit war, die Parteilinie, wurde aber nie schwach im Glauben an ihre Erlösungsreligion. "Il comunismo ha sbagliato, ma non era sbagliato", der Kommunismus mag sich geirrt haben, aber falsch war er nicht.

2005 veröffentlichte Rossana Rossanda die Memoiren ihrer ersten Lebenshälfte und nannte sich im Titel ein "Mädchen aus dem vergangenen Jahrhundert" (als "Die Tochter des 20. Jahrhunderts" 2007 auf Deutsch erschienen). "Warum bist du Kommunistin gewesen? Warum sagst du, du bist es noch?" fragte sie sich. Inzwischen gelte sie als Mythos, "doch wer will schon ein Mythos sein? Die Sache des Kommunismus im 20. Jahrhundert hat so kläglich geendet, dass man sich unbedingt damit auseinandersetzen muss." Sie hat es getan. Der Kommunismus war ihr Leben, die Kritik daran ihre Lebensaufgabe.

In den Fünfzigern gehörte es zum guten Kulturton, Mitglied der KP zu sein

Sie kam 1924 in Pola im damals italienischen und heute kroatischen Istrien zur Welt mit der Aussicht auf eine beschränkte Laufbahn als höhere Tochter zur Welt. In Mailand studierte sie Philosophie und Kunstgeschichte und fand zu den Partisanen, wo man sie sich vermutlich ähnlich wie die junge Gina Lollobrigida in dem Resistenza-Film "Achtung, Banditi!" (1951) vorstellen muss. 1943, nach der Befreiung von Mussolini, schloss sie sich den italienischen Kommunisten (PCI) an. Sie stieg rasch auf in der Partei, die einzige Frau, wobei sie sich selber, wie sie später bekennen musste, immer wie ein Neutrum vorgekommen war. Sie wurde Kultursprecherin, Vorstandsmitglied, war im Mailänder Stadtrat vertreten und 1963 im Parlament.

In den Fünfzigern gehörte es zum guten Kulturton in Frankreich und Italien, Mitglied der KP zu sein. Feltrinelli war dabei, Italo Calvino; in Godards "Le Mépris" (1963) ist der Parteiausweis ein ebenso wichtiges Accessoire wie Brigitte Bardot. Noch Bertoluccis Geschichtsepos "1900" legt Zeugnis von dieser romantischen Begeisterung für eine immer wieder ausbleibende Revolution ab. Die KPI durfte sich immerhin in vorsichtiger Distanz zum Moskauer Vatikan bewegen, aber grundsätzliche Zweifel an der sowjetischen Politik waren nicht möglich. Als Rossanda das Ausbleiben der Kritik an der Niederschlagung des Prager Frühlings kritisierte, wurde sie aus der Partei ausgeschlossen.

Rossanda hatte zum Berliner Aufstand 1953 geschwiegen, sie hatte mit der PCI hingenommen, dass die sowjetischen Panzer 1956 den ungarischen Aufstand niederwalzten, sie hatte wie dreiviertel der westlichen Intelligenz für Fidel Castro geschwärmt, als der sich 1967 vorsichtig von Moskau zu lösen versuchte, nur um vom nämlichen Fidel als CIA-Agentin denunziert zu werden, weil sie dessen Schikanierung des Dichters Heberto Padilla zu kritisieren wagte.

"Die Stimme der Erniedrigten und Beleidigten nirgends mehr zu hören"

Den Schaden hatte die Partei, den Gewinn das Publikum, das sich immer weniger im Dogmatismus vertreten fühlte. Die Dissidenten gründeten die Zeitung Il Manifesto, die das Vorbild für Libération und die taz werden sollte. Hier kommentierte Rossanda über mehr als ein Jahrzehnt fast wöchentlich die "bleiernen Jahre", die in der Ermordung Aldo Moros gipfelten. Danach und schon lange vor 1989 war für die klassische Linke nichts mehr zu gewinnen, umso wichtiger war ihre Stimme geworden, die Stimme für einen undogmatischen, aber unbedingt freiheitslodernden Kommunismus. Mit leisem Neid hatte sie den Erfolg der akademischen Jugend beobachtet und ihre Partei in "L'anno degli studenti" (1968) auf das grundsätzlich Neue dieser Bewegung hingewiesen. Wie Humboldt und Campe zur Französischen Revolution gereist waren, fuhr sie 1968 mit Freunden zum Pariser Mai nach Paris, stilbewusst allerdings im Alfa Romeo. Sie erlebte im Odéon die Freiheit, die ihre Partei allenfalls behauptete, dass nämlich endlich auch die Machtlosen zur Sprache kamen und auch gehört wurden.

Die Enttäuschung folgte quasi historisch-materialistisch auf dem Fuße: "Alles, alles ging verloren. Die Stimme der Erniedrigten und Beleidigten ist nirgends mehr zu hören", klagte sie vor zwei Jahren in einem Interview. Als 1997 das "Schwarzbuch des Kommunismus" erschien, das (nicht zum ersten Mal) die Zahl der Opfer in den verschiedenen kommunistischen Systemen aufzählte, forderte Rossanda auf, die Untersuchung trotz aller Einseitigkeit zu studieren, "weil die Kommunisten bis heute keine Bilanz der real existierenden Sozialismen gezogen und noch weniger untersucht haben, warum die Repression derart Oberhand gewinnen konnte. Wir haben die schonungslose Analyse unseren Gegnern kampflos überlassen. Die Frucht war mehr als reif, ja faul, und jetzt werden wir beworfen."

Unweigerlich wurde sie zur feministischen Ikone erhoben

Rossanda hatte, wie es der Katechismus für Revolutionäre vorschrieb, ihre Klasse verraten, sich den Verdammten und Vernachlässigten der Erde zugewandt, verzichtete aber keineswegs auf den bildungsbürgerlichen Hintergrund, den sie mitgebracht hatte. Bert Brecht, Jean-Paul Sartre und Michel Foucault waren ihre Gesprächspartner, Luigi Nono Hausgast in der Casa della Cultura, die sie in Mailand führte. Insbesondere die deutsche Kultur war Teil ihres Lebens. Die unermüdlich publizierende Journalistin übersetzte nebenbei Thomas Mann und den allen Italienern herzlich wesensfremden Kleist.

Unweigerlich wurde die heimatvertriebene Linke in ihren späteren Jahren zur feministischen Ikone erhoben und aus Mangel an weiteren Vorläuferinnen mit Rosa Luxemburg verglichen. Doch wenn Rossana Rossanda die femmes fatales des Hollywood-Kinos feierte, wurde deutlich, wie viel von ihrem Selbstbewusstsein sie Marlene Dietrich, Ava Gardner und Barbara Stanwyck verdankte.

Als sie am Sonntag im fast schon biblischen Alter von 96 Jahren starb, berichteten die Zeitungen mit angemessenem Pathos über diese lange Lebensgeschichte. Bei Twitter ertönte immerhin der Schlachtruf, der nur wenige Stunden zuvor Ruth Bader Ginsberg gegolten hatte, "Rest in Power!" Sogar eine halbvergessene Lemure meldete sich und wollte vom Tod dieser friedlichen Revolutionärin profitieren: "Ich möchte das Andenken von Rossana Rossanda ehren", twitterte Silvio Berlusconi und beeilte sich zu versichern, dass er die unheilbare Kommunistin trotz politischer Meinungsverschiedenheiten "wegen ihrer Kultur und ihrem kritischen Geist" immer zu schätzen wusste. Sie wird auch den alten Schleimer überleben. Subito Santa!

© SZ vom 22.09.2020

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