Nachruf auf Peter Fonda:Gen Osten durch Amerika

Sein "Easy Rider" war der Funke, der das amerikanische Kino zum Brennen gebracht hat.

Von David Steinitz

Auf was für Ideen man kommen kann, wenn man sich selbst anstarrt. Die Sache mit "Easy Rider", erzählte Peter Fonda in seiner Autobiografie "Don't Tell Dad: A Memoir", sei ihm eingefallen, als er 1966 vor einem Poster seines eigenen Films "The Wild Angels" stand. Das Ding war ein typischer Biker-Film der Sechzigerjahre, wie sie das Studio American International Pictures damals im Dutzend produzierte, um die beliebten Autokinos im ganzen Land mit frischer Trash-Ware für knutschende Teenager und halbstarke Motorradfahrer zu versorgen. Regie führte der legendäre B-Picture-Regisseur Roger Corman, Fonda spielte die Hauptrolle neben Nancy Sinatra, deren lange blonde Haare wirklich unverschämt verrucht im Fahrtwind wehten, wenn er Gas gab.

Auf dem Poster waren die beiden natürlich ganz groß im Vordergrund zu sehen, während ihnen im Hintergrund eine ganze Biker-Armee folgte. Der Werbespruch lautete: "Ihr Motto ist Gewalt, ihr Gott ist der Hass und sie nennen sich: The Wild Angels!" Und wie Fonda da vor einem Kino stand und sich selbst in der Auslage betrachtete, hatte er eine Eingebung: "Mir war plötzlich klar, was für eine Art Motorrad-Sex-Drogen-Film ich als Nächstes machen sollte. Nicht noch so ein Ding mit 100 Hell's Angels, nein, es sollte so sein wie in ,The Searchers' von John Ford. Ich würde die Rolle von John Wayne übernehmen und Dennis Hopper die von Jeffey Hunter. Nach einer langen Reise gen Osten durch Amerika würden wir schließlich in 1000 Stücke zerrissen ..."

Peter Fonda, geboren 1940 in New York, wusste natürlich genau, wovon er da sprach. Er war schließlich der Sohn von Henry Fonda, einem der größten Stars des Nachkriegskinos. Henry hatte "Die 12 Geschworenen" gedreht und "Spiel mir das Lied vom Tod", und selbstverständlich hatte er auch für den Großmeister persönlich, John Ford, vor der Kamera gestanden, in "Früchte des Zorns". Eine Übervaterfigur, deretwegen sein Sohn immer darum bat, bitte mit Peter angesprochen zu werden. "Sobald jemand Mr. Fonda sagte, dachte ich sofort, mein Alter steht im Zimmer!"

Zu seinem Leidwesen gelang es ihm nicht sofort, Lobeshymnen auch im Kino auf sich zu ziehen

Der junge Peter hatte seinen ersten großen Auftritt als Schauspieler 1961 am Broadway in einer Inszenierung von "Blood, Sweat and Stanley Poole", die strengen New Yorker Kritiker waren begeistert von dem jungen Mann mit der überbordenden Energie. Zu seinem Leidwesen gelang es ihm aber nicht sofort, den Applaus und die Lobeshymnen auch im Kino auf sich zu ziehen. Er probierte sich ein bisschen bei den verrückten Autorenfilmern in Europa aus, stand zum Beispiel in Frankreich für Roger Vadim vor der Kamera, den damaligen Ehemann seiner Schwester Jane Fonda, im Episodenfilm "Außergewöhnliche Geschichten". Und er drehte daheim in Amerika seine trashigen Biker-Roadmovies, für die es nicht mehr als 10 000 Dollar Gage gab und für die er sich trotzdem regelmäßig die Knochen brach, wenn er von der Harley fiel, weil er seine Stunts natürlich selber machte. Was aber den arroganten New Yorker Kritikern wurscht war, weil Biker-Filme weit unter ihrem Radar stattfanden.

Also beschloss Fonda, dass er vielleicht am ehesten eine Chance haben würde, ein echter Filmstar zu werden, wenn er aus dem alten amerikanischen Kino seines Vaters, den B-Picture-Orgien seiner Generation und dem Autorenfilmer-Spirit der Europäer jeweils das Beste mitnahm und es zu einem neuen Filmcocktail zusammenrührte.

Mit seinen Kumpels Dennis Hopper und Terry Southern schrieb er das Drehbuch zu "Easy Rider" und läutete damit eine Art Stunde null des amerikanischen Kinos ein. Die Geschichte von Wyatt (Fonda) und Billy (Hopper) die nach einem Drogendeal mit ihren Harley-Davidsons durch Amerika brettern und kein gutes Ende finden, wurde wirklich eine erstaunliche Mischung aus Neo-Western mit dem alten amerikanischen Frontiergeist und der neuen Welt der Hippies und der Gegenbewegung. Als der Film 1969 auf dem Festival in Cannes lief, wurde er prompt als bestes Debüt ausgezeichnet. Die Franzosen waren natürlich ganz aus dem Häuschen bei diesem Mix aus alter Hollywoodschule und Autorenfilmer-Anarchismus, den die Jungs der Nouvelle Vague ja selber gerade betrieben.

Aber auch in den USA war "Easy Rider" der erste Film aus der Generation der Gegenbewegung, der ein richtiger Hit wurde. Die Kritiker waren begeistert, die drei Nachwuchsfilmer wurden für ihr Drehbuch für einen Oscar nominiert und mit über 40 Millionen Dollar Einspielergebnis an den US-Kinokassen hatte sich die Sache auch finanziell mehr als gelohnt. Letztlich war "Easy Rider" die Geburtsstunde des New Hollywood, einer Zeit, in der junge Filmemacher mit kleinen Independent-Produktionen das behäbige Studiosystem in Hollywood herausforderten und das Kino aus den verstaubten Studiokulissen hinaus auf die Straße holten. Peter Fonda und Dennis Hopper bereiteten den Weg für eine goldene Generation der Filmemacher, für Steven Spielberg und George Lucas, Paul Schrader und Martin Scorsese.

Die Väter des Erfolgs zerstritten sich prompt über der Frage, wer das eigentliche Genie war

Sprich, die Wirkung des Films war so groß, dass kam, was kommen musste. Die Väter des Erfolgs zerstritten sich prompt über die Frage, wer das eigentliche Genie hinter "Easy Rider" war: der Produzent, Drehbuchautor und Hauptdarsteller Peter Fonda? Oder der Regisseur, Drehbuchautor und Hauptdarsteller Dennis Hopper?

Viele Kritiker prophezeiten damals dem charismatischeren Peter Fonda die größere Karriere, mindestens in der Kategorie eines Clint Eastwood, vielleicht sogar des unerreichten James Dean. Aber erstaunlicherweise hat Fonda an den Erfolg von "Easy Rider" nie wieder in dieser Form anknüpfen können. Nachdem er damals die Regie Dennis Hopper überlassen hatte, wollte er unbedingt selbst inszenieren. In den Siebzigern drehte er als Regisseur zwei Western ("Der weite Ritt", "Wanda Nevada") und einen Science-Fiction-Film ("Expedition in die Zukunft"), die alle drei vielleicht nicht unbedingt Riesenflops, aber eben auch keine Hits wurden. In den Achtzigern probierte er es wieder mehr als Schauspieler, schrieb mit "Todesbiss der Satansviper" und "Falschmünzer der Liebe" aber keine Filmgeschichte.

Erst in den Neunzigern, als bereits seine Tochter Bridget Fonda sich anschickte, ein Star des Independent-Kinos zu werden, mit "Jackie Brown" und "A Simple Plan", erlebte auch der Vater noch einmal eine Renaissance. Denn eine neue Generation von Regisseuren, die mit Peter Fonda aufgewachsen war, erinnerte sich genau daran, was er fürs Kino getan hatte. Steven Soderbergh zum Beispiel besetzte ihn in "The Limey", und für das Familiendrama "Ulee's Gold" wurde er 1998 für einen Oscar als bester Hauptdarsteller nominiert.

Auch ein paar der alten Haudegen hatten ihn nicht vergessen, John Carpenter holte ihn zum Beispiel für "Flucht aus L. A." Dieses Alterswerk hat er sehr genossen, zumal er sich längst damit ausgesöhnt hatte, schlicht und einfach der Funke gewesen zu sein, der das amerikanische Kino (und ein bisschen auch die amerikanische Gesellschaft) zum Brennen gebracht hatte.

Am Freitag ist der Easy Rider Peter Fonda im Alter von 79 Jahren in seinem Haus in Los Angeles an den Folgen einer Lungenkrebserkrankung gestorben.

© SZ vom 19.08.2019
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