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Nachruf auf  Jürg Laederach:Alles kann anders sein

Schweizer Autor Jürg Laederach gestorben

Mann der rasenden Kaskade: Jürg Laederach.

(Foto: Ayse Yavas/picture alliance)

Seine Wortkaskaden und Spontaneität stammten von einem Stilideal, das aus dem Jazz kommt. Jetzt ist der Schriftsteller gestorben.

Wenn einer die Gnade oder Ungnade besaß, seine Leser und Leserinnen mit jeder Veröffentlichung in Wechselbäder zu stürzen, dann war es Jürg Laederach. Der Basler Schriftsteller schrieb einerseits amüsante Texte: In seinem frühen Erzählband "69 Arten, den Blues zu spielen" (1984), der bis heute sein bekanntestes Werk ist, zeigte er sich als furios heiterer Wort-Assoziierer. Im selben Buch konnte man aber auch schon seiner unzugänglichen Seite begegnen: Jürg Laederach schrieb hintersinnige Kurzgeschichten, die manchmal so abwegig waren, dass man sich als Leser gelegentlich fragte, ob damit überhaupt etwas gemeint sein könne.

Wer tiefer in Laederachs Werke eintauchte, kam zu anderen Schlüssen. Man konnte bei allem Aberwitz auch eine Kälte, eine Leere spüren, einen Hang zum Absurden, der alles andere als tröstlich war. Die Titelgeschichte von "69 Arten den Blues zu spielen", nicht mal eine Seite lang, geht so: Man hackt einem Opfer mit spitzen Eisen zwei Kerben in die Schläfen; dann wird er auf den Kopf gestellt, während man mittagessen geht; um drei Uhr öffnet sich endlich der Boden, eine Zange zieht ihn hinunter; man kommt vom Essen und schiebt den Boden darüber. Das ist ingenieurhaft kühl geschrieben. Manchmal neigte Laederach zu Sarkasmus, ja Boshaftigkeit. Als schwieriger Autor zu gelten, war für Laederach kein Makel.

Vor allem in den Achtzigern war Laederach erfolgreich. Er erhielt Literaturpreise, es gab Laederach-Uraufführungen im ganzen deutschen Sprachraum. Er war bedingungslos modern, hinter Samuel Beckett, später auch hinter Thomas Bernhard, wollte er nicht zurück. Dazu passte auch das ausgedehnte Übersetzungswerk, bei dem er sich als Flaneur in der Bibliothek der Moderne offenbarte, von Autoren französischer und amerikanischer Zunge: Maurice Blanchot mit seinen extrem abstrakten Texten, Gertrude Stein mit ihren experimentellen Arbeiten hat er neben vielen anderen Autoren übersetzt.

Ob er nun Prosa schrieb oder Theatertexte, Laederach erzählte keine zusammenhängenden Geschichten im landläufigen Sinne. Vielmehr ließ er Fragmente von Handlungen aufblitzen, die dann gleich wieder zerfielen. Schon im Erstling "Einfall der Dämmerung" (1974) war die Figur Hirse ständig von Auflösung bedroht. In "Harmfuls Hölle" (2011) hieß es: "Alles kann anders sein". Harmful, ein existenziell Unbehauster, ist einmal als Mann verheiratet, ein andermal tritt er als Frau in Erscheinung; in jedem Fall ist er mehr als einer. Von großer Bildung kündeten die Werke dieses Schriftstellers jedoch immer.

Der 1945 in Basel geborene Laederach hatte an der ETH Zürich zunächst Mathematik und Physik studiert, bevor er sich in Basel der Romanistik, Anglistik und den Musikwissenschaften widmete. Er arbeitete in Paris als Lehrer und in Basel als Werbetexter, war interessiert am Film und an Politik, war Zeitungsleser bis hin zum "Vermischten". So holte er sich das Rüstzeug, mit dem er die landläufige Logik der Welt anfechten wollte. Schon der junge Laederach hatte davon gesprochen, dass für ihn Schnelligkeit bei der Textproduktion eine Qualität sei. In seinem Buch "Depeschen nach Mailand" (2009), bestehend aus 260 E-Mails an den Schriftstellerkollegen Michel Mettler, kultivierte er seine Einsicht, dass in der Geschwindigkeit die Wahrheit liege: "Die Geschwindigkeit der geplanten Beförderung wirkt als Energie auf den Text ein."

Selbstverständlich haben diese rasenden Wortkaskaden auch etwas mit einem Stilideal zu tun, das aus dem Jazz kommt, aus der Musik, die er selber als Klarinettist und Pianist praktizierte. Auf dem Cover der Suhrkamp-Taschenbuchausgabe von "69 Arten" ist er als Tenorsaxofonist abgebildet. Vielleicht war die Spontaneität, die zum Jazz gehört, das Komplement zu seinen abstrus-witzigen Einfällen wie zu seiner wuchernden Sprache. Und auch eine Art Existenzialismus scheint zu beidem zu gehören, zu seiner Musik und zu seiner Literatur. "Vanitas" heißt eine seiner "69 Arten, den Blues zu spielen". Sie beginnt so: "Die Zeit ist in ihrem unaufhaltsamen Fluss immer ein Gehsteig gewesen, von dem man unerbittlich in die Gosse runtertorkelt." Am Ende des Textes allerdings wähnt sich Laederach als Tenorsaxofonspieler auf einem "elysischen Pfad". Als warmes "Stück Fleisch, das semper fidelis den Blues krächzt". Am Montag ist Jürg Laederach in Basel im Alter von 72 Jahren gestorben.

© SZ vom 21.03.2018

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