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Nachruf auf Josef Reding:Der Schriftsteller, auf den alle gewartet haben

Pionier der Kurzgeschichte im Deutschland der Nachkriegszeit: Josef Reding.

(Foto: imago stock&people)

Seine Kurzgeschichten waren universelle Parabeln, seine Wirkung aufs Publikum ohne Allüren: zum Tod von Josef Reding.

Wer in den frühen Achtzigerjahren im Ruhrgebiet zur Schule ging, lernte an den Geschichten von Josef Reding, wie eine klassische Short Story auszusehen hat: offener Anfang, rasche, dramatische Entwicklung zum erzählerischen Höhepunkt, offener Schluss. Das hatte Reding bei Hemingway gelernt, dem Stilpaten der deutschen Nachkriegsschriftsteller, die entweder bei der Wehrmacht, der SS oder Luftwaffenhelfer waren. Auch der 15 Jahre alte Josef Reding musste im Volkssturm noch für den Endsieg kämpfen - die Amerikaner nahmen ihn 1945 gefangen und ließen ihn das tun, was dem Jungen aus dem Ruhrgebiet zeitlebens die vernünftigste Medizin gegen Dummheit und Größenwahn galt: Sie ließen ihn lesen, die großen Amerikaner Faulkner, Saroyan und eben Hemingway, an dem Reding sein eigenes Schreiben schulte.

Ein Fulbright-Stipendium brachte ihn 1953 an die University of Illinois; bewegte Jahre waren das, Reding kam sehr nahe an Martin Luther King heran, von dessen Mut und Ausstrahlung er in Gesprächen schwärmte. Zurück in Dortmund gründete er mit Max von der Grün und anderen die Gruppe 61, das proletarische Gegenstück zur elitären Gruppe 47. Während von der Grün soziale Anklagen in Gestalt seiner Bergarbeiter-Romane schrieb, als deren Kulisse das Ruhrgebiet nicht austauschbar war, kamen Redings Kurzgeschichten als universelle Parabeln zu den Lesern. Es waren moralische Geschichten in einem ernsten und guten Sinn. Der kleine Junge, der als "bebrillter Ömmes" Spott auf sich zog, entringt sich mit einer Handvoll Mut dem Elend des Outcasts. Der Vertreter Ellebracht, der in der Geschichte "Fahrerflucht" mit seinem Straßenkreuzer einen Mann überfährt, dreht, nach einem dramatischen Monolog der feigen Rechtfertigung, den Wagen um und fährt an den Unfallort zurück.

Josef Reding war kein Dichter hoffnungsloser Bestandsaufnahmen, er verstand sich als engagierter Autor, das hieß bei ihm: Es musste etwas resultieren aus der Literatur, eine Erziehung des Menschengeschlechts hatte zumindest im Kleinen stattzufinden. In den Jahren bevor Alter und Krankheit seinen Rückzug erzwangen, sah man ihn häufig bei Lesungen in Kirchenräumen und Altenheimen, wo er sich jovial und ein wenig onkelhaft einführte: "Ich bin der Schriftsteller, auf den Sie alle gewartet haben." Reding hatte große Wirkung auf sein Publikum - seine feste, allürenfreie Stimme, sein freundliches Adlergesicht und seine klugen und spannenden, vielfach mit Preisen ausgezeichneten Geschichten und Essays machten aus ihm einen Autor zum Anfassen. Am vergangenen Freitag ist Josef Reding, der Hemingway des Ruhrgebiets, mit 90 Jahren in Dortmund gestorben.