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Nachruf auf Jörg Schröder:Der Bär flattert nicht mehr

Jörg Schröder gründete 1969 den März-Verlag, der Klassiker von Günter Amendt, Hermann Nitsch und Rosy Rosy herausbrachte.

(Foto: Malte Ludwigs)

Schröder war ein schamloser Genussmensch und ein grandioser Erzähler, vor allem aber der Verleger einer ganzen Epoche, die Sex und Literatur feierte.

Als kleiner König hat er vorgesorgt und schon vor fünfzehn Jahren, als hochbetagt seine Mutter starb, auch das eigene Grab bestellt: Hoch ragt der Marmor auf dem Friedhof in Pankow, in den bald auch sein Name gehauen wird, und drunter steht sein Vermächtnis in einem einzigen wuchtigen Wort: März, die Buchstaben selbstverständlich in der brutalistischen Schriftart "Fette Block".

Damit, mit dem März-Verlag, ist der Verleger Jörg Schröder längst in die Literaturgeschichte eingegangen. Bei März erschienen Bücher, die, wie der jugendbewegte Karl Heinz Bohrer in der Frankfurter Allgemeinen donnernd verkündete, "eine Epoche begründeten" (und die seinem Nachfolger Marcel Reich-Ranicki naturgemäß ein Gräuel waren): Günter Amendts Aufklärungsbuch "Sexfront" gehört dazu, die von Rolf Dieter Brinkmann und Ralf-Rainer Rygulla herausgegebene Anthologie "Acid", Hermann Nitschs "Orgien Mysterien Theater", Ken Keseys Roman "Einer flog übers Kuckucksnest" und Valerie Solanas' "Manifest der Gesellschaft zur Vernichtung der Männer". Es war auch viel Lektüre zur linken Hand dabei, Rosy Rosys früh vollendete Schwabinger Memoiren, "Lucys Lustbuch" von Alfred von Meysenbug und die seinerzeit sogar im öffentlich-rechtlichen Fernsehen gepriesenen Bücher von Hans Henning Claer.

Sie alle erschienen im gelben Umschlag mit dieser extrem hässlichen, aber unverwechselbaren Schrift, auf die nur ein geborener Werber wie Schröder verfallen konnte. Er hatte Buchhändler gelernt, bei Olivetti gearbeitet, für Doornkaat getextet, war Werbeleiter bei Kiepenheuer & Witsch geworden und führte dann den Melzer-Verlag in Darmstadt. Dort gelang ihm der erste Schröder-Coup, als er die ebenso verdienstvolle wie unverkäufliche Ausgabe der Werke Ludwig Börnes mit der sadomasochistischen "Geschichte der O" (1967) gegenfinanzierte. "Lolita" durfte in den langsam aufbrechenden Sechzigern bereits verkauft werden, aber Pornografie war noch verboten, doch versagte die klemmige Justiz vor dem schieren Verkaufserfolg der "O", den Schröder mit Hilfe des nicht weniger verklemmten Spiegel anheizte. Gern erzählte er, wie die Grossisten mit dem Lastwagen bei der Druckerei vorfuhren und das viel befabelte Buch in Fünftausender-Partien wegkarrten. Der Bedarf war groß, Schröder deckte ihn und wusste um seinen Gebrauchswert: "Mit den Linken im Lande wäre es besser bestellt, wenn sie, von Zeit zu Zeit, mal auf richtige Pornographie gewichst hätten, anstatt nur auf Karl Marx."

Schröder wurde der "Porno-König", der im sandfarbenen Jaguar und im Maßanzug durchs Frankfurter Bahnhofsviertel cruiste

Der schamlose Genussmensch Schröder war von Haus aus nicht besonders links, aber er wurde es unvermeidlich. Genüsslich verkrachte er sich mit Melzer, gründete unter Mitnahme des Mobiliars sein eigenes Unternehmen, eben den März-Verlag, holte sich den von mehreren Strafverfahren bedrängten SDS-Vorsitzenden Karl Dietrich Wolff und wurde als Nachfolger des glücklosen Bernward Vesper der Verleger der bereits erlahmten Studentenbewegung. Gegen eine Monatspauschale schrieb Vesper um sein Leben, und zwischen verheerenden Drogentrips und nicht weniger irrer Psychiatrisierung entstand das, was bald nach seinem Erscheinen im Deutschen Herbst 1977 als "Nachlass einer ganzen Generation" gelten sollte, der Romanessay "Die Reise" - mühsam zu lesen, reiner Wahn, härteste Aufklärung und hunderttausendfach verkauft.

Da war Schröder schon mindestens zwei Mal pleite gegangen, obwohl sein Geschäftsmodell, die Mischung von Sex und Literatur, die ab circa 1969 als Postmoderne herumgereicht wurde, doch unschlagbar schien. Durch die Kooperation mit Maurice Girodias' Olympia Press kam immer genug Erotik für den Schnellverzehr ins Haus, und Schröder wurde reich und der "Porno-König", der im sandfarbenen Jaguar und im Maßanzug durchs Frankfurter Bahnhofsviertel cruiste. Der halbe Frankfurter Mitteluntergrund arbeitete für ihn; auch Joschka Fischer gehörte zu den Billiglohnkräften, die seine Pornos aus dem Französischen übersetzten.

Das heroische Zeitalter geht zu Ende, die wilden Kerle fallen einer nach dem anderen

Aber Schröder verspekulierte sich, rettete sich mit Lizenzverkäufen, verkrachte sich mit Zweitausendeins, ging wieder pleite und erlitt einen Herzinfarkt nach dem anderen. Der nach Siegfried Unseld größte Verpackungskünstler der Branche wandelte sich zum Schriftsteller, dem die oral history der bundesrepublikanischen Kultur zu verdanken ist. Um justiziellen Nachstellungen zu entgehen, vertrieb er seine vierteljährlichen Lieferungen "Schröder erzählt" auf Subskription. Die kostbaren Folgen mit Branchenklatsch und -tratsch wurden wie Bückware gelesen; Walter Kempowski seufzte in sein Tagebuch: "Zu so etwas möchte ich 'die Traute' haben." Hatte er nicht, hatte nur Schröder, dem seine Frau Barbara Kalender heldinnenhaft beistand.

Zuletzt erzählte er seine Geschichten mit Blick auf die Fahne am Schöneberger Rathaus unter dem Label "Der Bär flattert in westlicher/östlicher Richtung" in einem Blog in der taz. Sein Material schickte der kleine König regelmäßig in die Literaturstollen auf der Marbacher Schillerhöhe, wo es für die nächste Ewigkeit erhalten wird. Doch das heroische Zeitalter geht zu Ende, die wilden Kerle fallen einer nach dem anderen. Am Samstagmorgen ist der nimmermüde Erzähler Jörg Schröder im Alter von 81 Jahren in Berlin gestorben. Der Bär flattert nicht mehr.

© SZ vom 15.06.2020

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