Nachruf Adorno-Herausgeber Rolf Tiedemann ist gestorben

Er edierte Walter Benjamin und Theodor W. Adorno. Am Sonntag starb der letzte große Schüler der Frankfurter Schule im Alter von 85 Jahren.

Von Willi Winkler

Nur ein einziges Mal hat er seine selbstgeschaffene Rolle aufgegeben und ist lauter geworden als sonst. 1989 kam heraus, wie der Verleger Siegfried Unseld seinen Autor Walter Benjamin noch posthum auszubeuten verstand. Zwar führte er Benjamin, der sich 1940 auf der Flucht vor den Nazis das Leben genommen hatte, stolz im Programm, doch hatte er dessen Tantiemenanteil über Jahre geschickt auf die Hälfte heruntergerechnet. Die Sache war so peinlich, weil Unseld Benjamins Sohn Stefan gegenüber tremoliert hatte, er sei zu "großen Opfern bereit", sich die sechsstelligen Kosten der großen Benjamin-Ausgabe aber von drei verschiedenen Stiftungen finanzieren ließ. Niemand kannte sich mit Benjamin besser aus als Rolf Tiedemann, und der knallte Unseld die Abrechnung auf den Tisch. Unseld musste nachzahlen.

Tiedemann war jedoch kein Buchhalter, sondern Philosoph und als Philosoph so klug, die Werke Größerer herauszubringen. Bei Theodor W. Adorno hatte er 1965 die erste Dissertation über Benjamin verfasst. Im Vorwort versicherte Adorno, dass die "theoretische Arbeit Tiedemanns die Basis einer jeden weiterhin Benjamin geltenden abgeben wird". Benjamin wurde sein Lebenswerk, dann Adorno, dessen "dickichthaft verschlungene" "Ästhetische Theorie" er posthum veröffentlichte, der eigene Name sehr klein, acht Punkt, auf der Impressumsseite. Rolf Tiedemann verstand sich als Diener dieser beiden Herren und blieb ihnen sein Leben lang und über Dutzende Editionen treu.

Vom vielen Gebrauch zerfällt das "philosophische Lesebuch", das Tiedemann 1997 für eine jüngere Generation mit dem adornisch postponierten Reflexivum ",Ob nach Auschwitz noch sich leben lasse'" herausbrachte. Ein Hauptwerk ist sicherlich jenes, an dem Benjamin scheiterte: Aus einem grotesk zerstreuten Konvolut formte Tiedemann 1982 das "Passagen-Werk", diesen Traum von einem Buch, das ein Traum von einem Paris des 19. Jahrhunderts war, in dem der Flaneur Benjamin bei Karl Marx und Charles Baudelaire sich unterhakte, um den schönen Schein der Warenwelt zu begutachten. In seiner "Einleitung des Herausgebers" zitiert Tiedemann wiederum Adorno mit der Deutung, Benjamin habe dafür ausschließlich Zitate montieren wollen. In einer Fußnote, bestenfalls sechs Punkt hoch, wagt der Herausgeber leiseste Kritik an seinem Doktorvater: "Es existiert keine briefliche Äußerung in diesem Sinn."

Am Sonntag ist dieser letzte große Schüler der Frankfurter Schule im Alter von 85 Jahren gestorben.