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Nachrichten aus dem Netz:Der Reiz der ungedruckten Bücher

Viele Leser halten das Buch, in dem sie blättern können, für unverzichtbar, weil's raschelt. Jetzt sollen auch elektronische Bücher ihren ganz besonderen Zauber bekommen. Google arbeitet schon daran.

Von Michael Moorstedt

Analog-Verfechter, egal ob sie nun Schallplatte, Fotografie oder Gedrucktes lieben, schwören darauf, dass gewisse Eigenschaften ihres Mediums nicht ins Digitale übertragbar seien. Das Knistern des Vinyls, das Rascheln und der Geruch von gerade angenehm angemodertem Papier, der Verlust der Aura, man kennt das.

Doch gilt eventuell das Gleiche auch in die andere Richtung? Kann es digitale Werke geben, die nicht analog übersetzbar sind. Unter editionsatplay.withgoogle.com findet man ein paar Bücher, die das zumindest von sich behaupten. Zusammen mit dem kleinen Londoner Verlagshaus Visual Editions hat Googles Creative Lab einige Bücher herausgegeben, die "unmöglich zu drucken" und "angetrieben von der Magie des Internets" seien. Googles Street View wird genauso eingesetzt wie Comic-Animationen oder sich verästelnde, selbst organisierende Plotlinien. Die Bücher, wenn man sie überhaupt noch so nennen mag, sind zu gleichen Teilen Kurzgeschichte, Multimedia-App und Abenteuer-Spiel.

Bislang sind gerade mal ein halbes Dutzend Titel im Programm, mit denen man selten länger als ein paar Stunden verbringt. Leicht konsumierbar sollen die Geschichten schließlich trotz aller Internet-Zauberei sein, am liebsten per Smartphone auf der Couch. Die verspielte Edition sei auch eine Reaktion auf das stagnierende Geschäft im Markt mit E-Books, sagt Tea Uglow, bei Google verantwortlich für das Programm.

Wann nützt das digitale Ornament der Geschichte und wann ist es nur Selbstzweck?

Wie kann Literatur von technischem Fortschritt profitieren? Und vor allem, wie kann die Gegenwart mit all ihren überlappenden Erzählungen und mit der permanenten Gleichzeitigkeit des Geschehens adäquat wiedergegeben werden? Momentan besteht die Lösung der Verlage hauptsächlich darin, ein paar Tweets in ein Buch zu drucken. Das ist umso enttäuschender, da echte elektronische Bücher wahrlich keine Neuheit sind. Bereits in den 1980ern wurde mit dynamischen Verlinkungen experimentiert. Doch egal, ob es sich nun um live geschriebene Manuskripte handelt oder um interaktiven Hypertext - zu guter Letzt lief alles auf das Gleiche hinaus. Nämlich Text. Man konnte ihn einfach ausdrucken, binden - und lesen.

Was passiert also, wenn nicht nur der Inhalt, sondern auch die Form der Zeitgeistkritik dient? Bestes Beispiel ist das jüngste Buch im Programm von Visual Editions, das von Google-Projektleiterin Uglow selbst verfasst wurde. "A World Explodes" heißt das Werk. Es hat nur 21 Seiten, voll von Mikromeditationen eines entfremdeten Ich-Erzählers. Interessant ist aber vor allem die Distributionsform. Es gibt genau 100 Exemplare, mit einem genau festgeschriebenen Besitzer. Der wiederum kann seine Version an 100 andere Leser weiterschicken, nicht jedoch bevor er auf jeder Seite ein Wort hinzugefügt und zwei Wörter gelöscht hat. 100 Mal soll dieser Austausch jeweils stattfinden. Schon nach ein paar Zyklen haben die individualisierten Texte nichts mehr mit der ursprünglichen Version zu tun - und irgendwann steht auf jeder Seite nur noch ein Wort.

Das Buch basiert auf der Blockchain, der gleichen Technologie, die auch für die Digital-Währung Bitcoin eingesetzt wird. Hier ermöglicht sie, die Änderungen eines jedes Nutzers nachzuverfolgen. So wird das Buch vor allem zum Kommentar auf die komplexen Fragen zu Eigentum und Besitz von Software. Ein paar andere Antworten sind aber immer noch offen. Wann nützt das digitale Ornament der Geschichte und wann ist es nur Selbstzweck? Wie hält man die Balance zwischen Interaktivität und Plot? Was passiert, wenn ein paar Programmierer dem Autor reinreden? Und überhaupt: Darf, kann oder sollte ein Buch eigentlich "benutzerfreundlich" sein?

© SZ vom 18.04.2017
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