Nachrichten aus dem Netz (53) Boah

Das Web brummt, die Blogs nicht mehr. Denn deutsche Blogs büßen mehr und mehr ihr höchstes Gut ein: die Links auf andere Blogs. Einer der Gründe: Twitter.

Von Bernd Graff

Das deutsche Blog Basic Thinking komplettierte gerade seine Berichterstattung zur Lage der Blogs. Unter "Myth Buster" konnte man dort eine Erörterung der Reichweiten-Frage finden.

Mikroblog: Auf Twitter.com hat man nur 140 Zeichen pro Eintrag.

(Foto: Screenshot: twitter.com)

Demnach ist die Reichweite vor allem eine Idee von Presse- und PR-Menschen. Denn "eine Story sind Blogger wert", die mit ihrem Blog so viel Asche scheffeln, dass man als Durchschnittsverdiener sagen kann: boah"". In dieser Woche wurde nun das Problem des Linkverlustes innerhalb der deutschen Blogosphäre behandelt.

Deutsche Blogs büßen mehr und mehr ihr wichtigstes Gut ein: die Links auf andere Blogs. "Im Schnitt haben die Topblogs 160 Bloglinks verloren." In der gesamten Blogosphäre hätte "der Verlinkungsgrad dramatisch abgenommen." Eine Ursache: "Twitter."

"Twitter" (http://twitter.com) ist so etwas wie ein öffentlich gemachtes Echolot aus dem banalen Leben. Man beschränkt sich auf 140 Zeichen, um seine aktuelle Befindlichkeit, Verrichtung oder Gedankengänge als "Tweets" ins Web zu pusten.

Ein solches Mikroblog hat Abonnenten, die Follower, die so auf dem Laufenden bleiben, wer was wann wo gerade macht, denkt, fühlt. Typische Tweets sind: "Soll ich die Schuhe kaufen?" oder: "Diese Bar aufzusuchen, war doch nicht eine so gute Idee." Das klingt fürchterlich, macht aber Spaß und ist nützlich, weil man ohne Umstand auf Fundsachen im Netz aufmerksam machen kann. Einfach auch deswegen, weil Twitter von Mobiltelefonen bestückt werden kann.

Während also gerade die Stunde der Amateure auf den Puls der Mikrosekunde zusammenschnurrt, treiben Wissenschaftler die Errungenschaften der Sozialen Netzwerke zur vollen Blüte. Der deutsche Harvard-Absolvent Ijad Madisch hat gerade mit Researchgate (http:// www.researchgate.net) ein Forschungsnetzwerk freigeschaltet, das profilbasiertes Kommunizieren und interdisziplinären Austausch ermöglichen will. Madisch, der als Arzt und Informatiker forscht, will damit dem Befund Rechnung tragen, dass inzwischen 40% aller Wissenschaftler angeben, das Internet als wichtigstes Medium zu nutzen. Doch noch tun sie es vornehmlich als Einzelkämpfer.

Researchgate will daher drei Übeln begegnen: Es will die Effizienz des Arbeitens steigern, indem es für bessere Informationsflüsse sorgt. Es will die Interdisziplinarität fördern, indem es mit Personen, Denkweisen und Methoden verschiedenster Fachrichtungen bekanntmacht. Es will die Wirtschaftlichkeit verbessern, weil Lösungsansätze nicht immerfort neu erfunden werden müssen. Klingt nach Xing für Wissenschaftler, doch Madisch schwebt nichts anderes vor, als der humanistischen Idee der Res publica literaria zu ihrem webbasierten Forum zu verhelfen. Jener "gelehrten Republik" also, die weder Standesunterschiede noch Nationen kennt - nur die Gemeinschaft der Forschenden und ihr Ethos, in freiem Austausch das Wissen zu mehren. Auch da kann mal "boah" sagen.