Nachrichten aus dem Netz (48) Die Geschichte des Zeugs

In dem Animationsfilm "The Story of Stuff" erklärt die amerikanische Umweltaktivistin Annie Leonard den ganz normalen Wahnsinn der Konsumgesellschaft.

Von Niklas Hoffmann

Ein zwanzigminütiger Vortrag über Warenwirtschaft klingt zunächst nicht nach einer Verlockung, mit der man viele Menschen in ihrer Mittagspause vor dem Computerbildschirm halten kann. Die amerikanische Umweltaktivistin Annie Leonard hat es geschafft, einen solchen Vortrag zu einem Film zu verarbeiten, der so unterhaltsam ist, dass ihn trotz seiner Länge inzwischen über zwei Millionen Menschen online angesehen haben.

Der ganz normale Wahnsinn: Annie Leonard erklärt die Konsumgesellschaft

(Foto: Foto: Free Range Studios)

"The Story of Stuff", die Geschichte des Zeugs, das wir täglich so konsumieren, beruht auf einem ausführlicheren Referat Leonards, das sie kondensiert und mit Hilfe der auf die Arbeit mit NGOs spezialisierten Marketingfirma "Free Range Studios" in einen Animationsfilm verwandelt hat. In sieben Kapiteln erklärt die Cornell-Absolventin Leonard unterstützt durch eine Bande von Strichmännchen den ganz normalen Wahnsinn der Konsumgesellschaft.

Die Machart von "Story of Stuff" steht dabei in der Tradition der lebendigen Vortragsweise, der von amerikanischen Wissenschaftlern seit jeher gepflegt wird. In knappen Worten schafft es Leonard, ökonomische Vorgänge wie die Externalisierung von Kosten noch dem unbedarftesten Zuschauer begreiflich zu machen. "The Story of Stuff" profitiert von der grünen Welle in den USA, die ihn auf ein Publikum treffen lässt, dass für das Thema Nachhaltigkeit so aufgeschlossen ist wie nie.

Kritik am Umgang mit Fakten

Konzipiert war der Film zunächst für ein Publikum aus Aktivisten. Annie Leonard gibt auf ihrer Homepage Tipps wie man daheim eine "Story of Stuff"-Party mit den Nachbarn auf die Beine stellt. Der didaktische Aufbau macht die "Story" zum idealen Lehrmittel, was viele Schulen inzwischen erkannt haben.

Die Schüler der Woodside Priory School im kalifornischen Portola Valley, parodierten in einem kurzen Clip mit Hilfe eines Overheadprojektors den Animationsstil von Leonards Film und baten sie um konkretere Handlungsaufforderungen. Die Schüler der Mendocino High School sind schon einen Schritt weiter, und haben ein zusätzliches Kapitel für "Story of Stuff" gedreht, in dem sie für diverse Öko-Projekte zu begeistern versuchen.

Ähnlich wie bei Al Gores "Eine unbequeme Wahrheit" gibt es Kritik an Annie Leonards Umgang mit Fakten. Zwar steht auf ihrer Website eine um Fußnoten erweiterte Fassung ihres Vortrags. Doch manches ist wohl zumindest zu stark vereinfacht. So ruft etwa Leonards Darstellung, dass sich in jeder Computergeneration nur ein winziges Bauteil ändere, bei Technikkennern Stirnrunzeln hervor.

Zudem führt Leonard alles Ungemach unserer Wirtschaftsweise auf bewusste Entscheidungen der durch Strichmännchen personalisierten US-Regierung und des Big Business zurück. Da entsteht etwa durch ein breit präsentiertes Zitat des Einzelhandelsfachmanns Victor Lebow, der irrige Eindruck, Lebow habe an entscheidenden Schalthebeln der Nachkriegswirtschaft gesessen und quasi das Drehbuch unserer Konsumgesellschaft geschrieben. Wie einer der "kapitalistischen Weisen von Zion" werde der Mann in Leonards Film präsentiert, hieß es in den Kommentaren auf der Seite eines Bloggers.