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Nachkriegsliteratur:Trompetenstöße in schwüler Stille

Auf Heuchelei reagierte er mit Empörung: Am 21. Dezember 1917 wurde Heinrich Böll geboren - Literaturnobelpreisträger und Inkarnation eines neuen Feindbilds.

Von Helmut Böttiger

Heinrich Böll ist in den letzten Jahrzehnten in Verruf geraten. Am ehesten verbindet sich mit ihm noch der tiefe, innig leidende Gesichtsausdruck von Angela Winkler in der Verfilmung der "Verlorenen Ehre der Katharina Blum", und das verschmilzt automatisch mit der gitarrespielenden Joan Baez und den Lagerfeuern der Hippies. Zum ersten Mal brachte Rainald Goetz die Verachtung dafür zum Ausdruck, als er 1983 in seiner Klagenfurter Rasierklingen-Erzählung "Subito" Böll zu denjenigen rechnete, die "über unsere Bildschirme in der unaufhörlichen Peinsackpolonaise ziehen und dabei den geistigen Schlamm und Schleim absondern, den das Weltverantwortungsdenken, das Wackertum, unaufhörlich produziert". Robert Gernhardt diagnostizierte 1985 "Kolportage, weiß Gott, die Böll möglicherweise in didaktisch-kritischer Absicht einsetzt", Eckhard Henscheid mokierte sich über den "ewigen Pfaffenspuk". Vor allem aber wurde Böll zur Inkarnation eines neuen Feindbilds: des "Gutmenschen".

An Böll klebten in den Achtzigerjahren anscheinend wieder die Eierschalen der Fünfziger, das Enge, Kleinkarierte der frühen Bundesrepublik, der man glücklich entronnen zu sein glaubte. Mehr noch als Günter Grass galt er als unnötig gewordenes "Gewissen der Nation". Eben noch Nobelpreisträger (1972), eben noch Schullektüre und Auflagenkönig ("Ansichten eines Clowns" brachte es auf insgesamt 1 855 000 Exemplare), brach seine Rezeption abrupt ab. Böll ist ein Paradebeispiel für zeitgeschichtliche Wellenbewegungen.

Sein Zigaretten- und Kaffeekonsum überstieg schon früh alle Vorstellungen

Bölls Trauma war der Krieg. Mit zwanzig Jahren wurde er zum Arbeitsdienst eingezogen, insgesamt sieben Jahre stand er dann unter Kommando. Nach 1945 begann er manisch, Manuskriptseiten zu füllen, allein 700 existieren für das Jahr 1946. Veröffentlicht wurde davon zunächst nichts. Böll lebte mit Ehefrau und drei Kindern ständig an der Armutsgrenze. Er war völlig unbekannt, als er 1951 zur Tagung der Gruppe 47 eingeladen wurde und sofort deren Preis erhielt. Das wirkte wie ein Märchen, denn man sah ihm seine Armut offenkundig an. Als Böll am Tagungsort auftauchte, hielt ihn Gruppenchef Hans Werner Richter zuerst für eine Art Hilfsarbeiter und wollte ihn wegschicken.

Der besessene Schreiber gehörte nirgends dazu. Die Macht im Zeitungs- und Kulturmilieu hatten Literaten, die bereits im Nationalsozialismus aktiv gewesen waren und sich jetzt nahezu geschlossen als "innere Emigranten" bezeichneten. Aber auch von der Mehrheit in der Gruppe 47 hob sich Böll durch seinen rheinischen Katholizismus ab, seine kleinbürgerlich-fromme Herkunft, und er war zunächst auch keineswegs ein politisch denkender Kopf. Am meisten beeinflusste ihn der theologische Essayist Léon Bloy ("Das Blut des Armen"). Auf die herrschenden Töne der Heuchelei und des weiterschwelenden Nationalsozialismus reagierte Böll mit moralischer Empörung. Überhaupt schien er immer unter Strom zu stehen. Sein Zigaretten- und Kaffeekonsum überstieg schon früh alle Vorstellungen.

Jüngere Zeithistoriker heben für die Fünfzigerjahre der Bundesrepublik mittlerweile vor allem die gelungene Durchsetzung demokratischer Strukturen hervor. Vergessen werden dabei schnell die Mühen, die dies kostete, und die Schäden, die davongetragen wurden. Zahlreiche Hasskampagnen löste etwa Alfred Anderschs Bericht einer Desertion aus der Wehrmacht, "Die Kirschen der Freiheit", aus - Böll hingegen begrüßte ihn als "Trompetenstoß in schwüler Stille". Damit positionierte er sich auch politisch, und es ist kein Zufall, dass seine polemischen, die Regierung in Bonn attackierenden Artikel mit der deutschen Wiederbewaffnung begannen. Sie bildete die für ihn bedrohlichste Konsequenz der deutschen Verdrängungsmaschinerie. Böll legte sein "Bekenntnis zur Trümmerliteratur" in einer Zeit ab, als die Trümmerfrauen schon wieder zu porentief rein waschenden Hausfrauen geworden waren. Seine unverwechselbare Sprache, die innere Not und Sehnsucht nach Erlösung in schnörkellosen Sätzen miteinander verband, erklang dann 1953 im Roman "Und sagte kein einziges Wort" am klarsten.

Die Bigotten, die Opportunisten und die Reichen sind hier allesamt Vertreter des Klerus: "Der Bischof war Offizier gewesen. Sein Asketengesicht war photogen. Er eignete sich gut als Titelblatt für religiöse Illustrierte." Die Hauptfigur Käte erlebt die Kehrseite des beginnenden Wirtschaftswunders an ihrer Nachbarin "Frau Franke", die mit ihrer Familie in vier Zimmern wohnt und als eine "führende Dame der Diözese" gilt. Frau Franke ist in Komitees und Ausschüssen tätig, engagiert sich im Namen der Wohltätigkeit und Barmherzigkeit, hat aber das vierte Zimmer ihrer Wohnung für sich reklamiert, gegen die Bedürfnisse der fünfköpfigen und in einem Zimmer hausenden Familie Kätes, die es viel nötiger gehabt hätte: "Kirchliche Behörden haben Frau Franke die Dringlichkeit des vierten Raumes bescheinigt."

Heinrich Böll, 1983

„Einmischung ist die einzige Möglichkeit, realistisch zu bleiben“ – Heinrich Böll (21. Dezember 1917 – 16. Juli 1985).

(Foto: SZ Photo)

Wenn man das Buch heute liest, überrumpelt es einen förmlich durch die Art, wie hier die beklemmende Atmosphäre der frühen Bundesrepublik eingefangen ist. Detailreich zeigt Böll, wie die Kneipen und Läden aussahen, was man aß und trank, was sich auf den Straßen abspielte.

Aber es gibt auch noch etwas anderes, und dies erscheint inzwischen merkwürdig entrückt. Kätes Ehemann Fred beobachtet einmal, als er in die Frühmesse in die Kirche geht, ein "etwa 18-, 19-jähriges Mädchen". Es hat während des Niederknieens "ein sehr sanftes Profil und eine einfache Innigkeit". Fred folgt der jungen Frau wie traumwandlerisch bis zu einer Imbissbude, in der sie arbeitet, inmitten anderer provisorischer Buden, deren Wände nur aus nackten Holzbrettern bestehen. Als sie Holz und Briketts in den Ofen legt, sieht Fred den "schneeweißen Nacken des Mädchens", und es ist klar, dass es hier nicht um etwas Schlüpfriges geht, sondern um das Sehnsuchtsbild eines reinen Lebens.

Die Verkäuferin nimmt im Folgenden etwas geradezu Madonnenhaftes an, die innere Schönheit zieht mit der äußeren Schönheit gleich und wird zur eigentlichen Botschaft. Obwohl Böll sachlich, distanziert erzählt und durch seine nüchterne Beschreibungstechnik den Kitschverdacht auszuschließen versucht, ist das ästhetisch eine Gratwanderung.

Vor der Bäckerei schlossen die Jungen "die Augen und nahmen warmen süßen Duft in sich auf"

Dabei taucht auch ein Leitmotiv des frühen Böll auf: "Das Mädchen setzte den Korb ab, den es im Arm getragen hatte, und ich spürte, wie mir das Wasser in den Mund schoß beim Anblick dieser frischen blonden Brötchen." Der Duft des Backens, der Duft von Brot und Brötchen hat bei diesem Autor immer den Charakter von etwas Biblischem. In der Erzählung "Das Brot der frühen Jahre" nimmt er wenige Jahre später auch titelbildende Gestalt an. Bölls Brot hebt sich ab vom "warmen Dunst von Rübenkraut", der einmal "aus der Ecke" quillt, oder den "kalten Würstchen mit ihrer faltigen Haut". Und beim Essen einer heißen Wurst spürt Fred sofort sein wundes Zahnfleisch; der Anblick des schwimmenden Fetts, der Senfpampe auf dem Pappteller geht unmittelbar über in die "Trostlosigkeit seines Blickes", den er unvermutet in einem Spiegel sieht.

Über den Roman "Brot und Wein" des italienischen Kommunisten Ignazio Silone schrieb Böll: "Der kirchlich etablierten Sakramentalität wird hier eine andere, irdische, menschliche Sakramentalität entgegengesetzt." Damit formulierte er präzise seine eigene Poetologie. In dem Roman "Haus ohne Hüter" von 1954, der als Milieustudie der frühen Bundesrepublik bis heute unübertroffen ist, wird eine vom Leben gebeutelte Aushilfe in einer Bäckerei zu einer "Verheißung" für den Sympathieträger des Buches, Albert Muchow. Und die beiden elfjährigen Jungen, die eigentlichen Hauptfiguren, bleiben manchmal bei der Bäckerei "vor der Blechtür stehen, die meist nur angelehnt war, schlossen die Augen und nahmen warmen süßen Duft in sich auf". Das Brot und gewisse Frauenbilder bei Böll, die wie bei Tilman Riemenschneiders Marienaltar in Creglingen etwas Sanftes und Inniges haben und dessen zart modelliertes Lindenholz in die Realität zu überführen scheinen - sie entspringen einer zeitgemäßen Form der Heiligenlegende.

Die Stützen der Gesellschaft heben sich scharf davon ab, der Theologe Schurbigel in "Haus ohne Hüter" zum Beispiel: "Seine Stimme war angenehm: ölig-intelligent". Die ihm zuhörende Nella Bach hat den Eindruck eines "sich immer mehr aufblähenden Luftballons, der platzen würde, und nichts würde übrigbleiben als eine Handvoll konzentrierter, übelriechender Trauer." Schurbigel, so wird nebenbei erwähnt, hat seine Dissertation im Jahr 1934 geschrieben: "Unser Führer in der modernen Lyrik".

" ... lasst also endlich und endgültig eure Finger von dieser miesesten aller Parteien: der SPD."

Aus dieser Spannung heraus entstand Heinrich Bölls Energie. Sie trieb ihn bis zur scharfen Gesellschaftsanalyse in "Billard um halb zehn" (1959), den thomas-bernhardsche Effekte bereits vorwegnehmenden, sich ständig steigernden Anklagetiraden gegen katholische Würdenträger in "Ansichten eines Clowns" (1963) oder der Entlarvung zynischer Mediensprache in "Die verlorene Ehre der Katharina Blum" (1974). Schon in seinen Kriegsbriefen aus dem Jahr 1942 wandte er sich gegen das "deutsche Gelehrtenpack". Diese Haltung behielt er durchgehend bei. Sogar gegen positive Kritiken konnte er sich wehren. Der einflussreiche Kritiker Kurt Hohoff lobte 1957 sein "Irisches Tagebuch", hier habe der Autor endlich seine Ressentiments überwunden: "Es riecht nicht mehr nach Waschküche und billigem Tabak." Böll schrieb daraufhin einen Essay mit dem Titel "Zur Verteidigung der Waschküchen".

Alle seine Bücher sprechen diese Sprache. Sie sind der Vorstellung eines "Engagements" des Schriftstellers verpflichtet, der die Fragen stellt, die im Parlament und in den Medien so nicht gestellt wurden: die Fragen nach deutscher Schuld, nach dem weiter wesenden Nationalsozialismus. Böll selbst meinte im Rückblick, die Literatur habe in den Fünfziger- und Sechzigerjahren durch den "Verfall der öffentlichen Meinung" eine Bedeutung erlangt, "der ihre reale Macht nie entsprochen hat".

Sein Trauma war der Krieg: Heinrich Böll mit seiner Frau Annemarie beim Friedens-Camp in Mutlangen, 1. September 1983.

(Foto: imago stock&people)

Wenn man um die weitere Entwicklung weiß, um das Engagement Bölls gegen die Notstandsgesetze 1968, sein Pochen darauf, dass Ulrike Meinhof zum Objekt einer sich verselbständigenden staatlichen Hysterie wurde, seine entsetzten Polemiken gegen die Bild-Zeitung - wenn man dies im Hinterkopf hat, wirkt es frappierend, dass er 1953 immer noch CDU gewählt hat. Erst die bundesdeutsche Aufrüstung brachte ihn dazu, die "christliche" Partei grundsätzlich infrage stellen. Böll war von Anfang an strikt antiautoritär, und das hinderte ihn später daran, sich jemals einer Partei unterzuordnen. Er blieb ein radikaler Einzelgänger und Querkopf. Schon früh setzte er sich für Paul Celan ein und prangerte im Jahr 1954 an, dass die deutschen Schüler den Ortsnamen "Auschwitz" nicht kannten, er wurde Vorsitzender der von ihm mitbegründeten Bibliothek Germania Judaica in Köln - aber dass ausgerechnet Paul Celan sich eine Zeit lang zu Freundschaften mit durch die Zeit des Nationalsozialismus diskreditierten Kulturschaffenden wie Armin Mohler oder Rolf Schroers bekannte, führte zu einem unauflöslichen, aus heutiger Sicht tragisch zu nennenden Konflikt.

Spätestens an seinem vorübergehenden Bruch mit Paul Celan zeigt sich, dass Böll beileibe nicht dem Etikett entsprach, das man ihm später anheftete: "Der gute Mensch von Köln". Böll ekelte jede Art von Konformismus geradezu körperlich an. Als 1966 die Gruppe 47 in den USA tagen wollte, wütete er: "Die Vorstellung, dass die Bundesrepublik - was unvermeidlich ist - aus unserem Besuch dort politisch Kapital schlagen wird, verschafft mir eine Gänsehaut! Denn, wenn wir auch dort unsre 'ach so bewährten kritischen' Texte vorlesen, gerade dadurch verschaffen wir diesem Land ja in den USA den Ruf eines freien Landes. Eine fürchterliche Vorstellung!" Und er fügte hinzu: "Die Zeit der Opposition ist vorbei, die Zeit des Widerstands gekommen: lasst also endlich und endgültig eure Finger von dieser miesesten aller Parteien: der SPD."

Böll starb 1985 in einer Phase, als sich die Rahmenbedingungen für Schriftsteller entscheidend zu verändern begannen. Gerade seine enorme Reputation rief jetzt heftige Absetzbewegungen hervor. Die Bundesrepublik wurde immer selbstverständlicher als Wohlstandsgesellschaft wahrgenommen und hedonistisch durchdrungen. Die "Kritische Theorie" wurde als bestimmender akademischer Bezugspunkt von der "Systemtheorie" Niklas Luhmanns ersetzt, Bundeskanzler Helmut Kohl rief eine "Tendenzwende" aus und im kulturellen Milieu etablierte sich die zunächst "subversive Affirmation" des Pop, die sich vor allem den ekstatischen Momenten der Gegenwart verschrieb. Die Vergangenheit schien abgehakt zu sein. Coolness und Pragmatismus traten an die Stelle friedensbewegter Appelle und der leer getrunkenen strohumflochtenen Chiantiflaschen, an denen das Wachs der hineingesteckten Kerzen längst heruntergetropft war.

"Kulturpessimismus" wurde zum Verdikt und Heinrich Böll sah auf einmal sehr alt aus

Als Gegenpol zu Böll erwies sich in erster Linie der scharfsinnige Intellektuelle Hans Magnus Enzensberger. Dieser brachte den veränderten Zeitgeist auf den Punkt und wandte sich gegen "linken Alarmismus". Enzensberger pries süffisant die Vorzüge einer entwickelten kapitalistischen Gesellschaft mit ihren individualisierenden Konsummöglichkeiten und legte die Grundlagen dafür, dass "Kulturpessimismus" zu einem vernichtenden Verdikt in den Feuilletons wurde. Heinrich Böll sah auf einmal sehr alt aus.

Mittlerweile sind auch die Achtzigerjahre Geschichte, und selbst die "Generation Golf" wirkt ein bisschen desorientiert. Es wird dennoch wohl noch eine gewisse Zeit brauchen, um in Heinrich Böll vielleicht eine unerwartete Aktualität zu entdecken. "Die verlorene Ehre der Katharina Blum" liest sich in der Ära Trump womöglich ganz neu. Böll war offenkundig ein "Kulturpessimist", weil er beharrlich auf gesellschaftliche Missstände hinwies. Er war ein "linker Alarmist", weil er die immer größer werdenden Unterschiede zwischen Arm und Reich skandalös fand. Und er war ein "Gutmensch", weil er nicht davon abließ, eine mögliche bessere Welt vor Augen zu haben. Heute wirkt das fast wieder wie eine Provokation.

© SZ vom 20.12.2017
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