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Nachhaltigkeit:Auf die grüne Tour

Flugscham, Kreuzfahrt-Bann, Unterstützung der lokalen Bevölkerung und vegane Ernährung in Ländern, in denen das schwierig ist: Was macht die Pandemie aus dem Thema Nachhaltigkeit im Tourismus? Eine Frage, auf die es verschiedene Antworten gibt.

Von Stefan Fischer

Wer befürchtet haben mag, dass die Klima- und Nachhaltigkeitsdebatte im Tourismus von der Corona-Pandemie abgewürgt worden ist, findet dafür zumindest auf dem Reisebuchmarkt kein Indiz. Indirekt gibt es sogar einen Verstärker-Effekt: Da Fernreisen seit Monaten kaum eine Option sind, konzentrieren sich die Verlage mit ihren Reisetipps auf europäische Ziele. Und verbinden diese Empfehlungen mit Anregungen zu einem nachhaltigeren Reiseverhalten, als es viele Urlauber bislang an den Tag legen. Die Zahl solcher Buchtitel ist so hoch wie noch nie. Und das, obwohl etwa die Fridays-for-Future-Bewegung aktuell nicht mehr so im öffentlichen Fokus steht wie noch 2019.

Bislang ist die Diskrepanz noch groß zwischen der Zahl der Leute, die angeben, Umweltschutz und soziale Nachhaltigkeit seien ihnen wichtig auf Reisen, sowie derer, die sich auch entsprechend verhalten. Doch das Bewusstsein für die Relevanz des Themas schärft sich, auch der soziale Druck erhöht sich, auf Reisen mit Ressourcen weniger verschwenderisch umzugehen. Reisebuchverlage sind mit ihren Büchern durchaus Indikatoren, weil sie auf Entwicklungen und Veränderungen im Reiseverhalten unmittelbar reagieren.

In den Publikationen geht es nun nicht darum, den Menschen das Reisen madig zu machen. Denn daran können die Verlage natürlich kein Interesse haben. Im Gegenteil: Sie befeuern Sehnsüchte, zeigen teils konkret die verbliebenen Möglichkeiten auf in einer Situation, in der das Reisen so drastisch eingeschränkt ist und in den kommenden Monaten absehbar auch bleiben wird. Ob nach überstandener Pandemie alle aufgeschobenen Karibik- und Baliurlaube nachgeholt werden oder aber die erzwungene Zäsur zu dauerhaften Verschiebungen im Reisemarkt führt mit positiven Effekten auch auf die Nachhaltigkeit, wird sich zeigen. Die große Zahl der Nachhaltigkeits-Reisebücher deutet darauf hin, dass die Verlage die zweite Option definitiv in Betracht ziehen. Wobei sie unterschiedlich entschlossen in das Thema einsteigen: Die meisten Titel sind eher die Reaktion auf einen Trend, als dass sie ihn setzen. Mitunter ist die Vokabel Nachhaltigkeit auch bloß ein Feigenblatt.

Die meisten der Bücher folgen eher einem Trend, als selbst einen zu setzen

"Bewusst reisen" heißt ein Titel aus dem Dorling Kindersley Verlag. Das Buch hat mit Umweltbewusstsein aber nur bedingt zu tun. Es ist eine Sammlung bekannter Langstreckentouren. Da findet sich die Wanderung auf dem Appalachian Trail neben einer Expeditionskreuzfahrt in die Antarktis. Es geht, zumal die Anreise nie thematisiert wird, vor allem um nachhaltige Eindrücke und in Summe kaum um nachhaltiges Verhalten.

Ernstzunehmender sind unter dem Aspekt des klimafreundlichen und sozialverträglichen Tourismus drei Bücher, die Ratschläge geben, wie man in Europa reisen kann, ohne dafür in ein Flugzeug zu steigen. Die Anreise ist nun einmal der größte Posten in der Klimabilanz eines Urlaubs. Den Autoren gelingt es, tatsächlich Laune aufs Reisen zu machen und nicht bloß aus Gründen der Vernunft etwas schönzureden. Denn eines ist klar: Wer aufs Fliegen verzichtet, kommt entweder nicht so weit oder muss sich mehr Zeit nehmen. Dirk Engelhardt und Michaela Harfst entscheiden sich in "Nachhaltig Reisen - Die besten Ideen für Europa" für die erste Variante: Per Bus und Bahn senden sie ihre Leser von Hamburg, Köln, Berlin und München aus auf Städtereisen, die Tipps vor Ort folgen auch einem ökologischen Leitprinzip. Wer trotzdem nach Barcelona, Neapel oder Schottland möchte, muss sich mehr Zeit nehmen und findet Inspiration in "Europa ohne Flieger". Das Buch hat einen Haken: Es wurde absurderweise in Malaysia gedruckt. Eher halbherzig geht "Zug statt Flug" die Sache an.

Noch einmal einen anderen Schwerpunkt legen "Vegan unterwegs" und "Mit Fairgnügen reisen". Deren Autoren schildern, und zwar nicht als Schwierigkeit, wie sie ihren veganen Lebensstil selbstredend auch auf Reisen beibehalten. Bei ihrer Klientel können sie ein hohes Nachhaltigkeitsbewusstsein voraussetzen. Weshalb eine Empfehlung für einen freudvollen Urlaub auch lautet, sich bei der Wahl des Zeitpunkts an Erntezeiten zu orientieren.

Tatsächlich radikal ist keiner der Ansätze. Aber wahrscheinlich ist mit Pragmatismus ohnehin mehr zu erreichen.

Valentin Betz, Andrea Wurth (Hrsg.): Europa ohne Flieger. 80 inspirierende und nachhaltige Reiseideen. Aus dem Englischen von Gunter Mühl, Carina Wurzinger und Teresa Zuhl. Lonely Planet / Mairdumont, Ostfildern 2020. 312 Seiten, 22,90 Euro.

Susanne Caesar, Susanne Döller (Hrsg.): Vegan unterwegs. Das Handbuch für nachhaltiges Reisen. Aus dem Englischen von Gabriele Lichter. Lonely Planet Food / Bruckmann Verlag, München 2020. 168 Seiten, 17,99 Euro.

Dirk Engelhardt, Michaela Harfst: Nachhaltig Reisen - Die besten Ideen für Europa. Dumont Verlag, Ostfildern 2020. 240 Seiten, 19,95 Euro.

Maximilian Gierlinger, Lisa-Maria Kraft: Mit Fairgnügen reisen. Edition Michael Fischer, Igling 2020. 272 Seiten, Euro.

Gabriele Rupp, Stefanie Franz (Hrsg.): Bewusst Reisen. Unvergessliche Touren mit dem Auto, Rad, Zug, Schiff oder zu Fuß. Aus dem Englischen von Elfi Ledig und Susanne Traub-Schweiger. Dorling Kindersley Verlag, München 2020. 320 Seiten, 28 Euro.

Jennifer Valentin (Hrsg.): Zug statt Flug. 52 klimabewusste Kurztrips in Europa. Kunth Verlag, München 2020. 312 Seiten, 24,95 Euro.

© SZ vom 24.11.2020
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