Nachdenken lernen Erste und letzte Fragen

Die Münchner Philosophin Karin Hutflötz leitet ein Modellprojekt für pädagogische Fachkräfte zum Thema Philosophieren mit Kindern

Interview von Barbara Hordych

Während Erwachsene sich von offenen Fragen oft verunsichert fühlen, lieben Kinder das exzessiv betriebene Weiterfragen, hat Karin Hutflötz erfahren. Seit 2012 bietet die Philosophin die Workshopreihe "Staunen bildet" als zertifizierte Fortbildungsmaßnahme für pädagogische Fachkräfte an. Dabei arbeitet sie mit der Kita Haar zusammen, dem Träger von acht Einrichtungen.

SZ: Kinder und Philosophie - warum passt das in Ihren Augen zusammen?

Karin Hutflötz: Kinder kennen keine Scheu im Fragen. Sie haben einen genuinen philosophischen Denk-Gestus, sie suchen mit Freude immer neue Antworten und Gründe auf die Frage Warum. Das machen Erwachsene nicht mehr so gerne, sie denken eher, "Wie stehe ich dann da?" Sie fühlen sich bei offenen Fragen oft selbst in Frage gestellt. Dabei: Große Fragen von klein auf zu stellen und über alles und jedes staunen zu können, ist das Privileg des Menschen und eine bis heute unterschätzte Ressource.

Sie zeigen den pädagogischen Fachkräften, wie Sie auf die kindliche Lust am Denken reagieren können?

Genau. Es handelt sich um neue Bildungsformate mit dem Ziel, philosophische Gesprächsführung und aktuelle Forschungsergebnisse für die pädagogische Praxis fruchtbar zu machen. Ich bin sehr dafür, den Beruf der Erzieherin oder des Erziehers inhaltlich und gesellschaftlich aufzuwerten, denn dies sind jene Menschen, die mit der Weichenstellung für Denk-Weisen und Frage-Haltungen der jungen Generation beschäftigt sind. Der Bedarf an philosophischem Denken und Gesprächspraktiken und deren zentrale Rolle für Bildung werden zunehmend erkannt.

Staunen ist der Grundimpuls zum Philosophieren, schrieb Aristoteles (hier vor der Uni Freiburg) um 350 v. Chr. in der "Metaphysik".

(Foto: dpa)

Welche Inhalte vermitteln Sie konkret?

Die Teilnehmer können sich bestimmte Themenschwerpunkte heraussuchen. Ich behandele Fragestellungen wie: "Was heißt Bildung?", "Was bedeutet Erfahrung?" oder "Wie gewinnt man Orientierung im Leben?" Einen eigenen Komplex fasse ich unter der Fragestellung zusammen, "Was ist wichtig, was ist gut, was gilt als wertvoll?" Da behandeln wir den Begriff und das Verständnis unserer "Werte" in Theorie und Praxis, früher und heute.

Wie sieht Ihre Vorgehensweise aus?

Im Gespräch reflektieren wir unsere persönlichen Vorstellungen und exemplarische Erfahrungen zu den jeweiligen Themen, erarbeiten aus diesem Erfahrungswissen Prinzipien und allgemeine Kriterien, die handlungsleitend sind oder sein sollten. Dann lesen wir aber auch gemeinsam Texte, die ich dazu vorbereitet habe. Grundsätzlich kann man allen philosophischen Klassikern wertvolle Textstellen entnehmen für die Arbeit mit Laien. Sehr gern nehme ich Auszüge aus den ältesten Schriften dieser Art, von Platon, Aristoteles oder Augustinus, da sie in eher bildhafter und noch nicht diskursversponnener Sprache wie viele heutige philosophische Texte Wesentliches zu sagen haben.

Wie wird Ihr Angebot angenommen?

Sehr gut. Nach dem "Pilotjahr" 2012 war die Nachfrage so groß, dass wir jetzt einmal im Monat Workshops zu unterschiedlichen Themen anbieten. Obwohl sich die Erzieherinnen oder Erzieher diesen Fortbildungstag zeitlich regelrecht aus dem Fleisch schneiden müssen, da die Beschäftigungslage in den Kitas immer noch sehr angespannt ist.

Was möchten Sie mit ihren Fortbildungsmodulen im Idealfall erreichen?

Karin Hutflötz ist Lehrbeauftragte an der Hochschule für Philosophie SJ in München, dort verantwortlich für das Modul "Philosophie und Bildung".

(Foto: Robert Haas)

Mir geht es darum, den geistigen Sinn für das Offene und Prinzipielle, den Sinn für Maß und Bedeutung zu fördern - und der wird durch den Akt des Philosophierens ausgebildet. Um den Hörsinn zu entfalten, wird in den Kindergärten musiziert und gesungen. Um das Sehen zu fördern, zeigt man den Kindern Bilder und lässt sie malen. Um den "philosophischen" Sinn zu entwickeln, der Denkfreude und Entdeckergeist erst erlaubt, muss man sich im Staunen üben und sich gemeinsam Fragen stellen über vermeintlich sichere Antworten und erworbenes Wissen hinaus. Das bestärkt die Fähigkeit, das Große im Kleinen zu erkennen, in der realen Situation, in der wir uns hier und jetzt befinden, immer auch den Horizont mit zu sehen. Schon Aristoteles schreibt in seiner "Metaphysik", dass Staunen der Grundimpuls zum Philosophieren sei. Neugier und Staunen sind am Anfang bei allen Menschen da, es gilt, sie wachzuhalten.

Mit welchem Ziel?

Um es mit Aristoteles zu sagen: Philosophieren zielt auf Prinzipienwissen. "Das höchste Wissen jedoch ist, welches den Zweck oder das Warum erkennt" schreibt er. Wir alle haben schon Menschen erlebt, die furchtbar viel erzählen, verstrickt im Faktischen sich im Detail verlieren, aber ohne sagen zu können, worum es ihnen geht. Ganz anders wird es hingegen, wenn man einen philosophischen Blick auf die eigene Erfahrung wirft: Was meint man eigentlich, wenn man das oder jenes vertritt? Was spricht dafür, es so zu deuten oder anders? Worum geht es eigentlich? Das generiert eine prinzipielle Sicht und gibt Orientierung nach innen und außen. Es geht um das Erkennen von Strukturen und Zusammenhängen, aber auch um das Anerkennen von Offenem oder Ungreifbarem, in dem, was man erlebt hat. Daraus resultiert Staunen. Das erreicht man durch vertieftes Weiterfragen, was Kinder ja exzessiv betreiben.

Erwachsene hingegen nicht?

Das In-Frage-Stellen grundsätzlicher Art, die "Was ist eigentlich. . .?" oder die "Warum?"- Frage radikal zu stellen, ist für Erwachsene deutlich herausfordernder. Man glaubt als älterer Mensch, schon über vieles Bescheid zu wissen, man hat aus Erfahrungswissen bereits Regeln, Prinzipien und ein festes Weltbild generiert. Was die Kinder unaufhörlich machen, das unbedingte Weiterfragen und das Vertrauen, im offenen Spiel des Lebens je neu antworten zu können, fällt bei Erwachsenen oft weg, sie haben sich in ihrem jeweiligen Weltspiel eingerichtet.

Die Sinnfrage stellen wir uns als Erwachsene später dann nicht mehr?

Doch, schon. Aber leider stellt man sich solche Fragen wie "Wozu das alles?" oder "Warum bin ich da?" nur noch, wenn man durch das Leben auf diese existenzielle Ebene gezwungen wird, konkret: wenn etwas auf- oder wegbricht. Das kann die Arbeit oder ein geliebter Mensch sein. Nun ist es aber sehr schade, wenn ich nur noch in Lebenskrisen philosophiere. Dadurch bekommt Philosophie eine schwere Konnotation. Ich aber sehe es als Chance zum freudvollen Innehalten im Alltag, um sich, ohne Not, aber mit Neugier und Denklust den wesentlichen und letztlich offenen Fragen zu stellen. Das gelingt am besten im philosophischen Gespräch, in der Übung genauen Zuhörens und im gemeinsamen Suchen nach eigenen Antworten auf Fragen, die uns alle gemeinsam und dennoch immer anders betreffen. Dies freudvoll und ernsthaft zugleich zu üben, ist mein Anliegen beim Philosophieren, mit Kindern oder den Multiplikatoren.