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Nach Straßburg:Oft dient der Vorwurf des "Terrorismus" Regierungen als Vorwand, um ihrerseits Terror zu verüben

Der sorgfältig ausgebildete Ingenieur? Ein Auslaufmodell. Suri sprach die Verirrten und Marginalisierten an, Analphabeten, psychisch Kranke, Treibgut der europäischen Gesellschaften. Chekatt war ein idealer Kandidat. Dem IS, seines einst eindrucksvollen Territoriums beraubt, muss diese Strategie ortloser, also: ubiquitärer Mobilisierung wie ein Geschenk des Himmels erscheinen.

Europa hat die Sprache der Gewalt verlernt. Darum wird es von der Welt beneidet

Selbstverständlich hätte Chekatt sich nicht als Terrorist bezeichnet. Das tut - Robespierre hin, Lenin her - keiner mehr gern. Terrorismus als Beschreibung für das Motiv von Handlungen ist eine Zuschreibung, das Etikett von anderen, in aller Regel eines Staates und seiner Geheimdienste. Die kurdische PKK, die palästinensische Hamas, die libanesische Hisbollah mögen in den Dossiers des Westens Terrorgruppen sein. Für die Mehrzahl der Kurden, Palästinenser, Libanesen sind sie Widerstandskämpfer, die einem Staat entgegentreten, der Unrecht verübt.

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Und wie oft dient der Vorwurf des "Terrorismus" Regierungen auch nur als Vorwand, um ihrerseits Terror zu verüben? Wladimir Putin nutzte eine Serie von Sprengstoffanschlägen auf Wohnhäuser in Russland als Vorwand für den zweiten Tschetschenienfeldzug - und die Festigung seiner Macht. Wenn der ägyptische Präsident Abdel Fatah al-Sisi Zehntausende einkerkert, tut er dies selbstverständlich im Namen des "Kampfes gegen den Terrorismus".

Für Diktaturen ist "Terrorismus" eine erprobte Rechtfertigung, für Demokratien eine ständige Versuchung. Kein Geheimdienst der Welt kann darauf verzichten, den Terrorismusbegriff möglichst weit und möglichst wolkig auszulegen. Was also taugt er noch? Sollte man nicht besser ganz auf einen Begriff verzichten, der sich so leicht missbrauchen lässt? Vielleicht. Aber nicht, ohne ihn ganz zu begreifen. Der Nachdruck, den die Definitionen auf die mögliche Beeinflussung von Staaten legen, lässt sich nämlich auch anders begreifen: All die schreckenerregenden Videos, die Tweets und Posts, und, ja, auch die Anschläge selbst sind Botschaften an ein "Zielpublikum", wie der schottische Terrorismusforscher Bruce Hoffman es nennt, mithin: Kommunikation.

Das ist für Europa ein Problem. Der Kontinent - beschenkt mit Jahrzehnten fast ununterbrochenen Friedens - hat nicht nur Gewalt als Mittel politischer Auseinandersetzung geächtet, sondern ein Verständnis für die Sprache der Gewalt gleich mit. Nach den Exzessen des vergangenen Jahrhunderts wird Gewalt nicht mehr als soziale Konstante behandelt, sondern als das schlechthin Unbegreifliche, "Unfassbare", das Kranke, kurz, ganz andere.

Diese Verständnislosigkeit ist ein Mangel, um den die Welt Europa beneidet, aber auch einer, den es sich nicht mehr leisten kann. Die Gewalt ist zurückgekehrt und sie bedarf nicht der Empörung, sondern der Beschreibung. Der Alles- und-nichts-Begriff "Terrorismus" hilft dabei nicht, denn er verspricht eine Trennung zwischen "denen" und "uns", die es längst nicht mehr gibt. Deshalb: auf den Müllhaufen der Debatte damit.

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