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Nach den Erdstößen in Norditalien:Stein um Stein

Die Zerstörung ist immens. Nach den verheerenden Erdstößen in Norditalien versucht eine Tagung in Ferrara, die erste Bilanz der Schäden an den Kulturgütern zu ziehen. Die Kosten für den Wiederaufbau sind noch unkalkulierbar.

Hier ist die vorläufige Bilanz der Erdbeben, die mit zwei schweren Stößen am 20. und 29. Mai mehrere italienische Provinzen der Region Emilia-Romagna getroffen haben: 700 unter Denkmalschutz stehende profane Gebäude und Gebäudegruppen wurden beschädigt - es liegen insgesamt 1300 Schadensmeldungen vor. Hinzu kommen 400 Kirchen sowie 147 Glocken- und Stadttürme. Bislang konnten 807 Kunstgegenstände, darunter Arbeiten von Guido Reni, Guercino und Correggio, aus 22 schwer oder ganz zerstörten Kirchen sowie aus musealen Sammlungen wie der Pinakothek von Cento evakuiert werden. 25 Stadtarchive wurden beschädigt, sieben konnte man bergen.

Novi di Modena in Norditalien nach den Erdbeben

Die jüngsten Erdbeben in Norditalien haben nicht nur den Kirchentrum in Novi di Modena zerstört, sondern 400 Kirchen und hunderte weitere unter Denkmalschutz stehende Gebäude.

(Foto: Getty Images)

Diese Zahlen - genaue Angaben für betroffene Randgebiete der Lombardei und Venetiens liegen noch nicht vor - wurden jetzt auf einer Tagung der italienischen Hermitage-Stiftung in Ferrara veröffentlicht, bei der Vertreter der Gemeinden, der Denkmalschutzämter, der Universitäten sowie der Kultur- und Umweltschutz-Verbände über die Folgen der Zerstörungen diskutierten.

Getroffen wurde eine italienische Kulturlandschaft von einstmals unabhängigen Kommunen, historischen Hauptstädten und ehemaligen Kleinstaaten mit ihren Burgen, Kirchen, Gemeindepalästen. "Kleine alte Welt" nennt Giovannino Guareschi die Landschaften der Emilia in der literarischen Einladung "Bologna und Emilia Romagna".

Vielen Bürgern schwer verständlich zu machen

Kritik wurde auf der Veranstaltung in Ferrara laut, als Bürger nachfragten, warum etwa noch keine Kontrollbegehung des Palazzo Schifanoia in Ferrara stattgefunden habe. Bislang, so die Antwort der Denkmalschützer, wurden in der ganzen Region über 300 Begehungen von gesetzlich geschützten Einrichtungen vorgenommen. Allein in der Provinz Ferrara stehen noch mehrere hundert aus. Außerdem könne bei solchen Begehungen zunächst nur das Ausmaß der Schäden dokumentiert werden, an eine schnelle Wiedereröffnung sei nur in Ausnahmefällen zu denken. Doch, so erklärte der Kultur-Assessor und Vizebürgermeister Massimo Maisto, hoffe man, das Stadttheater für ein Konzert mit Claudio Abbado am 23. September wieder eröffnen zu können. Die Museen Palazzo Schifanoia und Palazzo Massari müssten aus Sicherheitsgründen weiterhin geschlossen bleiben. Jetzt schon ist absehbar, welche katastrophalen Folgen das Beben auch für den Tourismus hat.

Die Leiterin des regionalen Denkmalschutzamtes, die Architektin Carla Di Francesco, versuchte sich zu rechtfertigen. Es sei vielen Bürgern schwer verständlich zu machen, dass die denkmalgeschützten Gebäude erst einmal gesichert werden müssten. Dafür stünden keine besonderen Geldmittel zur Verfügung, in jedem Einzelfall müsse sie Mittel vom Zivilschutz und den Gemeinden einfordern. Bislang seien 39 architektonische Einrichtungen gesichert worden. Oft fiele eine für den Wiederaufbau notwendige Dokumentation der Schäden schwer. Der eingestürzte Glockenturm der Kirche San Francesco von Mirandola zum Beispiel sei gleichsam "verschwunden".

Angeblich benötige man 90 Milliarden Euro

Kann man überhaupt alle Kulturgüter wieder aufbauen? "Man muss!" Carla Di Francesco ist überzeugt, dass der Wiederaufbau eine Pflicht gegenüber der Geschichte der Orte und der kulturellen Identität der Bürger sei. "Und wenn es Jahrzehnte dauert." Die Kosten dafür seien jedoch noch nicht zu kalkulieren. Der Wiederaufbau wird von anderen Prioritäten bestimmt. Der von der Regierung eingesetzte Erdbebenkommissar Vasco Errani - der Regionalpräsident der Emila-Romagna - hat rund 2,5 Milliarden Euro zur Verfügung. Sie werden zuerst für Schulen, Krankenhäuser, Privatwohnungen Wirtschaftsunternehmen und erst dann für Kulturgüter verwandt. Allein die Schäden in den Wirtschaftsbetrieben - etwa in dem Distrikt zur Produktion hochwertiger medizinischer Geräte um Mirandola - werden auf über vier Milliarden Euro beziffert.

Hätte eine bessere Vorsorge nicht mehr verhüten können? Vieles, so scheint es, ist auch in Städten wie Carpi oder auch in Ferrara verhütet worden, wo die Schäden nicht so katastrophal seien wie etwa in den kleineren Orten San Felice, Finale Emilia oder in Concordia sulla Secchia. Angeblich benötige man 90 Milliarden Euro, um alle historisch wertvollen Gebäude in Italien erdbebensicher zu machen. Eine Geologin beschrieb, dass zwischen den Alpen und Sizilien im Schnitt alle fünf Jahre Erdbeben stattfänden, gut die Hälfte verursachen größere Schäden. Allerdings gab Carla Di Francesco zu bedenken, Komplexe wie das Castello Estense von Ferrara könne man nicht gegen Erdbeben sichern, sondern allenfalls "stärken".

In Ferrara, wo die Pinakothek im Palazzo dei Diamanti seit Dienstag wieder dem Publikum zugänglich ist, wurde ein neues Freiluftkino eröffnet. Premiere hatte dort Lars von Triers "Melancholia".

© SZ vom 06.07.2012/ihe

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