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Mythologie und Autobiografie:"Ich schreibe Euch auf"

Anarchie in den Archiven der Kulturgeschichte: Dagmar Leupold setzt in ihrem Roman "Lavinia" alles daran, ein Ich zum Verschwinden zu bringen.

Autobiografien sind ideale Orte, um sich zu verstecken. Unter dem Vorwand der Wahrheit und hinter dem Vorhang der Wahrhaftigkeit. Gerade weil sie als literarisches Genre der Offenbarung des Verborgenen, der Enthüllung des Verschwiegenen gelten, kann man sich in ihnen verkriechen. Was zählt, ist die Geste: Seht her, ich bin's! Einen guten Ruf haben sie nicht mehr, die Selberlebensbeschreibungen. Das Werk hat die Person in sich aufgesogen und gibt sie nicht mehr heraus. Es ist Kunst, es ist Konstrukt, es ist Erfindung. Wer bleibt, wenn man das Schöne am Schreiben abzieht?

Dagmar Leupold hat in ihrem autobiografischen Roman "Lavinia" aus der postmodernen Not eine Tugend gemacht und sich in der überquellenden Sprache verhüllt, in der turbulent aufgemischten literarischen Form sich selbst ent- und derart ausgestellt. Man könnte einwenden, das geschehe in guter Literatur immer. Aber wenn, dann selten so bewusst, so forciert, so atemlos, als ob es um Leben und Tod ginge, und nicht um Sprache. Tut es das?

In "Lavinia" steht die Erzählerin im 25. Stock eines Hochhauses in New York und stürzt sich hinunter. "Wer ergründen will, der muss herab. / Der Wind ist mein Freier." Dann folgen 24 Stockwerke Lebensgeschichte, im großen Ganzen chronologisch vorgetragen, mal ein paar Auslassungen, mal ein Blick zurück. Doch die Idee, dass man wie die Archäologen nach unten und nach innen muss, bleibt bestehen. Unten sind die Eltern und die Großeltern, speziell das Omale. Und mit ihnen der Krieg, die Vertreibung aus Ostpreußen und Schlesien, der ganze Schrecken des Jahrhunderts in literarischer Kurzschrift.

Das hellste Romankapitel im Sinne der Klarheit des Ausdrucks gilt dem dunkelsten historischen Kapitel: der mit der eigenen Familie befreundeten jüdischen Familie Stern, nach der Verfolgung durch die Nazis im Polen der Siebzigerjahre erneut antisemitisch diskriminiert und geflohen. Hier findet das Kind Schutz. Hell im Sinne von klar sind die raren Geborgenheiten. Neben dem lieben, warmen, weichen Omale und den Sterns auch Hannes, eine rundum glückliche Studentenliebe, die mit einem Nackenschlag aus der Erzählgegenwart beendet wird: "Hannes ist tot, längst. In alle Winde zerstreut, mein Freund, Engel meiner Geschichte, mein luftiger Vorsager."

Frau, um die Krieg geführt wird: „Latinus bietet Aeneas seine Tochter Lavinia zur Ehe an“ von Giovanni Battista Tiepolo.

(Foto: Statens Museum for Kunst)

Das haut in seiner Plötzlichkeit neben Hannes auch den Leser um. Und zeigt eins der Bauprinzipien des Romans: Vor dem Mutwillen der Erzählerin, ihrem Willen zur Düsternis, ihrem Disruptionsfuror ist nichts sicher. Etliche Personen werden deshalb auch nur als blasse Schemen hingestellt, weil sie eh gleich wieder abgeräumt werden, von der alles wollenden und zugleich grundenttäuschten Erzählerin.

Im Zuge der referenziellen Totalmobilisierung des Textes ist das zu Erzählende eher Abfall

Sie fegt durch ihr Leben und das gute halbe Jahrhundert, das es bis dato dauerte. Fegen, um aufzuräumen vielleicht, doch mit dem Effekt, alles, was zählt, zu verstecken. Alles Private und Intime staubt auf in einer Wolke von literarischen, mythologischen, philosophischen, sprachtheoretischen Referenzen; in vielsprachigen Zitaten, mittelhochdeutschen vor allen, von Minnesang und Minneepen; französischen Ondits, altenglischen Liedzeilen, amerikanischen Lakonismen, italienischen Vokalisen, dass es nur so klingt und singt und manchmal durchaus scheppert.

Das alles ist gewollt, gekonnt, und doch in einem solchen Übermaß eingesetzt, dass die damit und dadurch erzählte Geschichte auch begraben wird. Unter eben jenem Berg aus Bildungsornat, der das Versteckspiel des Ich erlaubt. Im Zuge der rhetorischen und referenziellen Totalmobilisierung des Textes ist das zu Erzählende, sind die Person und ihr Handlungsgefüge eher Abfall.

Wer oder was ist diese Erzählerin in luftiger Höhe? Man muss nur einmal in den Namen Lavinia pusten, und schon stieben als Bildungspartikel die unendlichen Texthintergründe auf. Lavinia ist die Ehefrau des Vergil'schen Aeneas. Um sie wird Krieg geführt in Latium, wie einst um Helena in Troja, und doch ist der weibliche Name der Leidenschaft und der Verzweiflung bekanntlich Dido vorbehalten.

Vergil hat der so zentralen Figur kaum Stimme und Kontur gegeben. Anders als gute tausend Jahre später Heinrich von Veldeke in seinem "Eneasroman". Aus ihm zitiert Dagmar Leupold, immer die Minne betreffend, wie Minne überhaupt bis zur Figur Minna am Ende des Romans der buchstäbliche und inhaltliche rote Faden durchs Buch ist. Ursula K. Le Guin hat die Vergilgeborene Lavinia zur Heldin ihres fantastischen Romans "Lavinia" gemacht und sie statt mit mythologischen Zeichen mit psychologischer Reflexion über ihr Schicksal versehen, ähnlich wie Christa Wolf es vorzeiten mit Kassandra gemacht hat, und so weiter. Diese textanarchisch zerlaufende bildungsbürgerliche Schichttorte wird angereichert mit phonetischen und lexematischen Reizen wie "Loveeinia" als Kosename, "Furor Laviniae" als Kriegsname, oder, ganz am Ende, als Tipp für den Leser, den es zur Kontaktaufnahme drängt: "Bin auf Dienstreise. In dringenden Fällen erreichen Sie mich unter lavinia@dolceamaro.com."

"Ihr Betatscher, ihr Zurauner, ihr Übergreifer, ich suche euch heim"

So wird allein der Name mit seinen unendlichen Webverweisen zu einem unüberschaubaren Gespinst. Doch gilt dieses rhetorische "too much, too many" für etliche Motive, die wild durch sämtliche Bedeutungssphären gefegt werden.

Dagmar Leupold, 2013

Die Schriftstellerin Dagmar Leupold.

(Foto: SZ Photo)

Ein anderes Beispiel: Der Fall!, der den lateinischen Kasus meint und also die Grammatik in Aktion setzt, der von Beifall begleitete Anfall, das Fallobst und die Fallsucht, die Falle, der Zu- und der Abfall ... Jedes Kapitel hat einen "Fall" im Titel und legt mit einem Fallbeispiel los. Der Schnee, der Mensch, der Planet fallen durch den Raum, und die Liebe fällt meist auf den Rücken. Der spielerische sexuelle Ernstfall fällt machtvoll durch den Roman. Meist mit einer gewissen Härte gewollt und exerziert.

Mit einem Missbrauch durch Z (weil er das Letzte ist) sind Lavinia und der Roman in die körperliche Liebe gestartet, einmal, zweimal die wahre Liebe berührend, zur Minne sich wandelnd, eine Abrechnung der Erzählerin steht am Ende, mit all den miesen männlichen Tricksern, Fallenstellern und Erpressern. Die stärkste Drohung dieses Romans aus Romanen: "Ich schreibe euch auf. / Ihr Betatscher, ihr Zurauner, ihr Übergreifer, ich suche euch heim."

Seit ihren ersten Büchern wie "Edmond. Geschichte einer Sehnsucht" (1992) oder dem Gedichtband "Die Lust der Frauen auf Seite 13" (1994) testet und trainiert Dagmar Leupold die Konvertierbarkeit von Leben und Schreiben. Der beste Sex ist der geschriebene. Sie arbeitet daran. Der Schrecken der Welt ist grobe unflätige Rede, Trump geistert namenlos, aber deutlich signifiziert durch den Roman.

Was unterhalb dieser postmodernen zeichentheoretischen Liaison sich ereignet, ist Abfall, waste land, das Ich und seine Geschichten, unerkennbar, verkleidet und verkleistert. Wir lernen sie nicht wirklich kennen, weil sie in Redeformen verschwinden, Anagramme, Verballhornungen, Reime, Zitate, Kalauer - alles, was den Zeichenstrom anreichert, ihn mit Wirbeln versieht, wird herangezogen. Es reißt manchmal Richtung Oulipo, manchmal Richtung Anaïs Nin, manchmal Richtung "Aeneas" des Vergil. So viel Lärm, um sich unsichtbar zu machen, so viel Form, um nicht gehört zu werden! Wenn man hoch greifen will, ist der Roman "Lavinia" ein Abschlusstableau für die zeitgeistgestützte lustvolle Selbstauslöschung des Ich. Klassischerweise besetzen in Autobiografien die Institutionen und Vorfahren die Positionen der formatierenden Ordnung. Bei Dagmar Leupold ist es die Kunst, die literarische Schrift selbst.

Da sie zugleich die Emanzipation von Normen und Zwängen im Sinn hat, will sie die kulturtragende Literatur, die aufgefahrenen Kulturarchive zugleich beerben und im heftigen Überfluss anarchisieren. Doch auf Dauer gestellte Abundanz ist redundant, wie ein Fest, das längst zu Ende ist. Nur hat es noch nicht jede gemerkt.

Dagmar Leupold: Lavinia. Roman, Jung und Jung Verlag, Salzburg und Wien. 199 Seiten, 22 Euro.

© SZ vom 07.11.2019

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