Virtual Reality:Fliegen wie Nils Holgersson

Myriad VR FIlm

Szene aus dem Virtual-Reality-Projekt "Myriad".

(Foto: Interactive Media Foundation)

Der Virtual-Reality-Film "Myriad" erzählt von drei Tierwanderreisen und ist beim Filmfestival von Venedig und in Berlin zu sehen.

Von Sonja Zekri

Sie reisen zu Lande, zu Wasser, in der Luft, und keine Grenze hält sie auf. Sie sind Wirtschaftsflüchtlinge, Ökoflüchtlinge oder auch nur Gewohnheitstiere. Für Innenpolitiker sind sie ein Alptraum. Drei von ihnen kann man nun folgen, kann mit ihnen fliegen, schwimmen, laufen, im Inneren einer wulstigen Virtual-Reality-Brille, jeder Kilometer wissenschaftlich abgesichert, jeder Flügelschlag authentisch. Nur die Farbe, dieser fast sepiahafte Schieferton, entspricht nicht der Natur, sondern ist reine Ästhetik, ein Hinweis auf den Kohlenstoff, der alles Lebendige verbindet. "Myriad", ein Virtual-Reality-Film, der es aus einem Berliner Hinterhof bis zum Filmfestival in Venedig geschafft hat, ist Kunst und Empirie, Arthouse-Comic und visualisierte Wissenschaft. Vor allem: eine Reise in bester Gesellschaft.

Etwa eine halbe Stunde dauert "Myriad" nur, aber in dieser Zeit lernt der Zuschauer jede Menge über die Wanderungsbewegungen des Waldrapps, der grünen Meeresschildkröte und einer Polarfüchsin. Letztere hat sich aus Not oder aus einer Laune heraus, genau weiß man das nicht, plötzlich aufgemacht, um von Spitzbergen durch Grönland nach Kanada zu wandern, 3500 Kilometer, 76 Tage, ganz allein.

3500 Kilometer legt die Polarfüchsin allein zurück, 76 Tage lang

Es sind ungeheure Leistungen, Navigationswunder, die sich täglich, stündlich, überall auf der Welt vollziehen, und die "Myriad" sichtbar machen will. Wer wusste schon, dass die Grüne Meeresschildkröte sich an der Strömung, an Magnetfeldern, sogar am Geruch des Wassers orientiert?

Welchem der drei Protagonisten man als erstes folgen möchte, kann sich der Zuschauer selbst aussuchen. Aber das ist nicht das Entscheidende. Am Anfang von "Myriad" stand die Tragödie der syrischen Waldrapp-Population. Sie war geschrumpft und geschrumpft, bis in der Ruinenmetropole Palmyra das letzte syrische Waldrapp-Weibchen brütete, Zenobia, benannt nach der sagenhaften Herrscherin Palmyras. Dann kam der IS nach Palmyra, und das war das Ende der Population. Vorerst. Inzwischen bemühen sich Wissenschaftler um die Wiederansiedlung der hochbedrohten Ibis-Art, sie trainieren die Vögel mit allerlei Fluggeräten. "Myriad" nimmt den Zuschauer mit auf die Reise, per Handsteuerung kommt man ihnen so nah, dass man glaubt, den geschwungenen Schnabel berühren zu können. Es ist ein Nils-Holgersson-Moment, der den Zuschauer packt und verzaubert, viel mehr als der wolkig raunende Text.

Gemessen am feingestrichelten Äußeren und der präzisen Motorik der Tiere bleibt die Umwelt abstrakt. Der Zuschauer kann hinter, neben, über, unter sich schauen, dann sieht er Eisschollen, die ähnlich kompakt und klobig gezeichnet sind wie Alpen-Gipfel oder Schneeflocken, die ähnlich stilisiert sind wie Mülltüten im Meer.

"Wir wollten die Welt nicht eins zu eins nachbauen, denn selbst der perfekte VR-Dschungel ist langweilig gegenüber dem echten Dschungel", sagt die Autorin Lena Thiele im Studio der Produktionsgesellschaft Interactive Media Foundation in Kreuzberg. Außerdem kann der visuelle Hyperrealismus sogar entfremdend wirken. "Uncanny valley" wird dieser Effekt genannt, "unheimliches Tal", wenn beispielsweise Roboter, die dem Menschen zu ähnlich sehen, Unbehagen auslösen.

Myriad VR FIlm

"Wir wollten die Welt nicht eins zu eins nachbauen", sagt die "Myriad"-Autorin Lena Thiele.

(Foto: Interactive Media Foundation)

Zusammen mit anderen VR-Filmen vom Festival in Venedig kann man "Myriad" auch in Deutschland sehen, im Berlin-Satelliten am Kreuzberger Moritzplatz. Weitere "Myriad"-Projekte sind auf dem Weg, ein Dokumentarfilm beispielsweise oder eine immersive Installation. Das Thema ist ein epochales, und der Mensch nimmt darin nur eine Nebenrolle ein, auch wenn sich das noch nicht überall herumgesprochen hat.

Lena Thiele jedenfalls sieht "Myriad" auch im "posthumanistischen" Kontext. Die Anpassungsfähigkeit von Tieren an veränderte Lebensbedingungen sei enorm, sagt sie, aber der menschliche Einfluss, die gewaltigen Kräfte im Anthropozän, verändern Lebensräume in rasender Geschwindigkeit. Warum Tiere aufbrechen und wohin sie ziehen, das sind deshalb nicht nur Fragen für Verhaltensforscher, sondern Symptom für Veränderungen, die den ganzen Planeten und damit eben wieder auch den Menschen angehen. "Jedes Ökosystem ist mit einem anderen Ökosystem verbunden, jede Veränderung im einen System zieht eine Veränderung im anderen nach sich", sagt Thiele: "Alles ist vernetzt, verbunden." Der Mensch ist ein Teil des Ganzen, wenn man so will, ein Reisegefährte. Und so sollte er sich auch benehmen.

© SZ/dbs
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