Mykki Blanco im Porträt "Ich möchte eine Lesbe als Präsidentin"

Die Künstlerin Mykki Blanco, geboren als Michael Quattlebaum Jr. in Kalifornien.

(Foto: Jack Mannix)

Der Erfolg der Transgender-Rapperin Mykki Blanco zeigt, wie offen und liberal Hip-Hop heute ist. Das geschieht auch aus finanziellen Gründen.

Von Juliane Liebert

Inmitten der Grabenkämpfe der Sexualitäten, die uns das 21. Jahrhundert beschert hat, steht Mykki Blanco an vorderster Front. Ein schwarzer, homosexueller, HIV-positiver Rapper, der sich als Frau identifiziert. Also eigentlich eine Rapperin, die im Alltag ein Mann ist. Also ein Musikschaffender, Geschlecht egal, Hautfarbe egal, sexuelle Ausrichtung egal, Gesundheitsstatus egal.

So sollte es zumindest sein, aber da es natürlich nicht so ist - noch nicht, noch lange nicht - konstituiert sich Mykki Blancos Image aus eben diesen Labels. Darum ist Mykki Blanco mehr als nur Musikschaffende. Sie ist eine Aktivistin und ein Symbol. Wie Marilyn Monroe, wie Bob Dylan, aber natürlich schon in der Anlage viel problematischer: Im Rap ist "schwul" nach wie vor ein Schimpfwort. Folglich ist allein der Fakt, dass Mykki Blanco Musik macht, politisch. Das ist eigentlich eine überflüssige Aussage: Gute Kunst ist immer politisch in dem Sinne, dass sie jede geschlossene Ideologie unterwandert. Schlechte Kunst ist schlecht.

Zur Hölle mit allen, die denken, man dürfe nur das eine oder das andere

"Ich möchte eine Lesbe als Präsidenten, ich möchte eine Person mit Aids als Präsidenten, ich möchte eine Schwuchtel als Vize-Präsidenten", rezitierte Blanco kurz vor der US-Wahl ein Gedicht von Zoe Leonard von 1992, das dieser Tage prophetisch wirkt. Denn in ihm steht auch: "Ich möchte einen Kandidaten, der nicht das geringere zweier Übel ist." Und: "Ich möchte wissen, warum das nicht möglich ist. Warum wir irgendwann gelernt haben, dass ein Präsident immer ein Clown sein wird: Immer ein Freier und nie eine Prostituierte. Immer ein Boss und nie ein Arbeiter, immer ein Lügner, immer ein Dieb ist und nie erwischt wird."

Es lohnt, Blancos Vortrag anzusehen. Geboren als Michael Quattlebaum Jr. in Orange County, Kalifornien, hat Blanco 2012 ihre erste EP veröffentlicht, dieses Jahr im September ihr erstes Album, "Mykki". "Mykki" überschreitet alle Grenzen, von Hip-Hop über Hardcore und Punk zu Pop, die Botschaft dahinter: Zur Hölle mit allen, die denken, man dürfe nur das eine oder das andere hören. Blanco ist neben Dev Hynes alias Blood Orange einer der Künstler mit dem aktuell breitesten Musikspektrum. Sie kollaboriert mit Musikern, lange bevor sie im Rampenlicht stehen. Zum Beispiel mit Princess Nokia, die jetzt gehypt wird, aber mit der Mykki Blanco schon 2014 aufgenommen hat. Zudem ist Mykki Blanco eine der besten Performerinnen, die es im Jahr 2016 weltweit gibt.

Das ist eines der zwei Dinge, die man auf einem Mykki-Blanco-Konzert lernen kann: Dass viele homosexuelle Performer alles, was die heterosexuellen Nuffen unter "Show" verstehen, meilenweit hinter sich lassen. Und dass Blanco noch einen draufsetzt. Sie nutzt den Mikrofonständer als Ninjaschwert, kuschelt mit einer Säule, ist plötzlich am anderen Ende des Raumes, auf einem Lautsprecher, mitten im Publikum, das auf einmal auf der Bühne ist und zu Mykki Blanco herunterjubelt.