Musikwettbewerb In die Moderne geholt

Der polnische Saxofonist Maciej Obara eröffnet den BMW Welt Jazz Award in diesem Jahr.

(Foto: U. Tarasiewicz/ECM Record)

Beim BMW Welt Jazz Award steht heuer das Saxofon im Mittelpunkt

Von Ralf Dombrowski

Kornett spielte man, Klarinette und Posaune, oft auch Banjo für den rhythmischen Zusammenhalt. Saxofon hingegen war eher selten. Sidney Bechet griff gelegentlich zum Sopran. Ansonsten brauchte es erst Persönlichkeiten wie Coleman Hawkins, die dafür sorgten, dass Saxofonisten sich aus dem Satz herauswagten. Dann allerdings ging es für das laute und prägnante Instrument zügig voran, mit den Genietypen des Bebop, des Hardbop, der Avantgarde. Saxofon wurde zum Topos des Jazz, so wie die E-Gitarre für die Rockmusik.

So ist es eigentlich verwunderlich, dass sich der thematisch orientierte "BMW Welt Jazz Award" erst in seiner elften Ausgabe ausdrücklich dem Paradeinstrument des Genres widmet. Auf der anderen Seite dokumentiert die Künstlerauswahl der Jury auch die Vorbehalte, die dem Saxofon aus der Sicht der Gegenwart entgegengebracht werden. So strahlend es sich auf der einen Seite historisch darstellt, so prägend waren auch die Personalstilistiken der Überväter. Sie sorgten dafür, dass am Ende viele Epigonen Mühe hatten, sich von der Klangaura der Vorbilder zu lösen, ein Prozess, der sich nun während der vergangenen zwei Jahrzehnte veränderte und dessen Resultat man den Wettbewerbsteilnehmern anhört. Keiner der Beteiligten klingt nach dem alten, lange akustisch dominanten Amerika. Selbst Rudresh Mahanthappa, der als einziger Saxofonist der Runde dauerhaft zur New Yorker Szene gezählt werden kann und mit seinem Quintett das letzte Konzert der Sonntagsmatineen am 24. März bestreitet, sucht seine Wurzeln eher in der Verbindung mit indischen Klangelementen, als in der Tradition der Ahnen.

Sein polnischer Kollege Maciej Obara, der am Sonntag mit Quartett die "Saxophone Worlds" eröffnet, hat seine Ursprünge in der Mixtur aus Kammerjazz und Avantgarde mit einem Rest von Clubgefühl, modernistisch aufgefrischt mit harmonisch weiter Fächerung des eigenen, originalen Repertoires. Die Französin Céline Bonacina (3. Februar) wiederum hat sich lange Jahre von der Musik ihrer zwischenzeitlichen Wahlheimat La Réunion beeinflussen lassen. Zwar greift sie gelegentlich auch zu Alt und Sopran, bevorzugt aber das wuchtige Baritonsaxofon als ihre Stimme. Géraldine Laurent (17. Februar) fand während der vergangenen zwei Jahrzehnte ihren Weg aus den Nouvelle-Aquitaine in die französische Jazzszene, verneigte sich auf ihre Art traditionsbezogen vor vergessenen Größen wie dem einst in Paris wirkenden Bandleader Gigi Gryce und hat die Vergangenheit des Instruments auf kraftvolle, modernistische Weise hinter sich gelassen. Ihr Landsmann Matthieu Bordenave (24. Februar) ging seinen Weg über die Konservatorien von Annecy und Paris, landete daraufhin mehrere Jahre in München und entwickelte sich zu einem nachdenklichen Ästheten des Tenorsaxofons mit Vorliebe für die Feinheit der Tonentwicklung und die Binnengestaltung der Musik. Die Estin Maria Faust (10. März) schließlich ist eine Erzählerin, interessiert an den Geschichten, die sie im Sextett in den Kontrasten und Wechselwirkungen der Stimmungen, Persönlichkeiten und konkurrierenden Klänge entwickeln kann.

Damit bieten die Matineen sechs sehr unterschiedliche Vorschläge zum Thema Aktualität des Saxofons, deren überzeugendste Varianten dann beim Finale am 4. Mai nicht mehr, wie bei den Wettbewerbskonzerten im Doppelkegel, sondern im Auditorium der BMW Welt um den diesjährigen Award antreten werden. Klar ist aber schon jetzt, dass man wenig hören wird, was mit dem angegrauten Mythos des Kellerjazz übereinstimmt.