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Musikvideos im Netz:Schöne dunkle Phantasie

Eine Milliarde Zugriffe bekommen die Videos von Lady Gaga im Internet. Wenn nicht alles täuscht, ist genau jetzt der beste Zeitpunkt, um den Tod des Musikvideos für tot zu erklären.

Keinem Medium gegenüber dürften sich in den vergangenen Jahren seine Kritiker so siegreich gefühlt haben wie gegenüber dem Musikvideo. Tatsächlich war es zur Mitte des vergangenen Jahrzehnts weitgehend aus den Programmen der Musikfernsehsender und insbesondere aus dem des einmal so sagenhaft erfolgreichen Pioniers MTV verschwunden. Mit Musik hat Musikfernsehen seitdem nur noch am frühen Morgen und am späteren Abend etwas zu tun. Wenn überhaupt. In der übrigen Zeit werden vor allem Reality- und Game-Shows mit jugendlicher Aura gesendet.

Lady Gaga

Das Internet hat dem Musikvideo ein Millionenpublikum erschlossen: Jonas Åkerlunds inszenierte eine aufwendige, bizarr-grelle viertelstündige Pulp-Fiction-Rachefantasie zu Lady Gagas Hit "Telephone".

(Foto: AP)

Die immer mit gigantischem Aufwand und Armeen von Pop-Superstars inszenierten jährlichen Preis-Shows wie die "MTV Video Musiv Awards" oder die "European Music Awards" zeigten bald vor allem, was im Programm alles nicht mehr zu sehen war. Und irgendwann hatte den Sender auch noch der letzte Star in einer Laudatio auf offener Bühne vergeblich aufgefordert, seinem Namen wieder gerecht zu werden. Immerhin erfuhr man immer, wie viele hundert Millionen oder Milliarden Menschen wieder dabei gewesen waren. Also wenigstens potentiell. Seit seinem amerikanischen Sendestart 1981 hatte sich MTV schließlich in die frei empfangbaren Kabelnetze der ganzen Welt verbreitet.

Das Jahr 2010 jedoch wird das Jahr sein, in dem diese Zahlen zum letzten Mal verbreitet wurden. Vom 1. Januar 2011 an wird der zum Viacom-Konzern gehörende Popsender verschlüsselt, also nur noch kostenpflichtig empfangbar sein. Den ganz schlauen Gegnern dürfte das nur recht sein. Sie witterten hinter der Sache ohnehin immer bloß gemeine Profitgier, selbst als das Musikvideo seine verdiente Aufnahme als legitime Kunstgattung im Kanon der Popkultur schön längst hinter sich hatte.

Noch Ende der neunziger Jahre hieß es in einem großen Reclam-Popreader spitzfingrig: "Und die Bilderwelt der Videomacher ist eine kleine. Sie reicht im allgemeinen von schönen kaukasischen Frauen bis zu schönen orientalischen Frauen. Als Dekoration: schwere Motorräder, rassige Cabriolets, schwarzes Leder und rote Miniröcke. Auch Maschinengewehre kommen gut. Oder Blumen. Wenn sie wenig Geld haben: viel Rauch, dann sieht man nichts so viel. Und Special effects aus der Computertrickkiste. (...) und vor allem: Keine Pausen. Keine Einstellung länger als drei Sekunden. Einundzwanzig, zweiundzwanzig, dreiundzwanzig. Schnelle Schnitte. (...) Videos sind kein Spaß, sondern Geschäft."

Alle, die ein Bewusstsein für das hatten, was ihnen fehlte, trauerten still den Zeiten nach, als Regisseure wie Spike Jonze oder Michel Gondry mit experimentellen Videos für die Beastie Boys, Björk oder Daft Punk so berühmt werden konnten, wie sie es heute sind. Und Mark Romanek für das Video zu Michael und Janet Jacksons "Scream" sieben Millionen Dollar ausgeben konnte. Aber warum eigentlich trauern?

Eine schwer verunsicherte Vogelfrau und die Umweltzerstörung

Wenn nicht alles täuscht, ist genau jetzt der beste Zeitpunkt, um den Tod des Musikvideos für tot zu erklären. Man sehe sich bei Vimeo, MyVideo oder YouTube nur Spike Jonze vor wenigen Tagen erschienenes episches Video zur Arcade-Fire-Single "The Suburbs" an. Der Clip beobachtet eine Gruppe Jugendlicher in einer Vorstadt im mittleren Westen Amerikas dabei, wie sie ihre Zeit totschlagen mit ziellosen Fahrten auf BMX-Rädern und Luftgewehrschießereien. Die Bilder erinnert an Harmony Korines beklemmend trostlosen White-Trash-Vorstadt-Film "Gummo". Allerdings nur so lange, wie die Idylle unberührt bleibt. In Spike Jonzes Variation des Themas werden die Freunde irgendwann Zeugen, wie Milizen mit großen Lastwagen vor Nachbarhäusern halten und die Bewohner verschleppen.

Und der interessanteste und ambitionierteste Popstar der Gegenwart Kanye West lieferte gerade den ebenso irritierend schlichten wie visuell ambitionierten 35-minütigen Musikfilm "Runaway" zu seinem seit einer Woche erhältlichen neuen Album "My Beautiful Dark Twisted Fantasy". Er geht darin um eine wunderschöne, schwer verunsicherte Vogelfrau und die Umweltzerstörung. Jonas Åkerlunds inszenierte eine aufwendige, bizarr-grelle viertelstündige Pulp-Fiction-Rachefantasie zu Lady Gagas Hit "Telephone". Romain Gavras drehte einen extrem ästhetisierten Gewaltexzess zu M.I.A.s brachialen Lärmangriff "Born Free", der von YouTube Ende April sogar gesperrt wurde. Und Chris Milk mit dem Video zu Arcade Fires "The Wilderness Downtown" das anrührendste und nostalgischste Musikvideo, das je gedreht wurde und nie übertroffen werden wird. Die Idee nämlich muss man als erster gehabt haben: Der Zuschauer gibt am Anfang die Adresse des Hauses ein, in dem er aufgewachsen ist. Via Google Earth und Google Street View sieht so jeder ein Video, in dem sein Elternhaus und somit seine eigene Vergangenheit im Mittelpunkt steht

Mit Tape.tv gibt es in Deutschland sogar wieder richtiges Musikfernsehen im Internet. Also: Keine Pausen. Keine Einstellung länger als drei Sekunden. Einundzwanzig, zweiundzwanzig, dreiundzwanzig. Schnelle Schnitte. 24 Stunden täglich und immer nur von einzelnen kurzen Werbespots unterbrochen. Anders als früher gibt es sogar einen Skip-Button. Man muss also kein Video sehen, das man nicht wirklich sehen will.

Und wenn man es ganz genau nimmt, dann hat das Internet und die Verbreitung von Breitband-Netzanschlüssen das Musikvideo nicht nur gerettet, sondern ihm auch ein größeres Publikum verschafft, als es je hatte. Und zwar nicht nur potentiell. Ein Blick in die Statistiken des amerikanischen Onlinevideo-Marktforschungsunternehmens Visible Measures verblüfft: sechs der bislang meistgesehenen Clips im gesamten Netz, also nicht nur bei YouTube, sind Musikvideos. Noch vor dem Trailer des Vampir-Blockbuster-Films "Twilight Saga: New Moon" steht mit Soulja Boys Video zu "Crank Dat" ein Musikvideo auf dem ersten Platz. Es wurde bis Ende des vergangenen Märzes exakt 722 438 268 Mal angesehen. Auf dem dritten Platz steht Beyoncés Video zu "Single Ladies" mit 522 039 429 Views. Auf Platz vier folgt Michael Jacksons "Thriller" mit 443 535 722 Views. Lady Gaga kommt mit ihren Videos zu "Poker Face" (6. Platz), Bad Romance (7. Platz) und "Just Dance" (17. Platz) sogar auf über eine Milliarde Views.

Dass fast alle der wichtigen neuen Musikfilme einerseits Jugend und Vergangenheit verklären und andererseits mit äußerster Brutalität Ohnmachtserfahrungen inszenieren, lässt nebenbei einen tiefen Blick in den Zeitgeist zu. Es geht nicht um die reine Nostalgie. Es geht darum, die Vergangenheit mit einer Bedeutung aufzuladen, die die Zukunft weniger sinnlos erscheinen lässt, als sie in Wahrheit sein dürfte.