Musiktheater:Jeder hat seine Agenda

Lesezeit: 1 min

Caitlin van der Maas' funkelndes Stück "Der stille Dirigent"

Von Egbert Tholl

Vielleicht wäre der ungarische Volksaufstand für freie Wahlen und gegen die sowjetische Besatzungsmacht anders ausgegangen, hätte die Welt zur selben Zeit nicht ein anderes Geschehen mehr interessiert. Bei diesem ging es um Öl und viel Geld: Der ägyptische Staatspräsident Nasser verstaatlichte den Suez-Kanal, was israelische, britische und französische Truppen auf den Plan brachte, wogegen sich wiederum die USA und die UdSSR gemeinsam wandten. Währenddessen töteten die Sowjettruppen in Ungarn 2500 Menschen, die Freiheit wollten.

Die Koinzidenz der beiden historischen Ereignisse war für Caitlin van der Maas der Ausgangspunkt zu viel weiter gehenden Überlegungen. Etwa die nach der Festlegung einer Agenda, politisch, privat, medial. "Der stille Dirigent" funkelt dann auch in alle Richtungen; in zwei Stunden kriegt man auf brillante Art 1000 Informationen untergejubelt. Doch schließlich ist das ein Musiktheaterabend, eine ungeheuer unterhaltsame Performance, und das geht so: Geflüchtete ungarische Musiker gründeten in Baden bei Wien das Philharmonia Orchestra, das sie später nach Marl in Nordrhein-Westfalen verlegten. Nun warten die Musiker, in Gestalt von Miriam Haltmeier, Sofieke de Kater und dem brummigen Trommler Friso van Wijck auf den Dirigenten Antal Doráti, um Bartóks "Konzert für Orchester" aufzuführen. Historisch gab es die Aufführung, hier im Köşk gibt es sie nicht, und doch bildet das Musikstück die Hintergrundstruktur des Abends.

Wie nehmen die Medien Suez und Budapest wahr, was denken sich die Musiker? Die eine zaudert und will zurück in die Heimat, die andere will Zukunft. Sofieke de Kater ist ein performatives Ereignis, singt, rappt, tanzt, ist stets auf den Punkt genau, bei allen Wechseln ihres Erzähl-, Gesangs- oder Körperduktus'. Sie ist neben Haltmeier das grandiose Ausdrucksmedium eines sehr klugen Abends, der so punktgenau wie spielerisch die Rolle eines per se diktatorischen Dirigenten genauso diskutiert wie die Vereinnahmung der amorphen Musikantentruppe als "proamerikanisches Kalte-Krieg-Stinkefingerorchester". Radio Free Europe mischt sich ein, Ungarn öffnet 1990 die Grenzen und produziert nun unter bizarren Arbeitsbedingungen für BMW. Geld lässt vieles, auch Victor Orbán, leuchten, dagegen hilft ein Propaganda-Punksong - bis 2. Februar im Köşk, unbedingt hingehen!

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