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Musiktheater:Historische Niederlage, künstlerischer Triumph

Bayerische Staatsoper

Der gefeierte dänische Bariton Bo Skovhus, ganz unten, als verzweifelter Kaiser Karl V.

(Foto: Wilfried Hösl/Bayerische Staatsoper)

Diese Aufführung muss man gesehen haben, um zu wissen, wie überwältigend und beglückend Oper sein kann: "Karl V." von Ernst Krenek in München.

Von Reinhard J. Brembeck

Bo Skovhus ist ein athletischer Mann, ein glatzköpfiger Hüne, von einem abweisenden, herben Stolz. Das macht ihn zum idealen Sänger für einsame Herrschergestalten. Für Männer, die es gewohnt sind, Schicksalsfragen zu entscheiden, Männer, die niemanden haben, der ihre Entschlüsse mittragen oder gar verstehen könnte, Männer, die deshalb immer weiter in ihren Zweifeln und Skrupeln und Ängsten versinken - aber immer noch stark genug sind, jedes Selbstmitleid und jede Weinerlichkeit von sich zu weisen. Deshalb ist Bo Skovhus der Richtige für Aribert Reimanns König Lear, für den Titus, den er gerade in der Pariser Uraufführung von Michael Jarrells "Berenice" gesungen hat. Und jetzt für Kaiser Karl V.

Die gleichnamige Oper textete und komponierte zu Beginn der 1930er-Jahre der in Wien geborene und dann vor den Nationalsozialisten in die USA geflohene Ernst Krenek (1900-1991). Sie erzählt in einer letzten Beichte das Leben Karls, der in seiner Mischung aus Größenwahnsinn und katholischem Totalitarismus damit gescheitert ist, die Welt des 16. Jahrhunderts noch einmal in einer religiösen Diktatur zu einen. Wie viele Opern Kreneks - für "Der Diktator" nahm er Benito Mussolini als Vorbild - ist auch "Karl V." eine politische Oper. Obwohl aber weder Ernst Kreneks Text noch die Inszenierung von Carlus Padrissa an der Bayerischen Staatsoper das überdeutlich betonen, hört man in den Chören der deutschen Landsknechte durchaus die Nazis grölen und den Anschluss Österreichs vorbereiten, denkt man bei Karls Plänen an den "Islamischen Staat" und glaubt die Zeile "Wir wollen Deutsche sein, nicht Weltbürger!" den Parolen heutiger Rechtsnationalisten nachempfunden.

Es geht um die Revolution der Neuzeit - und den Wahnsinn, die Welt beherrschen zu wollen

Zwischen einem erst hochfahrenden, zuletzt zerknirscht kleinlauten Martin Luther, dem Michael Kraus beide Ausdruckswelten eindringlich erschließt, dem von Wolfgang Ablinger-Sperrhacke fein auf Hedonismus und Machiavellismus getrimmten Franzosenkönig Franz I., dem von Scott MacAllister herzlos gesungenen Hetzerjesuiten Francisco sowie dem aufsässigen Volk und den meuternden Landsknechten wird der anfangs so mächtig stolze Karl des Bo Skovhus immer kleiner, hinfälliger, unsicherer, fragiler. Die katalanische Künstlerin Lita Cabellut, die Bühne und Kostüme gestaltete, hat ihn vorwiegend in weiß verpackt: Leggins, geschminktes Gesicht, vier mit gelben Bändern hahnenkammartig hochgebundene Haarbüschel und ein Leichenhemd, auf dem ein Zifferblatt im Strudel der Zeit versinkt und Karl unerbittlich mit sich reißt.

"Warum gab Gott mir solchen Auftrag," fragt er verzweifelt, "und nicht die Kraft, ihn zu vollenden?" Indem Bo Skovhus immer klarer den Wahnsinn dieses Weltbeherrscherauftrags erkennt, konturiert er die Zweifel und den Lebensüberdruss seines Karls immer klarer, immer existenzieller. Zuletzt ist da nur noch ein gebrochener Mensch, der nie so richtig im Leben stand, dem die Lebenslust Franz' I. genauso fremd blieb wie der Revoluzzergeist Luthers, und der sich der beginnenden Neuzeit mit ihrem zynisch pragmatischen Denken und Handeln verweigerte.

Skovhus zeichnet intensiv und genau einen integren Menschen beim Sturz in den finalen Abgrund, einen Verblendeten, der sich und der Menschheit Unmögliches zumutete. Nur seine von Gun-Brit Barkmin eindringlich schlicht gesungene Schwester; seine früh gestorbene Frau - Anne Schwanewilms gibt ihr zärtliche Leichtigkeit; und sein junger, durch die Hofintrigen noch unverdorbener und frei fühlender Beichtvater - Janus Torp trifft das genau - halten zu ihm. Aber diese drei stehen nicht auf der Seite der Macht, sie sind ihr Spielball. Das grandiose Sterbefinale betrauert Karls Scheitern wie seine Verblendungen, und der bejubelte Bo Skovhus schenkt dem Münchner Publikum eines der ganz großen Theatererlebnisse.

Ernst Kreneks extrem textlastiges Libretto ist eine vertonte Geschichtsstunde. Aber durch die geschickte Aufspaltung in Sprech- und Gesangspassagen, durch eine schnelle Folge kurzer Szenen (die Partitur verlangt 22 Vokalsolisten - deshalb wird das Stück nur selten gespielt) und durch eine klare Sprache ergibt sich eine leicht verständliche und zudem immer stärker verdichtende Vorlage. Dazu schreibt Krenek, dessen Jazzoper "Jonny spielt auf" sein größter Erfolg war (die Nazis hassten das Stück), eine herbe Musik voll grandioser Klänge, die sich ohne Sentimentalitäten immer tiefer in die Verzweiflungen Karls bohrt: nie geschwätzig, immer präzise, nie vorlaut. Dirigent Erik Nielsen und das Staatsorchester präsentieren sie mit entwaffnender Natürlichkeit, wobei sie stets zügig zu Werke gehen, nie die Sänger bedrängen, sich aber auch nie von ihnen ins Abseits drängen lassen. Da herrscht eine wundervolle Balance zwischen Orchester und Sängern. Auch das wird stürmisch bejubelt. Zudem scheint jeder im Nationaltheater darüber froh zu sein, dass das an "Karl V." klebende Schreckenswort "Zwölftonoper" sich als harmloser Popanz entpuppt.

Ein gebrochener Monomane, Massenszenen wie bei Pegida - was für ein Spektakel!

Regisseur Carlus Padrissa, der 1979 die Straßentheater- und Spektakeltruppe "La Fura dels Baus" (Das Frettchen des Baches Els Baus, der als Mülldeponie diente) mitbegründete, setzt gegen die intimen, verzweifelten Momente des Kaisers ein großes Actiontheater mit einer in den verschiedensten Formationen vom Schnürboden herab- oder hinaufschwebenden Akrobatentruppe, die einmal sogar quer durchs Parkett krabbelt: Frettcheninvasion!

La Fura des Baus macht seit 1996 Oper, die Truppe kommt immer dann zum Zuge, wenn die Vorlagen große Wirkungen und Massenszenen verlangen. Für subtile Personenführungen sind die Baus-Leute nicht bekannt. In "Karl V." aber gelingt eine beglückende Synthese, weil Bo Skovhus das Wahnsinnsego des Monomanenkaisers zeigt und Carlus Padrissa die irrsinnige Außenwelt. Das Tierkreiszeichen mit den darin herumturnenden Akrobaten schwebt am Bühnenhimmel, Franz I. hockt in einer überdimensionalen Totenurne, die von Salvador Dalí stammen könnte, die deutschen Landsknechte marschieren wie zu einer Pegidademonstration auf, Gefangene werden in engen Käfigen hereingefahren, die ganze Bühne ist ein Planschbecken, in riesigen Spiegelwänden brechen sich alle Gewissheiten, und der Jesuit trägt einen Totenschädel auf seinem Gewand. Diese Aufführung muss man gesehen haben, um zu wissen, wie überwältigend und heutig und beglückend Oper sein kann.

Am kommenden Samstag ab 19 Uhr wird die Aufführung auf www.staatsoper.tv kostenlos gezeigt.

© SZ vom 12.02.2019

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