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Klassik: Musiktage in Hitzacker:Musik auf freier Wildbahn

Was für ein Spaß, wenn junge Könner sich Open Air ins Zeug legen! Den Sommerlichen Musiktagen in Hitzacker gelingt eine berückende Feier ihres 75. Jubiläums trotz Corona-bedingter Einschränkungen. Ein Beispiel, das Schule machen könnte.

Von Harald Eggebrecht

Vorspiel. Kein Streaming aus privaten Wohnzimmern, keine Aufnahmen aus Studios. Stattdessen gibt es vielfältige und dichte Klangeindrücke im Hier und Jetzt eines Raumes, in dem Musiker Kompositionen spielen und Zuhörer das unmittelbar miterleben: Endlich!

Wie Isabelle Faust sich in die vertrackte Poesie Bachscher Violinpolyphonie versenkt; wie Valeri Afanassiev aus dem Bösendorfer Flügel majestätischen Klavierklang bei Schubert und Chopin herausholt; wie das Signum- Quartett das Publikum unwiderstehlich rockt mit Musik von Led Zeppelin und Radio Head; wie der Musikweise Eberhard Feltz mit dem Kuss Quartett die Knappheiten der Musik György Kurtags erkundet; wie sich die Open-air-Konzerte im Kurpark mit Vogelsang, Grillenzirpen und Hundegebell wundersam mischen; wie junge aufstrebende Musiker und erfahrene Stars lustvoll die Live-Auftritte genießen und das Publikum begeistert mitgeht.

Mozart erscheint so natürlich, dass man ihn sich nicht im geschlossenen Raum vorstellen mag

Voraussetzungen. Das alles und noch viel mehr bot Deutschlands ältestes Kammermusikfestival, es wurde 1946 gegründet in Hitzacker im niedersächsischen Wendland, direkt an der Elbe. So wie die Verantwortlichen der Salzburger Festspiele ihre Ausgabe zum 100. Festspielgeburtstag nicht absagen wollten wegen Corona und ein anspruchsvolles Programm bisher erfolgreich durchziehen mit einem ausgearbeiteten Hygienekonzept für Mitwirkende und Besucher, so hat sich auch Hitzacker-Intendant Oliver Wille gegen vielfältige Widerstände erfolgreich durchgesetzt mit seinem Kammermusikfestival. Zum Eröffnungskonzert war dann auch Ministerpräsident Stephan Weil anwesend.

Für das 75er-Jubiläum gab es einen vernünftigen Plan, um das Corona-Infektionsrisiko so weit wie möglich zu minimieren. So wurde der sonst 650 Besucher fassende Saal im Verdo-Kulturzentrum neu geordnet. Die Bühne platzierten die Organisatoren in der Mitte des etwa so breiten wie langen Raumes. Dann stellte man in mehreren Kreisen Zweier-Stühle um die Bühne herum auf, "fast wie eine parlamentarische Anordnung", so Wille im NDR. Damit konnten nun immerhin 150 Besucher Platz nehmen nach den Abstands- und Hygieneregeln und den entsprechenden niedersächsischen Verordnungen.

75. SOMMERLICHE MUSIKTAGE HITZACKER "75!"

Kein Streaming, keine verrauschte Tele-Inszenierung: Die 75. Musiktage in Hitzacker bieten live Künstler vor Publikum, etwa die Geigerin Ioana Cristina Goicea.

(Foto: Kay-Christian Heine)

Außerdem baute man eine neue Open-Air-Bühne im Kurpark auf, vor der etwa 350 Zuhörer Platz haben können. Darüberhinaus waren die meisten Musiker bereit, viele der Innenkonzerte zweimal zu geben. So konnten insgesamt dreihundert Personen ein Programm hören. Am Ende waren es 37 Veranstaltungen in neun Tagen, das entspricht in etwa der in Hitzacker auch sonst üblichen Summe von Konzerten und anderen Veranstaltungen.

Vor allem der Saalumbau hat sich gelohnt, denn nun bietet der Raum tatsächlich sehr gute akustische Verhältnisse, während es früher in alter Formation von der hochgesetzten Bühne ziemlich geheimnislos und eher gewöhnlich herunter tönte. Jetzt konnte sich der Klang ob von Ensembles oder Soloinstrumenten ausgesprochen klar und präsent entfalten. Und Spieler wie Zuhörer empfanden nicht nur die elementar besseren akustischen Bedingungen als Gewinn, sondern hatten auch immer das Gefühl, in einem wohl gefüllten Konzertraum zu sitzen.

Auf dem Campus. Trotz Corona lässt die ungezwungene Gesamtstimmung in Hitzacker an einen geradezu familiären Musikcampus denken mit offenen Proben und jederzeit möglichen Begegnungen zwischen Hörern und Musikern, wie es etwa auch in den allerdings viel länger dauernden und auch größeren amerikanischen Sommerfestivals in Aspen, Colorado, oder Tanglewood, Massachusetts, der Fall ist.

Was für ein Spaß, wenn junge Könner sich Open Air ins Zeug legen!

Da probt das Kuss Quartett (Jana Kuss, Oliver Wille, Violinen; William Coleman, Viola; Mikayel Hakhnazaryan, Violoncello) auf der Kurparkbühne, überlegt, ob man doch ein wenig Verstärkung braucht. Wer Lust hat, kann schon hinhören, wie Wolfgang Amadeus Mozarts "Jagdquartett" KV 458 oder Ludwig van Beethovens c-Moll Quartett aus op. 18 an der frischen Luft klingen. Im Nachmittagskonzert haben sich die vier doch zu ein bisschen elektronischer Nachhilfe entschlossen. Souverän und entspannt zugleich spielt das Quartett: Mozarts Stück erscheint in "freier Wildbahn" so natürlich und selbstverständlich, dass man es sich gar nicht im geschlossenen Raum vorstellen mag. Beethovens c-Moll-Quartett jedoch braucht bei aller Expressivität wohl eher den geschlossenen Raum, denn der schöne Sommertag löst die strenge Kompression der vier Stimmen gewissermaßen etwas auf. Das wild Introvertierte dieses Stücks will sich nicht so unbedingt zwingend einstellen zwischen Vogelstimmen, lauen Lüften und schönsten Nachmittagssonnenstrahlen.

75. SOMMERLICHE MUSIKTAGE HITZACKER "75!"

Der Cellojungstar Friedrich Thiele spielt mit dem eigenwilligen Altmeister Afanassiev den langsamen Satz aus Frederic Chopins Cellosonate so, dass Thiele später schmunzelt: „Ich habe ihn begleitet!“.

(Foto: Kay-Christian Heine)

Konzentrationen. Ganz anders geht es bei der vormittäglichen Hörerakademie im Verdosaal zu, als der große Kammermusiklehrer Eberhard Feltz mit dem Kuss-Quartett György Kurtágs "Officium breve in memoriam Andreae Szervánszky", op. 28 mit Leidenschaft durchnimmt und musikalisch assoziationsreich erläutert. Mit höchster Aufmerksamkeit stellt Feltz die Entwicklung durch die 15 Kurzsätze von der Quinteröffnung des Eingangslargos bis zum rasenden "Disperato" der Nummer 14 dar, der dann als Erlösungszitat und Schluss das wunderbar ruhig-klare Larghetto aus Endre Szervánskys Serenade folgt. Am Ende glückt den Kuss-Musiker das Stück im Ganzen als ein in aller inneren Heftigkeit zartes Requiem für den Freund Szervánsky.

Neue Musik gehört in Hitzacker seit der Gründung dazu. Beachtete man in früheren Jahren mehr Paul Hindemith, Boris Blacher oder Günter Bialas, folgten später Residenzen neuer Komponisten etwa von Wolfgang Rihm, Jörg Widmann oder der Siemenspreisträgerin Rebecca Saunders. Von ihr spielte William Youn ein gestenreich suggestives Klavierstück nach dem Schneewittchenmärchen: "Mirror, Mirror on the Wall" von 1994. Das passte gut zum Abend, an dem Youn, der glänzende Bratschist Nils Mönkemeyer und die brillante Klarinettistin Sabine Meyer nicht nur weitere Märchenmusik von Max Bruch und Robert Schumann romantisch "erzählten", sondern auch mit Mozarts heiter-melancholisches "Kegelstatt"-Trio KV 498 überzeugten und dem Beifallsbrausen mit einer vor witziger Einfallskraft explodierenden Skizze des achtjährigen Mozart dankten. Bei der zweiten Aufführung gelang Youn das Saunders-Porträt der bösen Stiefmutter noch deutlich tiefenschärfer.

75. SOMMERLICHE MUSIKTAGE HITZACKER "75!"

Die 75. SOMMERLICHEN MUSIKTAGE HITZACKER boten auch dem Nachwuchs eine Chance: Etwa Bomsori Kim an der Violine.

(Foto: Kay-Christian Heine)

Keine Wiederholung, immer neu. Welche Erfahrungschance, ein Programm im Abstand einer Stunde noch mal hören zu können. Erst recht, wenn es um komplexe Gebilde geht wie Johann Sebastian Bachs Violinsolosonaten, in denen er die Verwegenheit besaß, ausgerechnet das Melodieinstrument Geige auf polyphone Möglichkeiten auszutesten in ausgedehnten Fugen bis an die Grenzen des Möglichen. Immerhin ist die Fuge der C-Dur-Solosonate seine längste überhaupt, und das auf der Violine! Isabelle Faust zauberte diese Unerhörtheiten mit solcher unnachgiebigen Sorgfalt bis in jede Verästelung in den Raum hinein, dass man sich danach sehnte, solche Maßstab setzende Violinkunst gleich noch einmal erleben zu dürfen. Zwischen den Bach-Solosonaten zeigte sie mit souverän unaufwendiger Virtuosität bei ein paar Solostücken von György Kurtág, was für ein Meister des pointierten Charakterisierens der ungarische Komponist ist.

Beim zweiten Mal konnte Isabelle Faust ihr Bach-Spiel noch intensivieren: Reine Bewunderung. Genauso Staunen über den Auftritt des geheimnisvollen Valeri Afanassiev, der Schuberts Größe unmissverständlich mit Klangreichtum ebenso beschwört wie er Chopins Abgründigkeit in seinen Mazurken entdeckt.

Vier im roten Kreis. Streichquartette sind ein Muss, nicht nur, weil der Intendant selbst Violinist im Kuss-Quartett und Kammermusikprofessor in Hannover ist. Das Signum-Quartett (Florian Donderer, Annette Walther, Violinen; Xandi van Dijk, Viola; Thomas Schmitz, Violoncello) und das junge Adelphi-Quartett (Maxime Michaluk, Esther Augusti Matabosch, Violinen; Marko Milenković, Viola; Nepomuk Braun, Violoncello) boten in der Hörerakademie nicht nur den 1. Satz aus Joseph Haydns op. 20, 2 im Spielvergleich, sondern zeigten in zwei Konzerten die enorme Vielfalt der Quartettmusik von Haydn über Mendelssohns klassizistisches Sehnen und Janáčeks Eruptionen bis zu Erwin Schulhoffs fünf Stücken von 1924 und eben den feurigen Rockadaptionen. Die erfahrenen Signum-Leute spielen weicher konturiert, lieben die verschlungenen Pfade der Harmoniewechsel. Die Adelphi-Bande agiert schärfer, direkter und manchmal, etwa bei Mendelssohn, noch etwas einstudiert. Doch erhellend, wie unterschiedlich zwei Ensembles das gleiche Stück spielen, nur weil es je andere Individuen sind.

Ausklang. Was für ein Spaß, wenn junge Könner sich Open Air ins Zeug legen! Etwa auf zwei kurios klappernden Bassblockflöten (Elisabeth Wirth, Maximilian Volbers). Oder der Cellojungstar Friedrich Thiele spielt mit dem eigenwilligen Altmeister Afanassiev den langsamen Satz aus Frederic Chopins Cellosonate so, dass Thiele später schmunzelt: "Ich habe ihn begleitet!" Oder sie machen aus dem Abendkonzert eine den ganzen Raum inszenierende Performance mit Bach als Leitfigur. Ob neben den Blockflötisten und Thiele der Akkordeonist Julius Schepansky, der Pianist Mario Häring, die Geigerin Ioana Cristina Goicea oder der Klarinettist Žilvinas Brazauskas - alle mitsamt dem begierigen Publikum sind mit jener vitalen Lust bei der Sache, die spüren lässt, wie sehr die Auftritte hier als Befreiung empfunden werden von unverschuldeter Fesselung der musikalischen Energien.

© SZ vom 11.08.2020
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