bedeckt München 15°

Musikszene in New York:Verdichtungen und Lichtungen

Wenn der Sound New Yorks einen Equalizer hat, dann haben ihn Wallstreet-Typen eingestellt. Das ehrliche Klangbild findet sich nachts, wenn zum Beispiel die Band "Marriages" auftritt. Ob sie berühmt wird oder nicht: Sicher war ihr Prog-Rock-Konzert zumindest an diesem Abend die Rettung.

Peter Richter, New York

Draußen: Der Saturday Night Trash von New York. Das heißt, auf das hysterische Grundrauschen der Stadt kommt noch mal eine ganze Ladung Obertöne drauf, alles wird gleich noch ein bisschen schriller, heller und greller. Das heißt Stretchlimousinen im Leerlauf und Stretchkleider um Size-Zero-Sexbomben. Das heißt Türsteher, die die Samtkordel schwingen, als sei es ein Totschläger, und das heißt "Wake me up before you go-go" von Wham! in voller Lautstärke, aber mit null Bässen.

New York

New York bei Nacht - wo Band wie Marriages oder Russian Circles den Sound der Straße draußen nach innen krempeln.

(Foto: iStockphoto)

Wenn der Sound dieser Stadt einen Equalizer hat, dann haben den Wallstreet-Typen eingestellt, und zwar genauso so, wie die sich Aktienkurse wünschen und überhaupt die Welt gern hätten: links unten nichts, rechts oben alles. Es plärrt, es dengelt, es scheppert und es fiept. Rätselhaftes New York. Immer am Wochenende spielt es Provinz, die New York spielt - als Stadt, die nur nach Höhen giert und keine Tiefen kennen will.

Drinnen: Im Highline Ballroom stehen währenddessen ein paar junge Leute auf der Bühne, die man vermutlich dem Post-Rock zuordnen muss oder dem Prog-Rock, dem Math-Metal oder was auch immer, und krempeln diesen Sound nach innen. Das gelbe Flimmern von Taxis im Stau. Das Scheppern der Bodenbleche. Die glücksspielautomatenhaften Polizeisirenen. Das ganze "Oh-my-God"-Gequieke . . . Und dann blubbert von irgendwo her, wahrscheinlich durch die Gullydeckel, endlich ein Bass hervor und man legt sich da hinein wie Kurgäste ins Moorbad.

Marriages aus Los Angeles sind eine ganz neue Band, gebildet aus ehemaligen Mitgliedern der Red Sparrows, und spielen heute zum ersten Mal in New York. Wenn alles mit rechten Dingen zu geht, werden sie bald weltberühmt sein. Sicher sein kann man sich mit so was ja nie. Aber wenn die kaum volljährigen Engländer von The XX überall als die zeitgemäße Variante von The Cure gefeiert werden, dann sind die Marriages mindestens die Siouxsie and the Banshees von heute.

Auch Björk kann da mal die Ohren spitzen: Tintenblaues Meerjungenfrauengeheul auf einem Teppich von Klängen, Rhythmen und Rückkopplungen, der sich mit der Dauer der Stücke irgendwie musikkybernetisch immer dichter zusammenzuknüpfen scheint. Am Anfang ist alles noch ganz dünn und fein und flirrend, dann wird es elektronisch geloopt, auch der Gesang, verdoppelt sich dadurch und wird immer dicker und undurchdringbarer. Da möchte man fast von einer moralischen Komponente sprechen: Die Grundlagen für das Ausrasten am Ende werden hier noch selber geschaffen.

Das Bauprinzip gilt auch noch für die Sachen von Russian Circles, die nach ihrem letzten Album schon beinahe weltberühmt sind. "Empros" hieß das und wird vielleicht einmal zu den großen, in sich gerundeten Rock-Epen unserer Zeit gezählt werden, und von "Sachen" statt von "Songs" muss man insofern sprechen, als es da keine Songstrukturen gibt, keine Strophen, keine Refrains, noch nicht einmal einen Sänger, sondern nur Verdichtungen und Lichtungen.

Bands sollten ihre Sänger an der Tanke anleinen

Am Anfang klingen diese Stücke zum Beispiel oft so schwebend wie U2 vielleicht klingen könnten, wenn die endlich mal den Anstand hätten, den schauderhaften Herrn Vox zu Hause zu lassen. Am Ende brechen die Klangwände, die da aufgeschichtet werden, dann regelmäßig über einem zusammen, dass es kracht und donnert, und dann geht die Arbeit von vorne los. Bands sollten, wenn sie auf Tour gehen, vielleicht ganz generell häufiger ihre Sänger einfach an der Tankstelle anleinen und sich alleine eine gute Zeit machen, denn das schafft in der Musik Raum für andere schöne Dinge.

Bei Russian Circles wüsste man schon rein optisch gar nicht, wo ein Sänger noch Platz finden sollte. Die ganze Bühnenoptik ist anders. Gitarre und Bass stehen demütig im Schatten, alles Licht fällt nicht auf das Schlagzeug - es fällt aus dem Schlagzeug nach oben auf den Drummer, der entsprechend dramatisch aussieht: Wie ein Ertrinkender im Kampf mit einem Kraken. Oben beißt sich die Hi-Hat wie Pac-Man durch die Stücke. Darunter rasseln die Ketten ganzer Gefangenenchöre, und die Becken schaffen ein Scheppern als geräumigen Dauerton.

Kann es sein, dass das, was anderswo die Melodie genannt würde, hier aus den großen roten leuchtenden Kesseln kommt, in denen dieser Mann mit seinen Stäbchen herumrührt? Kann man danach ein Schlagzeug je wieder in die schnöde Rhythmusgruppe degradieren? Und wie soll man das nennen, was der Bass da von sich gibt? Schlagserien auf die kurzen Rippen vielleicht. Irgendwie sind es aber auch feuchte Flatulenzen. Es sind auf jeden Fall körperliche Zumutungen. Aber es ist das einzige, was hilft. Die Erlösung kommt immer aus der Tiefe. Sie kommt, wenn es härter wird, wenn das Tempo anzieht, und der Bass zum Kopfnicken in den Keller geht.

Die Band hat in einem Interview einmal gesagt, ihre Musik schwanke ganz einfach immer nur zwischen Hoffnung und Katastrophe und das stimmt auch, aber es ist anders herum als sie das meinten. Das helle Gezirpe ist die Folter. Im dunklen Bollern dagegen wohnt ein wildes, befreiendes Glück. Ganz zum Schluss, eine halbe Minute vor Ende des letzten infernalischen Finales platzt deswegen auch der Knoten und das Publikum springt verzückt auf einander ein. Aber dann ist es eben auch schon vorbei, und das ist auch Amerika: Dann geht das Licht an, und alle gehen sofort auseinander, als hätte man sie bei etwas Illegalem ertappt.

© SZ vom 21.08.2012/mika
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema