Musikpreis "Preis für Popkultur" will Anti-Echo werden

Jan Böhmermann äußert sich per Videobotschaft zu seinem Schmähgedicht - nicht.

(Foto: dpa)

Nach einem "maximal demokratischen" Auswahlprozess bekommt Jan Böhmermann den Preis für Popkultur. Funktioniert so die Abkehr vom Kommerz?

Von Barbara Vorsamer

Spätestens seit der Auszeichnung der latent rechten Band Frei.Wild steht der Echo massiv in der Kritik. Umstritten ist er schon länger. Schließlich richtet sich die Vergabe des Musikpreises, der sich nach eigener Wahrnehmung nahtlos in die Reihe großer internationaler Auszeichnungen wie Grammy oder Brit Award einreiht, vor allem nach dem Umsatz, den der jeweilige Künstler gemacht hat.

Der am Freitag zum ersten Mal verliehene "Preis für Popkultur" will eine Alternative sein. Hier gehe es um die kulturelle Bewertung der Musik, erklärt Stephan Velten im Interview mit Zeit Online, nicht wie bei anderen Musikpreisen um wirtschaftlichen Erfolg oder die Beliebtheit bei Fans. Der Preis für Popkultur sei der transparenteste und womöglich fairste Musikpreis in Deutschland, heißt es auf der Homepage, der Auswahlprozess sei "maximal demokratisch".

Am Ende dieser Fairness-Superlative stehen allerdings wenig überraschende Namen: Den Hauptpreis bekam Jan Böhmermann für sein "Schmähgedicht", weitere Trophäen gingen an Bosse, Casper, die Beginner und Deichkind. In einer Szene, die sich popkulturell immer auf dem Laufenden hält, aber niemals als Mainstream sein will, sind diese Namen, vielleicht nicht Mainstream, aber doch mindestens Konsens.

So laufen Nominierung und Auszeichnung ab:

Alle Mitglieder des Vereins für Popkultur, der den Preis vergibt, dürfen Vorschläge für die Nominierung machen. Allerdings wird nur aufgenommen, wer sich in professioneller Form um musikalische Popkultur in Deutschland bemüht. Im Ergebnis sind das etwa 350 Künstler, Fotografen, Grafiker und Journalisten. Dieselbe Gruppe ist berechtigt, über die Vorschläge online abzustimmen. Wer am meisten Stimmen erhält, bekommt den Preis. Der besteht anders als bei anderen Musikpreisen lediglich aus einer Trophäe, Geld und Sachpreise gibt es nicht.

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Es ist also eine übersichtliche Gruppe, die hier bestimmt: Eine intellektuelle Elite, die für sich beansprucht, definieren zu können, was kulturell wertvoll ist und was nicht. Vielleicht ist das sogar berechtigt, fest steht aber, dass in diesem Milieu Frei.Wild genauso wenig geht wie Helene Fischer. Dass man sich trotzdem sich davon leiten lässt, welchen Künstlern eine große Welle gelungen ist und welchen nicht, zeigt der Preis für Böhmermann.

Leider gibt es mangels Jury keine offiziellen Statements darüber, welche Gründe die Wahl hatte. Aber es hätte einen schon interessiert, was genau das Schmähgedicht künstlerisch so wertvoll macht. Oder ob der Erfolg doch auch damit zu erklären ist, dass Böhmermann im vergangenen Jahr auf allen Kanälen omnipräsent war. Der ZDF-Neo-Moderator war in einer Kategorie gleich dreimal nominiert. Gegen sein Schmähgedicht, #verafake und die Deutsche Rapgeschichte mit Dendemann konkurrierten Stefanie Sargnagel mit ihrem Text über die österreichische Band Wanda in der Süddeutschen Zeitung und eine Titelgeschichte der Intro zur Frage, ob die Popkultur in Deutschland nicht viel zu unpolitisch sei. Geschichten, die im Vergleich zu Böhmermann kaum jemand wahrgenommen hat.

Weitere Preisträger:

  • Hoffnungsvollster Newcomer: Drangsal
  • Lieblingsband: Moderat
  • Lieblings-Solokünstler: Bosse
  • Lieblings-Solokünstlerin: Peaches und Mine
  • Lieblingsalbum: Moderat - "III"
  • Lieblingslied: Casper feat. Blixa Bargeld, Dagobert, Sizzarr - "Lang Lebe Der Tod"
  • Lieblingsvideo: Beginner feat. Gzuz & Gentleman - "Ahnma"
  • Gelebte Popkultur: Golden Pudel Club (Hamburg)
  • Beeindruckendste Live-Show: Deichkind
  • Spannendste Idee / Kampagne: Plus 1 - Refugees Welcome

Der Verein für Popkultur meldet am Freitagabend selbstverständlich, dass die erste Verleihung ein voller Erfolg gewesen sei: 2000 Gäste hätten im Berliner Tempodrom mitreißende Liveshows von Casper, Isolation Berlin, Boy und Drangsal erlebt, heißt es in der Pressemitteilung. Man schmückt sich mit Gästen wie Blixa Bargeld, Daniel Miller und Joay Denalane.

Böhmermann war nicht anwesend, sondern sagte per Videobotschaft, dass er nichts sagen könne. "Weil ich gerade zwei juristische Verfahren am Laufen habe, kann ich mich nicht so einfach öffentlich äußern zu dem Thema, zu dem ich heute Abend ausgezeichnet wurde".

Das Fazit des Veranstalters ist: "Deutschland hat einen neuen Musikpreis. Doch ob der Preis für Popkultur tatsächlich das Zeug zum Anti-Echo hat, muss sich erst noch zeigen.

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