Musikpreis:Ein Mann sprengt seine Ketten

Die Überfigur

Der große Mann dieses Abends kommt in Ketten: Mit schweren Schritten und blauem Auge schleppt sich Kendrick Lamar zum Bühnenrand, legt die gefesselten Hände umständlich um den Mikrofonständer. In der Gefängniszelle neben ihm stöhnt das Saxophon und Kendrick stürzt sich in dystopische Tribal-Versionen von "The Blacker the Berry" und "Alright". Am Ende steht "Compton" in schwarzen Lettern im großen, weißen Umriss von Afrika. Ein hektischer, ein wütender, ein manischer, ein überwältigender Auftritt. Diese Songs sind zu komplex für Pop - und treffen doch genau in dessen Herz: Das ist die definitive Musik unserer Zeit. Nach dem viel diskutierten Auftritt von Beyoncé beim Superbowl erleben die USA zum zweiten Mal in einer Woche schwarzen Protest und schwarze Selbstermächtigung zur besten Sendezeit.

Der unverdiente Gewinner

Nun ist die Kategorie "Record of the Year" trotz ihrer prominenten Platzierung ganz am Ende der Grammy-Verleihung nur der kleine, um Aufmerksamkeit heischende Bruder des besten Songs des Jahres. Der Preis geht ja nicht an den besten Songschreiber, sondern an das beste Produktionsteam. Dass Überraschungsgast Beyoncé den Grammy nach einer kurzen, aber beeindruckenden Laudatio an Mark Ronson und Bruno Mars und deren Song "Uptown Funk" übergibt, ist dennoch eine kleine Überraschung. "Art is the unapologetic celebration of culture through self expression", philosophiert Queen Bee. Das trifft auf Kendrick Lamar zu. Und auf ihren eigenen Auftritt beim Super Bowl. Aber auf Bruno Mars und Mark Ronson? Und diesen ganz schmissigen, aber retromanisch drögen Funk-Aufwärmer von einem Song? Da sagt selbst "Blank Space" von Taylor Swift mehr über unsere Zeit aus.

Das beste Album

Achja, Taylor Swift. Die räumt an diesem Abend ganz entspannt drei Grammys ab - einen davon für das beste Album des Jahres - und stichelt in ihrer Dankesrede subtil gegen Kanye: "Es wird immer Menschen geben, die deinen Erfolg untergraben oder deine Errungenschaften für sich beanspruchen wollen." Die Aufregung im Netz war sofort groß. Dabei ist die mögliche Reaktion auf Kanyes "I made that bitch famous"-Zeile von der gerade erschienenen Platte "The Life of Pablo" nicht einmal ein kleines Skandälchen, sondern nur das wohlinszenierte Klappern des großen Pop-Getriebes. Was man dabei nicht vergessen darf: "1989" ist wirklich ein verdammt gutes Album.

Die beste Newcomerin

Zu den Grammys gehört auch immer die Gleichzeitigkeit von eigentlich unvereinbaren Welten. Traditionalisten und Avantgarde, Country und Rap, die alten Klapprigen und die jungen Wilden. Oder auch Taylor Swift und Newcomerin Meghan Trainor. Die eine ermutigt in ihrer Dankesrede alle jungen Frauen, selbstbewusst ihren Weg zu gehen. Die andere zittert ihm Heulkrampf gerade mal ein Danke an Mum und Dad heraus. Das könnte man als zwar arg klischeehafte, aber ganz süße Episode verbuchen, wäre da nicht die arg traditionelle Fantasie in ihrem Song "Dear Future Husband". Meghan Trainor - selbstbewusster Nachwuchs und doch Traum-Hausfrau.

Der Vergessene

Haben wir nicht jemanden vergessen? Nein, nicht Adele. Deren Rekordbrecher-Platte "25" ist aufgrund ihres späten Erscheinungsdatums erst bei der nächsten Grammy-Runde mit dabei. Trotzdem sang sie sich an diesem Abend souverän durch alle technischen Probleme. Nein, die Rede ist von Drake. Der tauchte in gerade mal zwei Kategorien auf - und musste sich in beiden von Kendrick Lamar demütigen lassen, der die Preise für das beste Rap-Album und die beste Rap-Performance gewann. Und "Hotline Bling" war gar nicht erst nominiert. Warten wir also auf die ersten traurigen Drake-Meme.

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