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Musikphilosophie:Immer neue Mythen gebären

"Zauber, Improvisation, Virtuosität: Vladimir Jankélévitchs Nachdenken über Musik.

Von Helmut Mauró

Zumindest in musikalischen Dingen wurde der französische Philosoph Vladimir Jankélévitch (1903 - 1979) - die Eltern waren einst aus Odessa immigriert - nicht immer ganz ernst genommen. Der Dirigent und Musikologe René Leibowitz urteilte über die Fauré-Monografie des Philosophen, es bleibe unverständlich, wieso man jemanden, der keine soliden technischen Kenntnisse habe, eine solch dilettantische Studie veröffentlichen lasse. Auch in englischen Rezensionen findet man scharfe Worte, etwa zu Jankélévitchs Ravel-Buch: Das Beste daran seien die Fotos und die Chronologie am Ende. Was Leibowitz außerdem stört, sind Jankélévitchs Ausfälle gegen Beethoven, Wagner und Strauss. Allerdings begegnet der Philosoph gerade Strauss in seiner Abhandlung über Programmmusik respektvoll objektiv.

Gleichwohl geht es hier weniger um Voreingenommenheit - Jankelevitch wurde als "Nicht-Franzose" von der Vichy-Regierung die Professur entzogen, die er erst 1947 wiedererlangte - als vielmehr um ein oft sehr zielgerichtetes Erkennen und Deuten. Die deutsche Musik soll offensichtlich nicht mehr jene Hauptrolle spielen, die man ihr bis zur Machtergreifung der Nazis auch in Frankreich uneingeschränkt zugestand. Jankélévitch gehört zu jener geisteswissenschaftlichen Richtung, die der deutschen Kultur generalisierend vorwirft, den Holocaust nicht nur ermöglicht, sondern zwingend hervorgebracht zu haben. Er wandte sich gegen eine französisch-deutsche Annäherung; mit seinem Essay "Pardon" verhinderte er ein Gesetz zur Verjährung von Kollaborationsverbrechen.

In den nun erschienenen Aufsätzen zur Musikphilosophie aus den Jahren 1942 bis 1985 lebt dieser spezielle Furor weiter, der den musikkundigen Metaphysiker aber auch zu inspiriert entgrenztem Denken antreibt. Es geht um grundsätzliche Fragen wie die Kategorie der Zeit, um musikalische Formen und Erscheinungsformen, diskursive Improvisation und erzählende Musik - konkret um Werke von Gabriel Fauré, Federico Mompou, Franz Liszt. Allemal anregend ist es, wie Jankélévitch aus der allgemeinen Philosophie eine speziell musikbezogene entwickelt. Wie er im Kapitel über Bergson den Pessimismus des 19. Jahrhunderts, den Umbruch vom Denken in hieratischen Unbeweglichkeiten in eine positive Philosophie der schöpferischen Evolution feiert und damit schon den Kern musikalischen Denkens ins Spiel bringt. Stillstand ist nur ein unterbrochener Prozess, der Begriff ein innehaltender Gedanke. Fixstern des Denkens bleibt hierbei Henri Bergson, den er gegen den deutschen Idealismus und andere "Freunde des Unlösbaren" in Stellung bringt.

Jankélévitch wendet dessen Betrachtungen aber nicht auf die Musik an, sondern geht den umgekehrten Weg, aus musikalischen Beobachtungen allgemeinphilosophische abzuleiten. Etwa anhand der "Musica callada" des 1893 in Barcelona geborenen Klavierkomponisten Federico Mompou. Dieser Zyklus "schweigsame Musik" sei ein "Mysterium der fernen Gegenwart, das selbst ein Zauberwerk ist". "Der unfühlbare Körper dieser inexistenten Existenz gleicht dem Klang, der in der Atmosphäre vibriert und immer anderswo, immer anders ist." Für seine mythenbildenden Lösungen sucht und findet Jankélévitch auch Probleme, die für den praktischen Musiker aber gar nicht vorhanden sind: "Wie kann man zugleich pianissimo ma sonoro spielen?"

Das "Paradox dieser Widersprüche" löse sich "für den Pianisten von selbst im pneumatischen Mysterium der Interpretation auf". "Bezeichnet das sonore Pianissimo, welches das Ende von Manuel Blancaforts 'Le chenin sur la colline' einführt, nicht eine Spielweise und zusammen damit eine Seelenstimmung? Das Wunder der Identität der Widersprüche vollzieht sich somit alle Tage unter den Fingern des Pianisten." Die musikalischen Denkvorlagen sind allerdings nicht gerade historisch objektiv, der Blick verengt. Die Feststellung etwa, Mompous Harmonien seien nie absolut konsonant und auch nicht absolut dissonant, gilt für die meiste Musik nach Beethoven, lässt sich ebenso als typisch für Brahms oder Strauss anführen.

Andere Beobachtungen und Ableitungen, wie etwa "notwendig ist ein Beinahe-Nichts, ein Halbton, eine abweichende Note - und der beinahe-vollkommene Akkord bleibt 'unvollkommen'", sind historisch eher Richard Wagner zuordnen. Nicht erst seit Mompou ist das Unharmonische, also das Unvollkommene dem Vollkommenen gleichgestellt. Jankélévitch meidet Wagner hier sicherlich wider besseres Wissen. Oft wachsen grundsätzliche Gedanken auf musikalischen Nebenschauplätzen. Ganz am Ende spricht er von der Ernsthaftigkeit des Belanglosen, von Debussys flüchtigen Meisterwerken des Unbeständigen, lenkt die Gedanken auf die "kurzlebigen Wunder der Pyrotechnik". Und so kommt er auf den Virtuosen, auf "das Geheimnis einer oberflächlichen Tiefe", die nicht dechiffrierbar ist. "Ein solches Geheimnis ist, was man ein Mysterium nennt."

Und darum geht es Jankélévitch: den Mythos als alternativen Erkenntniszustand aufrecht zu erhalten oder neu zu begründen, wo er verloren gegangen ist. Sein von der Musik ins Allgemeine gezogener Schlusssatz lautet folglich: "Die Virtuosität verewigt das kurzzeitige Aufflammen und die Strohfeuer des Ruhmes; in ihrem Aufblitzen macht sie für alle das Mysterium des erloschenen Wunders, des erschienenen und für immer verschwundenen Wunders sinnlich wahrnehmbar." Es ist die Erfüllung von Bergsons Postulat, die über allem stehende Aufgabe sei es, Götter hervorzubringen.

Vladimir Jankélévitch: Zauber, Improvisation, Virtuosität. Schriften zur Musik. Aus dem Französischen von Ulrich Kunzmann. Herausgegeben von Andreas Vejvar. Suhrkamp Verlag, Berlin 2020. 422 Seiten, 24 Euro.

© SZ vom 13.10.2020
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